Anschläge in Südfrankreich Mutmaßlicher Attentäter floh aus afghanischem Gefängnis

Der mutmaßliche Mörder von Toulouse ist 2008 bei einem Massenausbruch von Taliban aus einem afghanischen Gefängnis entkommen. Jahrelang wurde er vom französischen Geheimdienst beobachtet - Anzeichen für konkrete Anschlagspläne gab es laut Innenminister Guéant jedoch nicht.

Polizisten in Toulouse: Mutmaßlicher Attentäter jahrelang vom Geheimdienst beobachtet
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Polizisten in Toulouse: Mutmaßlicher Attentäter jahrelang vom Geheimdienst beobachtet


Toulouse - Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse saß in Afghanistan im Gefängnis. Das teilte Ghulam Faruk, Direktor der Strafanstalt von Kandahar, mit. Nach afghanischen Angaben wurde der Verdächtige im September 2007 im südafghanischen Kandahar vom Geheimdienst NDS aufgespürt. "Laut unserer Akte hier wurde Mohammed Merah festgenommen, weil er Material zum Bau von Bomben bei sich hatte", sagte der Chef des lokalen Gefängnisses SPIEGEL ONLINE in einem Telefoninterview.

Faruk berichtete weiter, Merah sei daraufhin von einem afghanischen Gericht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Wenig später war der Sohn eines französischen Vaters und einer algerischen Mutter schon wieder frei: Der heute 24-Jährige entkam bei einem groß angelegten Angriff auf das Gefängnis in Kandahar im Juni 2008. Dabei wurden mehrere hundert Gefängnisinsassen befreit, unter ihnen hochrangige Anführer der Taliban.

Beobachter in Kabul mutmaßten damals, dass der von langer Hand geplante Ausbruch ohne die Hilfe von Gefängnispersonal nicht möglich gewesen wäre. Ein Teil der Sicherheitskräfte habe offenbar mit den Taliban kollaboriert. Etwa 80 Taliban hatten das Gefängnis angegriffen und sich ihren Weg freigesprengt. Augenzeugen berichteten von einem beispiellos präzise koordinierten, etwa 30-minütigen Angriff.

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Toulouse: Ausnahmezustand im Wohnviertel
Zunächst explodierten zwei mit Sprengstoff beladene Tankwagen und zerstörten so die beiden hintereinanderliegenden Gefängnistore, woraufhin mehrere Selbstmordattentäter auf das Gelände vordrangen und viele Sicherheitskräfte in den Tod rissen. Dann beschossen die Angreifer die Türen zu jenem Flügel, in dem die Taliban untergebracht waren; anschließend befreiten sie kriminelle Gefangene. Nur wenige der Ausbrecher wurden gefasst. Nach dem Ausbruch waren die Sicherheitsvorkehrungen des Sarposa-Gefängnisses stark verschärft worden. Es liegt am Rand von Kandahar und fasst 1200 Gefangene.

Allerdings hat die Presseabteilung der Provinzregierung Kandahar inzwischen dementiert, dass Mohamed Merah sei im Juni 2008 aus dem Gefängnis der Stadt geflohen sei. Eine entsprechende Nachricht veröffentlichte die französische Tageszeitung "Le Monde" auf ihrer Internetseite.

Geheimdienst observierte Mohammed Merah jahrelang

Gegenüber der französischen Polizei hat Merah behauptet, zum Terrornetzwerk al-Qaida zu gehören. Auch dem französischen Inlandsgeheimdienst DCRI war der mutmaßliche Serien-Attentäter kein Unbekannter. Der Geheimdienst hat Mohammed Merah jahrelang beobachtet. Dabei sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Frankreichs Innenminister Claude Guéant.

Laut Guéant soll Merah auch in Pakistan gewesen sein. Dem pakistanischen Geheimdienst ISI und der Regierung zufolge gibt es jedoch keine Informationen über Merah und über einen eventuellen Aufenthalt in Pakistan. Ein Beamter des Innenministeriums in Islamabad sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir können weder bestätigen noch dementieren, dass dieser Mann in Pakistan war. Sollte er in Pakistan gewesen sein, ist er uns nicht aufgefallen." Womöglich sei er illegal von Afghanistan über die Grenze gekommen.

