Mustafa Abd al-Dschalil: Libyens unsichtbarer Hoffnungsträger

Aus Tripolis berichtet Jonathan Stock

Er ist Chef des Übergangsrates und Libyens Hoffnung: Zum ersten Mal seit der Flucht Gaddafis reiste Mustafa Abd al-Dschalil jetzt nach Tripolis. Die Menschen in der Hauptstadt bekamen ihn allerdings noch nicht zu sehen - die Angst vor einem Anschlag ist zu groß.

Mustafa Abd al-Dschalil: Libyens Hoffnungsträger Fotos
REUTERS

In der Via Vignola im Norden von Tripolis träumt der junge Revolutionär von seiner Zukunft. Ahmed Salem hat bei Wintershall in Deutschland gearbeitet, er weiß, was Reichtum bedeutet. Jetzt bewacht er ein zerstörtes Hotel, die Glassplitter liegen noch um ihn, er dreht seine schwarze Mütze in den Händen und ruft: "Er wird uns reich machen, er wird uns neue Häuser bauen."

Er spricht von Mustafa Abd al-Dschalil, dem Vorsitzenden des Übergangsrates und Hoffnungsträger des Landes. "Scheich" Dschabril nennen ihn hier manche, ein Titel, wie er sonst Stammesführern oder religiösen Oberhäuptern gebührt.

Mustafa Abd al-Dschalil war Staatsanwalt, Richter und Justizminister unter Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi. Mitte Februar wurde er nach Bengasi gesandt, um mit den Rebellen Verhandlungen zu führen. Als er die Kämpfe in der Stadt sah, sagte er sich öffentlich von Gaddafi los. Damit war er der erste Minister des Regimes, der die Seiten wechselte. Vom selbsternannten Übergangsrat, einer kleinen Gruppe aus Juristen und Menschenrechtlern, wurde er wenige Tage später angefragt, die Leitung des Rates zu übernehmen. Er war der prominenteste Kopf, der ihnen so früh zur Verfügung stand, und er sollte dem damals noch unbekannten Gremium im In- und Ausland Glaubwürdigkeit verleihen. Jetzt ist er der Mächtigste seines Landes.

Wen man auch fragt: Dschalil sei ein guter Mann, versichern alle. Sie loben seine Bescheidenheit, seinen Mut, seinen Fleiß. Journalisten in der Stadt wundern sich, dass es da einen zu geben scheint, der von allen Seiten akzeptiert wird: von Kämpfern, Technokraten und Islamisten. Im Gegensatz zu seinem De-facto-Premierminister Dschibril, der von Militärs heftig kritisiert wird. Dschibril sei ein Mitglied des Gaddafi-freundlichen Warfalla-Stammes, heißt es, genau wie die Menschen in der umkämpften Stadt Bani Walid. Deshalb habe er die Angriffe auf die Stadt hinausgezögert, außerdem sei er sowieso die meiste Zeit im Ausland. Vor wenigen Tagen drohte er bereits mit seinem Rücktritt.

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Krieg in Libyen: Schwere Kämpfe mit Gaddafi-Getreuen
Von Dschalil ist dergleichen nicht zu hören. Nur: Dschalil ist in der Stadt nicht zu sehen, für die Menschen ist er ein unsichtbarer Präsident. Am Sonntag haben alle erwartet, dass er sich auf dem Märtyrerplatz dem Volk zeigt. Die Veranstaltung wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Noch immer werden Gaddafi-treue Kämpfer in der Stadt gefunden. Die Angst vor einem Anschlag ist groß.

Bis heute tagt Dschalil deshalb nur hinter verschlossenen Türen mit seinen Ratsmitgliedern. Sein Pressesprecher kann nicht sagen, wann er sprechen wird, vielleicht an diesem Montagnachmittag. Wo? Das dürfe man nicht sagen.

Das letzte Mal war Dschalil bei seiner Ankunft am Samstagabend zu sehen. Scharfschützen standen auf den Dächern des Mitiga-Flughafens im Osten der Stadt. Zugang gab es nur für hohe Staatsbeamte und geladene Gäste. Der rote Teppich war ausgerollt, der Blumenstrauß lag bereit, die 30-köpfige Band, darunter fünf Dudelsackspieler, übten die neue Nationalhymne in Allegro. Vier Stunden lang warteten die Mächtigen der Stadt auf ihn.

"Was soll der Zirkus? Dschalil ist nicht unser Präsident!"

Omar al-Hariri stand ganz vorne am roten Teppich, er wollte seinem Präsidenten als erstes die Hand schütteln. Hariri ist eine Legende unter den Widerstandskämpfern, war am Staatsstreich von 1975 beteiligt und saß dafür 35 Jahre in Gefängnissen und im Hausarrest. Am Samstagabend hat er sich seine alte Uniform angezogen, mit den Orden der Revolution. Nur handelt es sich nicht um die Revolution von 2011, sondern um die von 1969, als er noch mit Gaddafi das Regime des Königs gestürzt hat. Er lächelt stolz, als man ihn darauf anspricht, Orden sind Orden.

