Machtkampf in Ägypten Muslimbrüder rufen zur Woche des Widerstands auf

Ägypten versinkt in Gewalt und ein Ende ist nicht in Sicht. Am "Tag der Wut" sind landesweit bislang mindestens 70 Menschen ums Leben gekommen. Trotz vieler Opfer in ihren Reihen wollen die Muslimbrüder weiter protestieren.


Kairo - Ägypten blickt zurück auf einen weiteren Tag der Gewalt. Erneut gab es Dutzende Tote bei Straßenschlachten zwischen Anhängern der Muslimbrüder und Sicherheitskräften der Übergangsregierung. Die Kämpfe währten bis in die Nacht zum Samstag fort, insbesondere am Kairoer Ramses-Platz, wo sich die Unruhen am "Tag des Zorns" konzentrierten.

Am Abend hatte eine Islamistengruppe vorerst zum Ende der Proteste am Freitag aufgerufen. Nachgeben wollen die Muslimbrüder aber nicht: Sie rufen ihre Anhänger zu weiteren Protesten gegen das Militär auf. Für eine Woche solle es täglich landesweit Demonstrationen geben, heißt es in einer Erklärung der Bruderschaft, die am Freitagabend verbreitet wurde.

Die Islamisten stellen sich selbst als Kämpfer für Demokratie und gegen einen Polizeistaat dar. Armee und Regierung verurteilen ihre Gegner in den staatlichen Medien dagegen pauschal als Terroristen, für die weder Bürger- noch Menschenrechte gelten dürften.

Bis zum Abend waren bei Zusammenstößen zwischen Protestierenden und Sicherheitskräften landesweit mindestens 70 Menschen getötet worden. Allein in Kairo gab es am Freitag mehr als 50 Tote. Mehrere hundert Menschen wurden verletzt. Nach Angaben der Sicherheitskräfte wurden bei den Ausschreitungen seit Mittwoch auch 67 Polizisten getötet.

Die Unruhen in der Hauptstadt konzentrierten sich um den Ramses-Platz vor dem Hauptbahnhof. Dorthin zogen mehrere Protestzüge der Muslimbrüder, die sich nach den Freitagsgebeten vor zahlreichen Moscheen gebildet hatten. Sicherheitskräfte gingen wie zuvor angedroht gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Von Häuserdächern feuerten Scharfschützen in die Menge.

Auf beiden Seiten kämpfen bewaffnete Zivilisten

Auch einige Regierungsgegner waren bewaffnet. Das ägyptische Staatsfernsehen strahlte Bilder von Männern in Zivil aus, die von einer Brücke aus auf Sicherheitskräfte schossen. Zahlreiche Demonstranten gerieten zwischen die Fronten - einige sprangen aus Verzweiflung von der Brücke, um dem Kugelhagel zu entkommen.

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Ägypten: Gewalt in Kairo, Hinweis für Reisende

In mehreren Stadtteilen Kairos formierten sich bewaffnete Bürgerwehren, die Seite an Seite mit den Sicherheitskräften Jagd auf Muslimbrüder machten - und jene, die sie bezichtigten, auf Seiten der Islamisten zu stehen.

Auch in anderen Städten gab es gewaltsame Zusammenstöße. Aus Ismailia, einer Stadt am Suezkanal, in der vor 85 Jahren die Muslimbruderschaft gegründet wurde, wurden acht Tote gemeldet. In Ägyptens zweitgrößter Stadt Alexandria gab es mindestens fünf Tote. In der Oasenstadt Fajum südwestlich von Kairo kamen bei Ausschreitungen ebenfalls mehrere Menschen ums Leben.

Erneut gab es Übergriffe auf die christliche Minderheit in Ägypten. In Minja, einer Stadt am Oberlauf des Nils, gingen nach Angaben der Regierung eine Kirche und koptische Schulen in Flammen auf. Bereits in den vergangenen Tagen waren mehrere christliche Einrichtungen angegriffen worden. Das Militär und koptische Vertreter machen Anhänger der Muslimbrüder für die Übergriffe verantwortlich. Die Islamisten bestreiten ihre Verstrickung. Etwa zehn Prozent der 85 Millionen Ägypter sind Christen. Sie bilden damit die größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten.

Die Europäische Union beobachtet die Entwicklungen in Ägypten mit wachsender Sorge. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Beziehungen zu dem Land auf den Prüfstand stellen. Für die kommende Woche ist ein Sondertreffen der EU-Außenminister geplant.

Als erste Konsequenz schränkte die Bundesregierung Hilfszahlungen an Ägypten ein und riet für das komplette Staatsgebiet von Reisen ab. Große europäische Reiseveranstalter wie TUI, Thomas Cook und Alltours haben alle Ägypten-Reisen bis Mitte September abgesagt.

