Demonstrationen in Ägypten Muslimbrüder marschieren zum Verfassungsgericht

Ägyptens Armeechef Sisi fordert ein Ende der Proteste. Doch die Muslimbrüder ignorieren seine Worte. In Kairo und anderen Städten versammelten sie sich am Sonntag zu neuen Demonstrationen gegen die Übergangsregierung.

Sicherheitskräfte vor Verfassungsgericht: Neue Proteste in Kairo
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Sicherheitskräfte vor Verfassungsgericht: Neue Proteste in Kairo


Kairo - Ägyptens Machtkampf zwischen Militär und Muslimbrüdern geht in eine neue Runde. Am späten Sonntagnachmittag begannen in Kairo sechs Demonstrationen, die in Richtung des Verfassungsgerichts ziehen. Damit wollen die Islamisten symbolisch die Wiedereinsetzung der Verfassung des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi fordern. Die Sicherheitskräfte vor dem Gebäude sind in Alarmbereitschaft.

Einen anderen für Sonntag geplanten Marsch durch Kairo haben die Mursi-Anhänger dagegen abgesagt - offiziell aus Sicherheitsgründen. Ursprünglich wollten sie zum Roxy-Platz im Stadtteil Heliopolis ziehen. Auf Häuserdächern entlang der Route hätten Scharfschützen Stellung bezogen, behaupteten die Muslimbrüder in einer Erklärung. Trotzdem versammelten sich am späten Nachmittag auch dort einige hundert Demonstranten.

In anderen Orten fanden ebenfalls Kundgebungen statt. Jeweils mehrere tausend Menschen demonstrierten in den Städten Sagasig im Nildelta und Helwan, südlich von Kairo.

In den vergangenen Tagen war bei Protesten der Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi die Gewalt mehrfach eskaliert. Am Mittwoch hatte die Armee zwei Zeltlager der Islamisten in Kairo gestürmt, in den folgenden Tagen kam es in vielen Städten zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen. Dabei wurden bislang nach offiziellen Angaben des Gesundheitsministeriums 830 Menschen getötet, unter ihnen 57 Polizisten.

ElBaradei hat Ägypten verlassen

Am Nachmittag verbreitete das Militär eine neue Erklärung von Armeechef und Verteidigungsminister Abd al-Fattah al-Sisi. In einer Rede vor Militärs betonte er, dass die Sicherheitskräfte weiterhin entschieden gegen jeden vorgehen werden, der die nationale Sicherheit bedrohe. In dem Konflikt mit den Muslimbrüdern hätten sich Armee und Polizei jedoch "ehrlich, gerecht und transparent" verhalten, sagte Sisi. Ohne sie beim Namen zu nennen warf er den Mursi-Anhängern vor, sie wollten Ägypten in einen religiösen Konflikt führen.

Der Armeechef betonte, dass die Armee den gewählten Präsidenten abgesetzt habe, weil das Volk sie zum Einschreiten gegen die Terroristen aufgefordert habe. Alle Aufrufe an die alte Regierung, ihren Kurs zu ändern, seien erfolglos geblieben. Erstmal ging Sisi auf die Anhänger der Muslimbruderschaft zu: "Ich lade die Anhänger des alten Regimes ein, sich an der Wiederherstellung des demokratischen Prozesses zu beteiligen, anstatt den ägyptischen Staat herauszufordern und zu bekämpfen." Zum Plan von Premierminister Beblawi, die Muslimbruderschaft zu zerschlagen, äußerte sich Sisi nicht.

Stattdessen kritisierte er erneut die westlichen Medien, die ein falsches Bild von der Lage in Ägypten vermittelten. Die Hetze gegen ausländische Journalisten bleibt nicht ohne Folgen. Zahlreiche Reporter sind in den vergangenen Tagen von Schlägertrupps in Kairo angegriffen worden, viele wurden stundenlang auf Polizeiwachen von Sicherheitskräften festgehalten und drangsaliert.

In zahlreichen Stadtteilen haben seit vergangener Woche sogenannte Volkskomitees, die Kontrolle übernommen. Bürgerwehren, die mit Armee und Polizei zusammenarbeiten, und das Recht in ihre eigenen Hände nehmen. Am Sonntagabend verkündete das Innenministerium ein Verbot dieser Gruppen, weil sie gesetzlich nicht vorgesehen seien.

Die staatlichen Medien hetzen weiter gegen alle, die den Kurs der neuen Führung in Kairo nicht mittragen. Dies hat auch der zurückgetretene Vize-Präsident Mohamed ElBaradei zu spüren bekommen. Am Freitag hatte die große Tageszeitung "Akhbar al-Jaum" eine Karikatur veröffentlicht, die ElBaradei als Mörder zeigt, der Ägypten - in der Zeichnung als eine Frau dargestellt - einen Dolch in den Rücken stößt.

