Islamisten-Demo in Kairo: Glaubenskrieg in Ägypten

Aus Kairo berichtet

Ägyptens Islamisten zeigen ihre Stärke. Mit Massenkundgebungen stützen sie den Kurs von Präsident Mursi und seinen Muslimbrüdern. Das Ziel ist klar: Die Religion soll Politik und Gesellschaft bestimmen.

Mohammed macht aus seiner Überzeugung keinen Hehl. Der 30-Jährige mit faustlangem Bart steht auf der Demonstration der Islamisten in Kairo und schwenkt eine schwarze Flagge, darauf das muslimische Glaubensbekenntnis. Sie gilt als die Flagge des Propheten Mohammed. Mit weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund verwendet wird sie nur in Kriegszeiten.

"Wir haben die schwarze Flagge gewählt, weil da draußen ein Feind ist", sagt er und zeigt nach Norden in Richtung Tahrir-Platz. "Da gibt es Leute, die dagegen sind, dass wir die islamische Gesetzgebung in Ägypten anwenden." Dort, rund zwei Kilometer Luftlinie entfernt, protestieren seit einer Woche die ägyptischen Säkularen und Liberalen gegen die Dekrete, mit denen sich Präsident Mohammed Mursi autoritäre Vollmachten übertragen hat.

Mursi hat den Streit um die Dekrete zum Religionskrieg gemacht. Die Demonstration, die zu seiner Unterstützung am Samstag stattfindet, trägt den Slogan "Scharaja wa Scharia" - "für Legitimität und für die islamische Gesetzgebung". Im begleitenden Statement der ägyptischen Muslimbruderschaft heißt es, man sei für die "volle Unterstützung der Legitimität von Ägyptens gewähltem Präsidenten und für die Identität der Nation". Wie Mohammed sagt: "Es geht darum, dass Ägypten ein muslimischer Staat ist, punktum."

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Islamisten-Demo in Kairo: Küsse für Mursi
Ägypten ringt um seine Identität. Ähnlich wie in Tunesien haben die Aufstände das säkulare Establishment weggefegt. Jahrzehntelang regierte diese liberale Elite brutal und mit guten Beziehungen nach Europa und in die USA. Nun hat das demokratische Mehrheitsprinzip das Blatt plötzlich gewendet. Die unter der Diktatur verfolgten Islamisten haben von den ersten Wahlen profitiert.

Von vielen Muslimbrüdern wird dies als späte Revanche begriffen. Rücksichtslos boxten sie einen Verfassungsentwurf durch, der dem Einfluss der Religiösen Schlupflöcher bietet. Ägyptens Islamisten berufen sich auf das demokratische Mehrheitsprinzip. Kaum einer will einen Gottesstaat errichten. Den meisten geht es um eine demokratische Präsidialrepublik - mit muslimischer Leitkultur.

"Oh Mursi, Mursi du hast recht", schmettert der Refrain eines selbstkomponierten Popsongs über den Nahda-Platz vor Kairos Universität. Kurzfristig haben die Islamisten sich für den Uni-Garten entschieden, weil auf dem Tahrir-Platz noch Mursis Gegner sind. Zufällig gewählt ist der Ort wohl nicht. Nahda, der Renaissance-Platz, soll für den Beginn des postrevolutionären, islamischen Ägyptens stehen. Nahda ist auch der Slogan für das Programm von Präsident Mursi. "Wir müssen uns verteidigen. Die Scharia wird uns regieren", fängt die nächste Strophe des Songs an.

"Wir sind die echten Revolutionäre!", sagt der 58-jährige Muslimbruder Hassam Fadda aus Ismailia, wo die Bewegung 1928 entstand. Mursis Kritiker auf dem Tahrir-Platz sind für ihn vom Westen und von Anhängern des alten Regimes angestachelte Provokateure. "Wir haben seit achtzig Jahren Widerstand geleistet", sagt der Muslimbruder. Er, der unter Mubaraks Vorgänger Sadat kurzzeitig im Gefängnis saß, lebt allerdings erst seit sieben Monaten wieder in Ägypten. Bis dahin war er jahrzehntelang im Ausland.

