Aus Kairo berichtet Raniah Salloum
Noch vor einer Woche hatte Präsident Mohammed Mursi dem Verfassungsrat zwei Monate zusätzlich gegeben, um den neuen Verfassungsentwurf auszuarbeiten. Jetzt geht alles ganz schnell: Die verfassungsgebende Versammlung, von den Islamisten dominiert, peitscht das Papier plötzlich in wenigen Stunden durch. Einzeln wurde über jeden der insgesamt 234 Artikel am Donnerstag abgestimmt. Die ägyptische Zeitung "al-Ahram" hatte den Text zu Beginn der Abstimmung auf Arabisch veröffentlicht.
Von den christlichen Mitgliedern der Versammlung war kein einziges anwesend, auch kaum ein liberaler Vertreter ließ sich blicken. Viele von ihnen hatten der Versammlung schon früh den Rücken gekehrt, wegen Differenzen mit den Islamisten, die sie als kompromisslos und unverantwortlich bezeichneten. Diese Haltung scheint sich nun zu rächen. Denn Mursi schafft Fakten, während auf dem Tahrir-Platz noch gegen die verfassungsgebende Versammlung als solche demonstriert wird.
Schon die Präambel des Verfassungsentwurfs wirft Fragen auf. Dort steht, die Verfassung sei das Ergebnis der Revolution, "ausgelöst von der Jugend, beschützt von der Armee". Die Militärs als Beschützer der Revolution zu bezeichnen, ist frech, bedenkt man, wie lang diese zögerten, Husni Mubarak, einem der ihren, den Rückhalt zu entziehen. immer wieder erschossen die Soldaten Demonstranten, wenn auch deutlich weniger als die Polizei. Und mit ihren gepanzerten Fahrzeugen überfuhren sie hauptsächlich christliche Protestierende im sogenannten Maspero-Massaker im Oktober 2011.
Der Entwurf enthält viel, was den Ägyptern gefallen dürfte. So werden die individuellen Rechte gestärkt. Festnahmen ohne Haftbefehl werden verfassungswidrig ebenso wie die Folter und Einschüchterung von Festgenommenen. Auch die Versammlungsfreiheit wird garantiert. Dazu gibt es Versprechen wie das Recht auf Bildung, Gesundheitsversorgung und gerechte Löhne - der übliche Rechtekatalog wie im Uno-Sozialpakt 1966 verabschiedet und inzwischen nahezu überall auf der Welt ratifiziert. Angehörigen von Verletzten oder Getöteten der Revolution wird Priorität bei der Vergabe von Arbeitsplätzen eingeräumt.
Und doch birgt die neue Verfassung reichlich Konfliktpotential. Problematisch werden könnten unter anderem folgenden Punkte:
Eigentlich soll der Verfassungsentwurf nun innerhalb von 15 Tagen den Ägyptern zur Abstimmung vorgelegt werden. Wie das funktionieren soll, ist völlig unklar. Die Richter, die den Ablauf des Referendums überwachen sollten, streiken nach wie vor. Am Freitag will die Opposition gegen Verfassung und Verfassungsdekrete des Präsidenten demonstrieren. Am Samstag wollen dann die Islamisten für Präsident Mursi und seinen Entwurf auf die Straße gehen.
Nobelpreisträger Mohammed al-Baradei, Vorsitzender der oppositionellen neuen Verfassungspartei, hat sein Urteil über das Werk schon gesprochen: "Die Verfassung, über die jetzt abgestimmt wird, wird im Mülleimer der Geschichte landen", sagte er am Donnerstagabend in einem Fernsehinterview. Erheblich wahrscheinlicher ist aber, dass die Verfassung in einer Volksabstimmung angenommen werden würde.
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