Dann streitet er sich mit seinem alten Kampfgefährten Atia al-Mansury. Der alte Pilot hat früher Mirage-Flugzeuge gesteuert. 1975 wollte er zusammen mit Hariri das Regime stürzen, kam ebenfalls ins Gefängnis, wurde 1988 entlassen. Er flog danach nie wieder, hackte Holz im Wald und klaute sich das Essen zusammen. Sein Gesicht sieht fertig aus, er hat sich seine alte, grüne Fliegerjacke übergezogen und ist zum Flughafen gekommen, um zu pöbeln.

"Warum macht ihr das? Was soll der Zirkus?", fährt er Hariri an, "Dschalil ist nicht unser Präsident, wir haben ihn nicht gewählt."

"Er ist zwar nicht unser Präsident", zischt Hariri zurück, "aber er hat die Ehre eines Präsidenten verdient!"

"Aber was soll die Musik?", ruft Mansury, "das hier ist ein Staatsempfang."

"Wieso", sagt Hariri, "das haben wir doch für Gaddafi auch gemacht."

Es ist ein altes Unbehagen, das Mansury ergreift. Er will keinen zweiten Gaddafi, keinen starken Mann, der alles richten soll. Und er glaubt, dass Dschalil es auch nicht sein will, er brauche den Tamtam nicht. Es war ja eigentlich ein Zufall, der Dschalil an die Macht gespült hat, in einem Moment, an dem viele nicht an eine Zukunft der Revolution glaubten. Jetzt ist er der wichtigste und unumstrittenste Mann des Landes, de facto Präsident, um dessen Gunst westliche Staatsoberhäupter werben. Und er wird es voraussichtlich noch lange bleiben. Es glaubt keiner, dass hier in ein paar Monaten schon Wahlen sein werden. Von zwei Jahren ist die Rede, mindestens.

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insgesamt 55 Beiträge
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1. no title
Det70, 12.09.2011
Zitat von sysopEr ist ist Chef des Übergangsrates und Libyens Hoffnung:*Zum ersten Mal seit der*Flucht*Gaddafis ist Mustafa Abd al-Dschalil*jetzt nach Tripolis gereist.*Die*Menschen in der Hauptstadt bekamen ihn allerdings noch nicht zu sehen - die*Angst vor einem Anschlag ist zu groß. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785694,00.html
Schnell einen Artikel ohne Nachrichtenwert hinterhergeschoben, damit der andere aus der Optik der Leser verschwindet?
2. Vom Hoffnungsträger zum Greis
moliebste 12.09.2011
So schnell kann es gehen: Am Anfang des Artikels noch "Hoffnungsträger", an dessen Ende ein "alter Greis", dem der rechte Arm zum winken gehalten werden muß. Schönes Symbol für den rasanten Abstieg des NTC.
3. .
Jürgen Munzert, 12.09.2011
Zitat von sysopEr ist ist Chef des Übergangsrates und Libyens Hoffnung:*Zum ersten Mal seit der*Flucht*Gaddafis ist Mustafa Abd al-Dschalil*jetzt nach Tripolis gereist.*Die*Menschen in der Hauptstadt bekamen ihn allerdings noch nicht zu sehen - die*Angst vor einem Anschlag ist zu groß. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785694,00.html
Wo sind eigentlich die jubelnden Einwohner von Tripolis? Die müßten doch jetzt so glücklich sein, ob ihrer Befreiung? Gäbe es solche Bilder hätten wir sie längst gesehen. Aber nichtmal Jubelperser gab es. Und Lybiens Hoffnung muß sich verstecken? Und ein Al Kaida nahestehender Mann ist Militärchef in Tripolis (oder war es Bengasi?)geworden. Das fängt alles so erfolgversprechend an...
4. Zwischenbilanz
tiram 12.09.2011
Dschalil wird von Niemandem mehr erst genommen, Und in Tripolis hat Jihadist Hakim Balhaj das Kommando. Vielleicht sollte man aber eine Zwischenbilanz ziehen: Ende Februar2011 haben noch 100.000 = 4 % mehr Menschen in Libyen gelebt.Wenn von 3 Millionen Einwohnern ausgeht. (da manche Medien schon von 100.000 Toten sprechen) Wenn man es auf Deutschland überträgt bei 80 Milionen wären 3 Milionen Einwohner ausgelöscht. Und Alles nur deswegen,weil die Rebellen angeblich Demokratie einführen wollten und deswegen den Bürgerkrieg angezettelt haben. Der Westen ist voll darauf reigefallen. Viel wahrscheinlicher ist,dass die Scharia kommt und vorher die NATO rauskomplimentiert wird.
5. Eine verlierende Marionette
kerusk 12.09.2011
Wie kann ein Verräter wie JALIL vom libyschen Volk akzeptiert werden, nachdem er dazu beigetragen hat, dass die Heimat in Schütt and Asche verwandelt würde. Die Libyer sind Helden der noch freien Welt geworden.
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Karte

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014; amtierend); umstritten

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