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Muslim-Mapping in Los Angeles: Die kartografierte Pseudo-Gefahr

Von Yassin Musharbash

Die Polizei von Los Angeles will die Muslime der Stadt in einer Landkarte erfassen, um potentielle Radikalisierungsherde zu identifizieren. Der Protest ist massiv - kann präventives Profiling hilfreich sein, auch in Deutschland?

Berlin - Vorerst ist Michael P. Downing gescheitert. Sein Projekt ist gestoppt - der Protest muslimischer Verbände und Bürgerrechtsgruppen war zu groß. Heute wird sich der Chef der Anti-Terror-Abteilung der Polizei von Los Angeles (LAPD) mit Vertretern der muslimischen Community treffen, um "die Beziehungen zu stärken".

Muslime in Los Angeles: "Isolierte Enklaven"?
REUTERS

Muslime in Los Angeles: "Isolierte Enklaven"?

Das Projekt, das Downing im Sinn hatte, war eine völlig neue Art von Landkarte der kalifornischen Metropole. Mal drückte er sich vorsichtig aus, wenn er es beschrieb. Dann sprach er von "einem tieferen Blick auf die Geschichte, Demographie, Sprache, Kultur, ethnische Zusammensetzung, den sozioökonomischen Status und die soziale Interaktion" in Los Angeles. Ein anderes Mal wurde er deutlicher: Er wolle wissen, "wo die Iraner, die Tschetschenen und die Pakistaner leben", sagte er, "damit wir sie erreichen können". Er wolle Gegenden identifizieren, die Probleme haben könnten, sich in die "größere Gesellschaft" zu integrieren - und deren Mitglieder möglicherweise anfällig dafür sein könnten, Terroristen zu werden.

Worum es also wirklich ging: eine Stadtkarte der potentiellen Gefahr. Der Terrorgefahr. Das LAPD sollte Daten zusammentragen, wo in der Metropole welche Muslime aus welchen Ursprungsländern leben, wie viel sie im Schnitt verdienen und was man sonst noch so über sie weiß.

Bürgerrechtler warnen vor Generalverdacht

Dem Unterfangen lag die These zugrunde, dass islamistische Terroristen meist aus "isolierten Enklaven" stammen - aus Parallelgesellschaften. So habe man es in Europa lernen müssen. Bei einer Anhörung sagte Downing, Kriterien für einen potentiellen Radikalisierungsherd könnten auch sein, ob jemand der wahhabitischen Auslegung des Islam anhängt, ob er aus einem instabilen Herkunftsland kommt und woher er seine Nachrichten bezieht.

Das waren mehr als genug Vorlagen für die muslimischen Organisationen und die Bürgerrechtgruppen, um Downing anzugreifen: Polizisten könnten nicht entscheiden, was moderat und was radikal sei, argumentieren sie ("Ist ein Irakkrieg-Gegner moderat?). Außerdem seien die USA nicht Europa.

Das stimmt in Bezug auf die muslimische Minderheit allemal. In den USA sind nur zwei Prozent von ihnen arm, die meisten ökonomisch erfolgreich. In Europa sind überproportional viele Muslime arbeitslos. Außerdem leben US-Muslime weniger dicht beieinander. Und sie sind weniger anfällig für islamistisches Gedankengut, zeigen Studien.

"O Gott, was für ein Schwachsinn!"

Die Bürgerrechtler finden, dass der LAPD-Beamte die Muslime unter Generalverdacht stellen wollte. Die Polizei entgegnete, es gehe hier um Communitys, nicht um Individuen und schon gar nicht um "religiöses Profiling" - sondern darum, die muslimische Minderheit von rund 500.000 Personen besser zu verstehen.

Aber die Polizeibehörde drang mit dieser Botschaft nicht durch. Es kam zum kontrollierten Rückzug: Die Kartierung wird auf unbestimmte Zeit verschoben.

Downing ist freilich nicht er erste, der Daten und Orte zueinander in Beziehung setzen wollte, um Terrorismus zu bekämpfen. In Großbritannien schlug die Einwanderungsministerin Ruth Kelly 2006 vor, eine "Landkarte des Extremismus" zu erstellen. Sie sollte islamistische Hotspots wie bestimmte Moscheen oder Universitäten darstellen. Auch deutsche Behörden identifizierten 39 sogenannte Zentren der Radikalisierung, die man nur noch auf einer Deutschlandkarte hätte eintragen müssen.

Allerdings funktionierten diese Karten andersherum: Man hatte Daten über Radikale und bezog sie auf ein bestimmtes geografisches Gebiet. Downing wollte aber keine Karte der tatsächlichen, sondern eine der potentiellen künftigen Gefahr - und die wollte er gewinnen durch das Auswerten von sehr rohen Rohdaten wie Herkunftsland (Religionszugehörigkeit wird in den USA nicht abgefragt), der Muslim-Dichte pro Straßenzug und dem Einkommen.

Kann so etwas funktionieren? Lassen sich durch die Analyse solcher Daten im Entstehen begriffene "Hotspots" erkennen? Und würde das auch in Deutschland funktionieren?

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