Tatsächlich verbringen viele ausländische Extremisten Zeit in Trainingscamps entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze. Mehrere terroristische Organisationen haben in der unwirtlichen Region in den Bergen ihre Einrichtungen, von dort veröffentlichen sie regelmäßig Propagandavideos im Internet, um Nachwuchs zu ködern - auch auf Deutsch. Der pakistanische Staat ist in weiten Teilen der Stammesgebiete und in Regionen entlang der Grenze ohne Einfluss. Dort haben Stammesälteste und Militante das Sagen.

Auch mehrere Dutzend deutsche Staatsangehörige halten sich in den Lagern der Aufständischen auf. Zum Teil sind es Konvertiten, zum Teil Deutsche mit Wurzeln in islamischen Ländern. Nach Angaben des pakistanischen Geheimdienstes kamen mehrfach ausländische Dschihadisten bei US-Drohnenangriffen ums Leben, darunter auch Deutsche.

Belagerung in Toulouse

Die Polizei belagert seit dem frühen Mittwochmorgen die Wohnung des 24-Jährigen. Dem Innenminister zufolge sind sich die Ermittler sicher: Es handelt sich um den Mörder, der in Toulouse und Montauban drei Soldaten, einen Lehrer und drei Kinder an einer jüdischen Schule erschossen hat. Die Justiz wolle ihn lebend festnehmen und vernehmen.

Gespräche durch die Tür mit der Polizei brach der schwerbewaffnete Mann nach Angaben Guéants am späten Vormittag ab. Aus Justizkreisen verlautete, dass die Mutter des 24-Jährigen, sein Bruder und dessen Freundin in Polizeigewahrsam genommen worden seien.

Die Polizei ist dem mutmaßlichen Täter offenbar durch eine Reihe von Hinweisen auf die Spur gekommen. Informationen des Geheimdienstes zusammen mit denen der Kriminalpolizei hätten am Dienstag zu dem Verdächtigen geführt, hieß es am Mittwoch aus Ermittlerkreisen. Es habe zwei kurze Listen mit Verdächtigen gegeben - zu Rechtsextremen und zu radikalen Islamisten.

Alle aktuellen Entwicklungen zur Situation in Toulouse im Liveticker.

