Mutmaßliche Boston-Attentäter "Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund"

Es sind offenbar zwei Brüder mit tschetschenischen Wurzeln, die hinter dem Anschlag auf den Boston-Marathon stecken. Spuren im Netz verraten ihre tiefe Religiosität, schlagkräftige Hobbys und radikale Ansichten.

Von Rainer Leurs und

vk.com

Boston - Auf der Flucht vor den Ermittlern haben Dschochar und sein 26-jähriger Bruder Tamerlan Zarnajew sich einen Schusswechsel mit Polizisten geliefert und einen Beamten erschossen. Dann überfielen sie einen Supermarkt, womöglich um sich Geld für die Flucht zu beschaffen, kaperten ein Auto und brausten aus der Stadt Cambridge.

Die jungen Männer versuchten, die sie verfolgenden Beamten mit Granaten und Schüssen aufzuhalten. Bis ins sieben Kilometer entfernte Watertown schafften sie es, dort wurde der ältere Bruder offenbar lebensgefährlich getroffen und verstarb später in einer Klinik.

Es ist eine dramatische Wende in den Ermittlungen zum Anschlag von Boston. Die zwei Kochtopfbomben, die dort explodierten, ließen keine Rückschlüsse auf die Täter zu. Nahezu jeder hätte solche Sprengsätze bauen können, auch ein Täter, der allein agierte, bisher unauffällig war und sich keiner ideologischen Strömung zuordnen ließe. Nun lassen die Biografie der beiden und ihre Ansammlung an Waffen und Sprengstoff die Ermittler aufhorchen.

Die beiden Brüder stammten ursprünglich aus Tschetschenien

Russischen Medien zufolge soll zumindest der ältere Bruder in Tschetschenien geboren worden sein, von wo seine Familie nach Zentralasien floh, erst offenbar nach Kasachstan, dann nach Kirgisien. Dort kam offenbar der jüngere, Dschochar, zur Welt. Mit ihren Eltern zogen sie gegen 2001 nach Dagestan, eine islamisch geprägte russische Teilrepublik im Nordkaukasus. Im Jahr 2002 sollen sie in die USA übergesiedelt sein.

Der getötete Tamerlan sei mit seiner Familie in den frühen neunziger Jahren aus Tschetschenien geflohen, schreibt der Fotograf Johannes Hirn, der den jungen Mann beim Boxtraining porträtierte. Wie alt die Bilder des Fotografen sind, ist noch unklar. Jahrelang hätte die Familie in Kirgisien gelebt, bevor sie als Flüchtlinge in die USA kamen.

Boxen scheint Tamerlans große Leidenschaft gewesen zu sein. "Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund", verriet Tamerlan damals dem Fotografen. "Ich verstehe sie nicht."

Tamerlan war 26 Jahre alt, als er starb. Auf Fotos aus dem Jahr 2011 zeigt er sich als modisch gekleideter, athletischer Typ, der Mercedes fährt und 196 Pfund Kampfgewicht auf die Waage bringt. Er möge den Film "Borat", erzählte er damals dem Fotografen, finde aber die Witze zum Teil etwas krass.

Tamerlan verriet außerdem, dass er ungern sein Hemd auszieht, damit "die Mädchen nicht auf dumme Gedanken kommen". Er sei sehr religiös. Auch rauche und trinke er nicht, denn: "Gott sagt: Keinen Alkohol!". Als Muslim sage er, dass die Leute keinerlei Werte mehr hätten, nach denen sie sich richten. Er selbst habe auch eine Freundin: eine Italo-Portugiesin, zum Islam konvertiert. "Sie ist hübsch, Mann", sagte er damals.

Im Internet präsentieren sie sich als Islamisten

Sein Bruder Dschochar pflegte offenbar bis zuletzt sein Profil in der russischen Facebook-Variante vk.com. Dort präsentiert er sich mit einem Profilbild in Schwarzweiß, auf dem er leicht abschätzig in die Kamera blickt - ein schmächtiger junger Mann, keine zwanzig, mit wirrem Lockenhaupt. Den Angaben auf seiner Seite zufolge ging Dschochar in Machatschkala zur Schule, der Hauptstadt Dagestans. Unter "Weltanschauung" hat er auf seiner Seite "Islam" angeklickt.

Ein Konto auf YouTube, das vor einem Jahr auf den Namen Tamerlans registriert wurde, hat mehrere radikalislamistische Videos als Favoriten verlinkt. In einem Video vom Mai 2012 wendet sich ein Prediger an seine "salafistischen Brüder aus Tschetschenien" und spricht den Bürgerkrieg in Syrien an. Einige Kämpfer aus Tschetschenien haben sich den Aufständischen dort angeschlossen, weil sie den Kampf als Unterdrückung der Muslime interpretieren.

Viele wichtige Fragen sind allerdings noch offen. Haben die beiden irgendwo gelernt, mit Waffen und Sprengstoff umzugehen? Standen sie im Kontakt zu internationalen Terrornetzwerken? Haben sie ihre Tat allein geplant oder gibt es Drahtzieher? Hatten die beiden noch weitere Anschläge vor?


Anmerkung der Redaktion: In einer vorigen Version der Zusammenfassung dieses Textes haben wir geschrieben, das Marathon-Attentat sei womöglich der erste islamistische Anschlag in den USA seit dem 11. September 2001. Dies ist nicht der Fall, auch der Amoklauf von Fort Hood gilt als islamistisch motiviert. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.



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