Am Sonntag hat ElBaradei, der sein Amt aus Protest gegen das Blutvergießen geräumt hatte, die Konsequenzen gezogen. Der Friedensnobelpreisträger hat Ägypten verlassen und ist nach Wien geflogen. In der österreichischen Hauptstadt hatte ElBaradei bereits in seiner Zeit als Chef der Internationalen Atomenergieagentur IAEA von 1997 bis 2010 gelebt.

syd/dpa/AP/Reuters



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Seite 1
activity 18.08.2013
1. Verlierer ist der Westen
Der Verlierer bei diesem Konflikt ist eindeutig der Westen! Dieser hat in den Köpfen der lokalen Bürger, und in der ganzen muslimischen Welt, jegliche Form seiner Glaubwürdigkeit verloren. Demokratie, Menschenrechte, Ethik und Moral sind zu Floskeln und Lippenbekenntnissen verkommen. Es geht nur noch um Politik über Menschenleben und Kinderleichen. Ob nun eigene Soldaten die angeblich deutschen Grenzen am Hindukusch verteidigen oder ägyptischen Bürger ihre demokratischen Rechte beraubt werden, das alles zeigt nur, wie weit der Zerfall in der westliche Welt bereits fortgeschritten ist. Dabei mache ich den Normalbürgern keinen Vorwurf, sind sie doch nur Opfer einer massiven Indoktrination. Ich will niemanden aus seinem Schlaf wecken. Aufwachen muss jeder selber. Ich bin deshalb nicht traurig, wenn ich die Prognose abgeben darf, dass wir euch am Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr als dominierend ansehen. Die Zukunft gehört einer offeneren, freien und sozialeren Gesellschaft und von dieser hat sich der Westen seit den 90er Jahren verabschiedet. Deswegen wird diese Kultur untergehen und Platz schaffen ( müssen ) für einen gerechtere Gesellschaft und aufgeklärtere Menschheit. Traurig, dass es soweit kommen musste...
lebenslang 18.08.2013
2. wunschkonzert
Zitat von activityDer Verlierer bei diesem Konflikt ist eindeutig der Westen! Dieser hat in den Köpfen der lokalen Bürger, und in der ganzen muslimischen Welt, jegliche Form seiner Glaubwürdigkeit verloren. Demokratie, Menschenrechte, Ethik und Moral sind zu Floskeln und Lippenbekenntnissen verkommen. Es geht nur noch um Politik über Menschenleben und Kinderleichen. Ob nun eigene Soldaten die angeblich deutschen Grenzen am Hindukusch verteidigen oder ägyptischen Bürger ihre demokratischen Rechte beraubt werden, das alles zeigt nur, wie weit der Zerfall in der westliche Welt bereits fortgeschritten ist. Dabei mache ich den Normalbürgern keinen Vorwurf, sind sie doch nur Opfer einer massiven Indoktrination. Ich will niemanden aus seinem Schlaf wecken. Aufwachen muss jeder selber. Ich bin deshalb nicht traurig, wenn ich die Prognose abgeben darf, dass wir euch am Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr als dominierend ansehen. Die Zukunft gehört einer offeneren, freien und sozialeren Gesellschaft und von dieser hat sich der Westen seit den 90er Jahren verabschiedet. Deswegen wird diese Kultur untergehen und Platz schaffen ( müssen ) für einen gerechtere Gesellschaft und aufgeklärtere Menschheit. Traurig, dass es soweit kommen musste...
von einem wunschkonzert geleitetes geschwurbel.
backtoblack 18.08.2013
3. Klarheit
Zitat von sysopDPAÄgyptens Armeechef Sisi fordert ein Ende der Proteste. Doch die Muslimbrüder ignorieren seine Worte. In Kairo und anderen Städten versammelten sie sich am Sonntag zu neuen Demonstrationen gegen die Übergangsregierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/muslimbrueder-in-aegypten-ziehen-zum-verfassungsgericht-in-kairo-a-917226.html
Etwa 1.000 Tote seit Räumung der Zeltlager, abgeknallt in aller Öffentlichkeit von Polizisten und Militärs, mehrere tote Journalisten, eine Pogromstimmung aller Orten, ein angekündigter Ausnahmezustand von einem halben Jahr - und SPON spricht immer noch von einer Übergangsregierung statt von einer Militärjunta und vermeidet das Wort Putsch. Die Sprache sollte die Dinge jedoch kenntlich machen und nicht verschleiern. Die Web-Seite von Al Jazeera spricht selbstverständlich von Putsch. Deutsche Zeitungen bedienen sich gern bei dieser arabischen Quelle, warum nicht auch in der klaren Wortwahl?
karlomari 18.08.2013
4. Fantasiezahlen
Zitat von backtoblackEtwa 1.000 Tote seit Räumung der Zeltlager, abgeknallt in aller Öffentlichkeit von Polizisten und Militärs, mehrere tote Journalisten, eine Pogromstimmung aller Orten, ein angekündigter Ausnahmezustand von einem halben Jahr - und SPON spricht immer noch von einer Übergangsregierung statt von einer Militärjunta und vermeidet das Wort Putsch. Die Sprache sollte die Dinge jedoch kenntlich machen und nicht verschleiern. Die Web-Seite von Al Jazeera spricht selbstverständlich von Putsch. Deutsche Zeitungen bedienen sich gern bei dieser arabischen Quelle, warum nicht auch in der klaren Wortwahl?
Woher haben Sie denn diese Fantasiezahlen? Das ist die gleiche Vorgehensweise der Muslimbrüder wie in Syrien. Man vermeldet Opferzahlen die sich jedem Nachweis entziehen. Das die Stimmung von den MB selbst durch Heckenschützen angeheizt werden, wird mal wieder verschwiegen. In Ihrer Welt gibt es keinen islamistischen Terrorismus . Das sind nur friedlich vor sich hinbetende Demonstranten. Ich habe gesehen wie Muslimbrüder ihre Kinder zu Protestaktionen mitnehmen, das ist für mich schändlich bis zum geht nicht mehr. Die Muslimbrüder sind Islamisten die nichts anderes wollen als einen Staat nach den Gesetzen des Koran.
schäubles100000 18.08.2013
5. ...fast 1000 Tote und 3000 verletzt!
Wer bei dieser Anzahl von unschuldigen Todesopfern noch "Auseinandersetzung" oder "Räumung" spricht macht sich zum Diener der faschistischen Despoten. Was hier passsiert ist Völkermord und nichts anderes.
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