Weltkriegsreparationen Muss Deutschland jetzt Milliarden an Polen zahlen?

840 Milliarden Euro - diese gigantische Summe könnte Polen von Deutschland verlangen, legt ein Gutachten des Warschauer Parlaments nahe. Ernste Forderung oder PR-Stunt? Die Fakten.

Kanzlerin Merkel, Polnische Premierministerin Szydlo
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Kanzlerin Merkel, Polnische Premierministerin Szydlo

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Auf nur 40 Seiten kommt ein Rechtsgutachten des polnischen Parlaments zu einem klaren Ergebnis: Die Bundesrepublik schuldet Polen Reparationen, Kriegsentschädigungen für den Zweiten Weltkrieg. In Warschau ist von bis zu 840 Milliarden Euro die Rede.

In der Tat mordeten und brandschatzten Hitlers Armeen fast nirgendwo so wie dort. Von den 1939 rund 35 Millionen Polen überlebten mehr als fünfeinhalb die deutschen Feldzüge nicht. Dazu vernichteten die Deutschen Dörfer, Städte und Kulturdenkmäler. Warschau sprengten sie nach dem Aufstand von 1944 systematisch in die Luft, Haus für Haus.

Deutsche Experten halten die Rechtsauffassung Warschaus trotzdem für falsch:

  • Bereits 1953 habe Polen Reparationsansprüche aufgegeben. Das ist auch die Haltung der Bundesregierung. So erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert: "Es gibt für die Bundesregierung gar keinen Anlass, an der völkerrechtlichen Wirksamkeit des Reparationsverzichts von 1953 zu zweifeln."
  • Diesen Verzicht bestätigte Polen noch einmal 1970, als Warschau und Bonn im Rahmen der sogenannten Neuen Ostpolitik Willy Brandts den Vertrag über die Normalisierung ihrer Beziehungen schlossen.
  • Der allerletzte Moment, Ansprüche anzumelden, so meint etwa der Historiker Gregor Schöllgen, seien die Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen 1990 gewesen. Doch habe Polen keine neuen Forderungen aufgestellt, wohl um die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch das wiedervereinigte Deutschland nicht zu gefährden.

Die Position der Warschauer Parlamentsexperten berücksichtigt wohl auch zu wenig, dass Polen nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit deutschem Territorium entschädigt wurde. Die Siegermächte hatten sich darauf geeinigt, dem Land Teile Ostpreußens, Schlesiens, Pommerns und des östlichen Brandenburgs zuzuschlagen. Millionen Deutsche wurden von dort vertrieben, sie hinterließen Privatbesitz, Häuser und Fabriken. Zudem erhielten polnische Opfer bis 1991 umgerechnet 225 Millionen Euro an Reparationen. Eine weitere Milliarde ging an ehemalige polnische Zwangsarbeiter. KZ-Häftlinge und Opfer von pseudomedizinischen Versuchen hatten schon in den Siebzigerjahren fast eine halbe Milliarde bekommen.

Dass Zahlungen und Gebietsabtretungen niemals die monströsen Untaten der Deutschen aufwiegen können, ist sicher. Leichter umsetzbar wird die Warschauer Reparationsforderung durch diese Tatsache aber nicht. Die polnische Regierung lässt denn auch offen, ob sie damit wirklich vor ein internationales Gericht ziehen oder direkt an Berlin herantreten will.

Als Propagandawaffe lässt sich das Thema allerdings schon jetzt hervorragend nutzen. Tenor: Die Deutschen haben den verbrecherischen Weltkrieg angefangen und sich bis heute um die Zahlung der Entschädigungen herumgedrückt. Ihre Bündnispartner dabei waren, so sieht es die rechtskonservative Regierungspartei PiS wohl, die liberalen polnischen Eliten der Wendezeit. So fragt etwa der PiS-Politiker Arkadiusz Mularczyk: "Wollen wir uns als Polen mit einer fiktiven deutsch-polnischen Versöhnung übertölpeln lassen, oder unsere wirklichen Interessen vertreten?"



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