"Mir geht Mursi nicht weit genug", sagt Mohammed mit der schwarzen Flagge. Im neuen Verfassungsentwurf heißt es, die Gesetzgebung solle auf den Prinzipien der Scharia basieren - in arabischen Ländern ein gängiger Artikel. Diese Formulierung bedeutet, dass man sich von den Werten der islamischen Gesetzgebung leiten lassen will, allen voran Gerechtigkeit. Es bedeutet keine wortwörtliche Interpretation der Scharia wie etwa unter den Taliban. "Ich will eine wörtliche Auslegung der Scharia", sagt Mohammed. "Wir wollen Muslime sein und in unserem Land nach unseren Regeln leben - darum demonstriere ich heute hier."

Unterdessen hat auf dem Tahrir-Platz die säkulare Minderheit noch nicht verstanden, woher der neue Wind weht. Dort will man lieber nach eigenen Regeln spielen. "Ich glaube schon, dass eine Mehrheit der Ägypter für den neuen Verfassungsentwurf stimmen würde", sagt die 38-jährige Heba Maslum. "Aber das ist mir egal. Wir werden trotzdem weiter dagegen demonstrieren."

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1.
Onkel_Karl 01.12.2012
Zitat von sysopAFPÄgyptens Islamisten zeigen ihre Stärke. Mit Massenkundgebungen stützen sie den Kurs von Präsident Mursi und seinen Muslimbrüdern. Das Ziel ist klar: Die Religion soll Politik und Gesellschaft bestimmen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/muslimbrueder-in-aegypten-islamisten-starten-demonstrationen-in-kairo-a-870448.html
Viel Glück und viel Segen auf allen ihren Wegen... Wo sind die Demokraten und pro westliche Bürger? Wer und warum hat diese Rev. angezettelt,wem hilft das? Warum wird Mursi von Westen,als ein Heiliger dargestellt,obwohl er ganze ägyptische Elite auslöscht,was muss noch passieren,damit NATO endlich in die Region einmarschieren kann,..
2. optional
spon-facebook-10000283853 01.12.2012
"Diese Formulierung bedeutet, dass man sich von den Werten der islamischen Gesetzgebung leiten lassen will, allen voran Gerechtigkeit.Es bedeutet keine wortwörtliche Interpretation der Scharia wie etwa unter den Taliban." Was soll diese Augenwischerei? Warum sollte man sich nicht Wort für Wort daran halten? Gerechtigkeit?! Wo steht das in dem Artikel? Seit wann ist "Gerechtigkeit" ein islamisches Prinzip? Bei einem Dogma geht es nicht um persönliches Gerechtigkeitsempfinden, das jeder für sich auslegt. Woher kommt diese Interpretation? Furchtbar wie der Autor hier versucht zu relativieren.
3. Warum?
horstma 01.12.2012
Zitat von Onkel_KarlViel Glück und viel Segen auf allen ihren Wegen... Wo sind die Demokraten und pro westliche Bürger? Wer und warum hat diese Rev. angezettelt,wem hilft das? Warum wird Mursi von Westen,als ein Heiliger dargestellt,obwohl er ganze ägyptische Elite auslöscht,was muss noch passieren,damit NATO endlich in die Region einmarschieren kann,..
Warum so dramatisch? Die Demokraten und pro-westlichen Bürger sind in Ägypten leider in der Minderheit. Das haben die Wahlen gezeigt, und man muß es vorerst akzeptieren. Genau jede Minderheit hat die Rev. angezettelt, und die Analphabeten vom Land sind ihr bei der Wahl in den Rücken gefallen. Warum sollte die NATO einmarschieren, solange die Mohammedaner kein Nato-Land angreifen? Mursi wird schon lange nicht mehr als Heiliger dargestellt.
4. Die NATO hat dort nichts verloren...
Snoopy60 01.12.2012