ulz/AFP/Reuters

insgesamt 19 Beiträge
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eigen 21.03.2012
1. Möchtegern-Stay behind
---Zitat--- Der Geheimdienst hat Mohammed Merah jahrelang beobachtet. Dabei sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Frankreichs Innenminister Claude Guéant. ---Zitatende--- Waffen besorgt man sich als Einwanderer wahrscheinlich unbehelligt zur Jagd, oder was? Freilich andere Vorzeichen - erinnert mich aber dennoch irgendwie an die NSU und deren Verstrickungen mit dem Verfassungsschutz in Thüringen.
Chris-Gardner 21.03.2012
2. Änderung der Innenpolitik wünschenswert
Ob er sich nun nach seiner Radikalisierung und vor den Anschlägen etwas zu schulden kommen lassen hat oder nicht - was haben solche Menschen hier verloren? Umgekehrt ist natürlich auch die Frage berechtigt, was Westler in Afghanistan etc. verloren haben... Die verschiedenen Weltanschauungen sind NICHT miteinander vereinbar und wir müssen uns vor einer radikalen Auslegung des Islam (in unseren Ländern) wehren. Toleranz ist genau das falsche Mittel! Die (sehr bedauerlichen) Anschläge sind da leider nur die Spitze des Eisberges und ein erster Anfang. Konflikte sind vorprogrammiert, solange wir unsere Kultur nicht aufgeben (was ich stark hoffe), aber andererseits massenhaft anderen Ideologien freien Zutritt zu unseren Ländern gewähren und sie paradoxerweise noch finanziell unterstützen.
Duzend 21.03.2012
3. Ein Gladio-Betriebsunfall?
Zitat von eigenWaffen besorgt man sich als Einwanderer wahrscheinlich unbehelligt zur Jagd, oder was? Freilich andere Vorzeichen - erinnert mich aber dennoch irgendwie an die NSU und deren Verstrickungen mit dem Verfassungsschutz in Thüringen.
In die derzeitige Atmosphäre passte nichts so gut, wie ein unheimlicher Übeltäter, der allen Zweiflern noch einmal gehörig einschärft, dass Islamisten unberechenbare Fanatiker sind und man gut daran tut, ihnen mit aller Härte zu begegnen. Nachsicht würde man früher oder später sogar mit dem Leben Unschuldiger bezahlen. Also in Afghanistan irgendwen aus dem Gefägnis entkommen lassen, geth schon mal gar nicht. Und wenn man's recht bedenkt, geht das ja tatsächlich nicht. Hat das Kunststück so ein Supermann nun also doch geschafft. Und die Zivilbevölkerung? Und die Polizei? Die reagieren so durchschnittlich alert wie immer - und kommen zum Erfolg. Damit hätte wohl keiner so schnell gerechnet. Was wir jetzt erleben, ist der Plan B der Geheimdienste. Zur Not werden sie ihn opfern - aber wirklich nur, wenn's gar nicht mehr anders geht. Bei jedem anderen, wäre die Wohnung längst gestürmt worden.
paoloDeG 21.03.2012
4. Attentäter gibt keine Anzeichen !
Zitat von sysopAFPDer mutmaßliche Mörder von Toulouse ist 2008 bei einem Massenausbruch von Taliban aus einem afghanischen Gefängnis entkommen. Jahrelang wurde er vom französischen Geheimdienst beobachtet - Anzeichen für konkrete Anschlagspläne gab es laut Innenminister Guéant jedoch nicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822781,00.html
"Hätte man einige Todesfälle, vermeiden können? Eigentlich in Frankreich wie in allen demokratischen Ländern diese kriminelle Taten sind die Spitzet des Eisbergs! Es ist notwendig, dass die Staatsgewalt mehr Verantwortung trägt! Eigentlich existieren psychopathische und barbarische Sippen-Mafioso, Islamisten und Straßenabschneider! Viele dieser Sippen- gehören zu Netzen der internationalen organisierten Kriminalität! Sie betreiben Sklaverei, angefangen von Entführung hauptsächlich von jungen Frauen, Mädchen und Kinders, Vergewaltigung, Raub, Drogenhandel, Erpressungen, Menschenhandel, Recycling und Geldwäsche enormer Summen, u.s.w.! Die öffentliche Macht ignoriert und banalisiert! Wir leben schliesslich in einer Demokratie !
Der Pragmatist 21.03.2012
5. Genau wie erwartet
Zitat von sysopAFPDer mutmaßliche Mörder von Toulouse ist 2008 bei einem Massenausbruch von Taliban aus einem afghanischen Gefängnis entkommen. Jahrelang wurde er vom französischen Geheimdienst beobachtet - Anzeichen für konkrete Anschlagspläne gab es laut Innenminister Guéant jedoch nicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822781,00.html
Als die erste Meldung dieser Greueltat um die Welt lief, kam ich sofort zu dem Schluss, dass es sich um einen Anhaenger der ach so friedliebenden Religion handeln muss. Die Presse sehnte sich fast danach, dass es sich um einen Rechtradikalen handeln muss, aber ich wurde wieder in meiner Annahme betaetigt. Da sich nun herausgetellt hat, dass es tatsaechlcih ein Vertreter der friedliebenden Religion ist, werden wir wohl nicht mehr viel darueber lesen und der Fall wird ad acta gelegt. Wir werden jetzt nur noch tagelang daran erinnert, dass diese Mordtat nichts mit der friedliebneden Religion zu tun hat.
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