Kairo auf einen Blick: Die wichtigsten Schauplätze der vergangenen Tage
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Kairo auf einen Blick: Die wichtigsten Schauplätze der vergangenen Tage

syd/dpa/Reuters/AFP

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Seite 1
Whitejack 16.08.2013
1.
Zitat von sysopAPÄgypten versinkt in Gewalt und ein Ende ist nicht in Sicht. Am "Tag der Wut" sind landesweit bislang mindestens 70 Menschen ums Leben gekommen. Trotz vieler Opfer in ihren Reihen wollen die Muslimbrüder weiter gegen die Armee protestieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/muslimbrueder-in-aegypten-rufen-zur-protestwoche-gegen-die-armee-auf-a-917048.html
Ist das korrekt übersetzt? Bei Übersetzungen aus dem arabischen/persischen Raum muss man ja immer sehr vorsichtig sein, da haben sich schon so manche in die Nesseln gesetzt, siehe Rohanis Aussagen zu Israel. Aber wenn es korrekt übersetzt ist, dann MUSS man darauf hinweisen, dass Menschenrechte immer gelten. Deswegen sind es Menschenrechte, sie gelten auch für den Gewalttäter im Gefängnis. Bürgerrechte können entzogen werden, die Würde des Menschen ist aber unantastbar. Wer seinen Gegnern die Menschlichkeit abspricht, setzt sich ins Unrecht. Hoffentlich kommen die demokratischen und säkularen Kräfte wieder zur Vernunft und erinnern sich an ihre Werte. Andernfalls sollten sie in Zukunft sich mit einschließen, wenn sie dem Westen Verrat an den eigenen Werten vorwerfen.
Klartext007 16.08.2013
2. Oh ja, die Menschenrechte
Zitat von WhitejackIst das korrekt übersetzt? Bei Übersetzungen aus dem arabischen/persischen Raum muss man ja immer sehr vorsichtig sein, da haben sich schon so manche in die Nesseln gesetzt, siehe Rohanis Aussagen zu Israel. Aber wenn es korrekt übersetzt ist, dann MUSS man darauf hinweisen, dass Menschenrechte immer gelten. Deswegen sind es Menschenrechte, sie gelten auch für den Gewalttäter im Gefängnis. Bürgerrechte können entzogen werden, die Würde des Menschen ist aber unantastbar. Wer seinen Gegnern die Menschlichkeit abspricht, setzt sich ins Unrecht. Hoffentlich kommen die demokratischen und säkularen Kräfte wieder zur Vernunft und erinnern sich an ihre Werte. Andernfalls sollten sie in Zukunft sich mit einschließen, wenn sie dem Westen Verrat an den eigenen Werten vorwerfen.
gelten im Zweifel für die Täter. Wir dürfen nicht die Werte vergessen, die auch die Täter zum Opfer generierern. Oder doch nicht? Eins zum Thema Arabischer Frühling. Der Begriff wird zwar mit Wollust immer wiedergekäut, hat mit Frühling aber so wenig zu tun wie Sommer mit dem Winter. Ein Land dem Demokratie ein Fremdwort ist, wird durch westliche Beschönigung weder besser, noch interessiert es dort jemanden.
isacha 16.08.2013
3. EU hat versagt
Wo waren die Kommentare und das Einwirken auf Mursi als er für jeden sichtbar das Land in einen Gottesstaat umwandeln wollte. Mal offen mal versteckt. Ein Einschreitebpn damals hätte die heutige Situation möglicherweise verhindern können. Und die USA hat wie immer aller verschlafen. Zur Innenpolitik nicht in der Lage und zur Außenpolitik zu arrogant und dumm.
nochmehrunsinn 16.08.2013
4.
Der Islam in Nordafrika wird nach den ganzen Auseinandersetzungen einanderer sein. Hoffen wir mal das die gewinnen die es satt haben sich von alten Männern mit Bärten sagen zu lassen vor welcher Schule oder Moschee sie sich für den gerechten Glauben in die Luft sollen. Oder von anderen dafür in die Luft gesprengt zu werden!
tomatosoup 16.08.2013
5. Das sind Brüder
Das sind so Brüder, die bei den Wahlen eine knappe Mehrheit erzielt haben und gleich danach das gesamte ägyptische Volk unter das Joch einer menschen-rechtsfeindlichen Verfassung peit-schen wollten. Ein Missbrauch der Wahl wie vor 80 Jahren unter dem Massenmörder Adolf Hitler. Die "brüderlichen" Hassprediger werden genau so untergehen wie einst der mörderische "Arier."
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