Die Ägypter müssen selbst sehen, daß sie in diesem frühen Stadium der sich aufbauenden Diktatur aus der Sackgasse kommen. Der Westen kann nur die Gelder sperren, die USA die Militärhilfe, Deutschland beispielsweise die Entwicklungshilfe stoppen. Die NATO kann Ägypten nicht befrieden, sie würde von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung als Eindringlinge angesehen, die sich in Ägyptens Angelegenheiten einmischen, angesehen. Das Problem ist bei diesen Forderungen nach Einmischung, daß sich die Opposition nur solange einig ist, solange der gemeinsame Feind besteht. Ist dieser Weg, gehen die Streitigkeiten untereinander los. Das konnte man in Tunesien und in Libyen sehen, das wird auch in Syrien so sein, wenn denn der Bürgerkrieg dort irgendwann beendet sein wird, und genauso ist es auch in Ägypten. Bei aller Sympathie für die demokratischen Kräfte, ein militärischer Eingriff seitens der NATO würde schon am UN-Sicherheitsrat scheitern, und selbst wenn von dort das Placet käme, wäre es ein Stich ins Wespennest. Nein, man kann nur diplomatischen und wirtschaftlichen Druck auf Ägypten ausüben. Und ja, als potentieller Tourist kann ich beschließen, solange nicht mehr nach Ägypten zu reisen, bis sich die Lage wieder zugunsten demorkatischer Entwicklungen verändert hat. Ich persönlich habe diese Entscheidung jedenfalls getroffen. Bis auf weiteres keine Reisebuchungen nach Ägypten mehr, Herr Mursi!!!
5. Take it or leave it...
marifu 01.12.2012
[QUOTE=sysop;11471261.....Ich glaube schon, dass eine Mehrheit der Ägypter für den neuen Verfassungsentwurf stimmen würde", sagt die 38-jährige Heba Maslum. "Aber das ist mir egal. Wir werden trotzdem weiter dagegen demonstrieren." [/QUOTE] Ja, genauso ist es. Jeder hier weiss, dass bei dem Volksentscheid die neue Verfassung von der Mehrheit akzeptiert wird. Mursi hat einfach das Volk auf seiner Seite, da machen paar ein paar tausende Demonstranten nichts aus. Witzig ist ja schon, dass man in ausländischer Presse fast nur von den Gegendemos auf dem Tahrir-Platz berichtet, von abhalfternden Greisen wie Amr Mussa und Baradei die nicht überwinden können, dass sie vom Volk eiskalt in den Wahlen abgesägt wurden, alte Fotos vom Gegen-Demos auf dem Tahrir-Platz werden eingestellt, etc etc......aber wenn wie heute die größte Menschenansammlung seit der Revolution vor fast zwei Jahren auf der Strasse ist, dass ganze Stadtteile in Kairo von Giza bis Dokki von Demonstanten/innen, Kind und Kegel überflutet waren (bzw. zu diesem Zeitpunkt noch sind) um Mursi Solidarität zu zeigen wird nur berichtet, dass die "Islamisten" in Kairo die Macht an sich reissen würden. Die derzeitige deutsche Berichterstattung erinnert an die Anfänge der Revolution als die ägyptischen Sender ständig nur Bilder von ein paar tausend Leuten auf dem Tahrir-Platz laufen hatten während es schon Tote gab und die Menschen schon zu hundertausenden auf den Strassen waren. Sehr einseitige Berichterstattung in deutscher Presse, ... um die Lage in Ägypten anders darzustellen ?! Absichtlich ? ...kann oder will man es eigentlich nicht akzeptieren, dass Ägypter tatsächlich FREIWILLIG !! in großer Mehrheit eine islamisch ausgerichtete Regierung anstreben weil dies IHRER Auffassung von Demokratie widersprechen würde ? Oder weiss man es tatsächlich nicht besser, kopiert nur irgendwas ab, knallt irgendein "Interview" zur "brisanten" Lage in Ägypten von irgendwelchen nichtssagenden Leuten hinterher und druckt es nach ? Wieso kann eigentlich kaum jemand das Gute bei den Protesten erkennen ? Dass die Leute jetzt endlich nach dreissig Jahren auf die Strasse gehen können und ihre Meinung sagen, selbst wenn es zwecklos sein wird weil sie in der Minderheit sind ? (siehe oben Hebba, die trotzdem weiterdemonstrieren wird auch wenn sie der Überzeugung ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung für den neuen Verfassungsantrag stimmen wird) Warum immer alles so pessimistisch sehen ? Auch das ist nämlich Demokratie, dass Menschen für etwas mehrheitlich stimmen was einem selbst zuwider wäre.
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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