Mutmaßliche Schall-Attacke Kuba-Affäre gibt US-Fahndern Rätsel auf

Gehörverlust, Schwindelgefühle, Kopfschmerzen: US-Diplomaten in Havanna klagen seit Monaten über mysteriöse Krankheitssymptome - möglicherweise sind sie Opfer von Schall-Attacken. Wer oder was steckt dahinter?

US-Botschaft in Havanna
AFP

US-Botschaft in Havanna

Von , Washington


Havanna ist seit den Zeiten des Kalten Krieges Schauplatz unzähliger echter und erfundener Spionagegeschichten. Dieser Vorfall scheint sie nun alle zu übertreffen: Es geht um mutmaßliche Angriffe mit Schallwaffen, um 21 verletzte US-Diplomaten und um ein bislang unbekanntes "drittes Land", das so im Hintergrund womöglich die amerikanisch-kubanische Annäherung sabotieren will.

Die Amerikaner ziehen in den nächsten Tagen mehr als die Hälfte ihres Botschaftspersonals aus Havanna ab. Nur Sicherheitspersonal und einige wenige Konsularbeamte werden noch in der US-Mission verbleiben. US-Außenminister Rex Tillerson warnt seine Landsleute vor Reisen in die Insel-Republik. Das FBI fahndet zusammen mit kubanischen Stellen fieberhaft nach den mutmaßlichen Angreifern und den eingesetzten Waffen.

Erst vor zwei Jahren hatte US-Präsident Barack Obama die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem kommunistischen Inselstaat vereinbart, US-Fluggesellschaften bringen wieder Touristen nach Havanna, auch der Handel zwischen beiden Ländern wurde wiederbelebt. Die US-Botschaft gab erste Visa für Kubaner aus, die in die Staaten reisen wollten. Der Abzug der Diplomaten und die Reisewarnung ist deshalb ein schwerer Rückschlag für die amerikanisch-kubanischen Beziehungen.

Erste Anzeichen, dass in Havanna etwas nicht stimmt, hatten US-Diplomaten bereits im vergangenen Jahr. Damals klagten einige Mitarbeiter der gerade wieder eröffneten Botschaft unter anderem über Schwindelgefühle, Gehörverlust, Sehnenentzündung oder Sehstörungen. Auch Kopfschmerzen, Erschöpfungserscheinungen und Schlafstörungen wurden festgestellt. Sobald sie Kuba verließen, um sich in den USA untersuchen zu lassen, nahmen die Symptome ab. Immer wieder traten in den vergangenen Monaten in Schüben neue Fälle auf, auch mindestens ein kanadischer Diplomat war betroffen.

Kubas Regierung gibt sich unschuldig

Von Beginn an hegte die US-Regierung offenbar den Verdacht, dass die Mitarbeiter mit so genannten "Sonic Weapons", also Schallwaffen angegriffen worden sein könnten. Darunter muss man sich Apparate vorstellen, die gezielt Signale erzeugen, die der Mensch nicht hören kann, die aber seinen Organismus schädigen können.

Offiziell verwies Washington immer nur auf "Vorfälle" auf Kuba, die untersucht werden sollten. Von einer "gezielten Attacke" auf amerikanische Diplomaten spricht das US-Außenministerium erst seit diesem Freitag. Was die Amerikaner dazu veranlasst, ist unklar. Auch lässt sich die Regierung offiziell zu keinen Details über den möglichen Einsatz von Schallwaffen oder zu anderen Ursachen ein. Laut "Washington Post" ist die Schall-These aber weiterhin ein Verdacht neben anderen, auch ein Virus oder eine Vergiftung wären wohl denkbar. "Wir wissen nicht, wer für die Attacken verantwortlich ist und wir kennen auch nicht die Ursache", sagt Außenminister Tillerson.

Betroffen waren wohl insbesondere Diplomaten, die im Hotel "Capri" abgestiegen waren. Das Luxushotel in der Innenstadt stammt noch aus der Vor-Revolutionszeit und diente schon in den 1950er-Jahren Amerikanern als bevorzugtes Domizil. Nach US-Medienberichten traten die Attacken wohl meistens nachts auf, einige Diplomaten hätten den genauen Beginn und das Ende der Angriffe gespürt, heißt es.

US-Spezialisten und kubanische Experten haben bereits alle Hotelzimmer der Diplomaten in dem Hotel auf den Kopf gestellt, sie fanden jedoch keine Hinweise auf versteckte Apparaturen. Die kubanische Regierung beteuert, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Außenminister Bruno Rodriguez reiste in den vergangenen Tagen eigens nach Washington, um seinem Kollegen Tillerson erneut zu versichern, man werde alles unternehmen, die US-Diplomaten besser zu schützen.

Tatsächlich sind die Amerikaner wohl derzeit (noch) bereit, den Kubanern zu glauben. Als ein Indiz für die Unschuld der Kubaner gilt, dass die Regierung in Havanna dem FBI erlaubt, vor Ort zu ermitteln. Deshalb hat sich Washington wohl auch gegen härtere Maßnahmen entschieden, obwohl zwischenzeitlich intern sogar der Abbruch der diplomatischen Beziehungen diskutiert worden sein soll. US-Präsident Donald Trump ist ein scharfer Gegner der Regierung auf Kuba und hatte seinen Vorgänger Obama immer wieder für seine Entspannungspolitik kritisiert.

Nun untersuchen die Amerikaner nach eigenen Angaben ausdrücklich auch, ob ein "drittes Land" dahinterstecken könnte. Welches Land das sein könnte, bleibt unklar. Mit Schallwaffen hat im Zweiten Weltkrieg bereits die deutsche Wehrmacht experimentiert, auch die Amerikaner forschen seit Jahrzehnten in diesem Bereich - und Russland.



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