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Mutmaßlicher Kriegsverbrecher: Serbiens Präsident bestätigt Festnahme von Mladic

Der meistgesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher Europas ist gefasst: Polizisten nahmen den serbischen Ex-General Ratko Mladic fest, offenbar im Haus eines Verwandten. Er soll am Massaker von Srebrenica mit 8000 Toten beteiligt gewesen sein, nun wird er an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert.

REUTERS

Hamburg - Jetzt ist es sicher: Bei dem am Donnerstag in Serbien festgenommen Mann handelt es sich um Ratko Mladic. In einer eilig einberufenen Pressekonferenz bestätigte Serbiens Präsident Boris Tadic den Fahndungserfolg: "Im Namen der Republik Serbien teile ich mit, dass Ratko Mladic verhaftet wurde", sagte Tadic. Die Verhaftung von Mladic ermögliche auch eine Versöhnung auf der ganzen Balkanhalbinsel, sagte Tadic. Serbien schließe damit ein Kapitel seiner Geschichte und befreie sich von einer schweren Last.

Mladic gilt als der meistgesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher Europas. Die Angehörigen des Ex-Generals hatten immer wieder versucht, ihn für tot erklären zu lassen. Zunächst hatte es Unklarheit geben, ob es sich bei dem Festgenommen tatsächlich um Mladic handelt: Der Geheimdienst habe am Donnerstagmorgen einen Mann mit dem Namen Milorad Komadic festgenommen, der auffällig viele biografische Merkmale des ehemaligen bosnisch-serbischen Generals aufweise, hieß es in ersten Berichten. Ein DNA-Test brachte Gewissheit.

Zum Ort der Festnahme sagte Tadic nur, sie habe auf serbischen Boden stattgefunden. Weitere Details werde er dazu nicht bekanntgeben. Die größte serbische Zeitung "Blic" allerdings berichtet, Mladic sei bei einem Verwandten in dem Dorf Lazarevo bei der Stadt Zrenjanin im Norden des Landes aufgespürt worden. Die Operation von Polizei und Geheimdienst habe um 6 Uhr morgens begonnen, um 9 Uhr sei der Zugriff erfolgt.

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Mladic: Der "Schlächter von Bosnien"
Mladic war Militärchef der bosnischen Serben und die rechte Hand des bereits festgenommenen früheren Serbenführers Radovan Karadzic. Er wird vom Uno-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien gesucht, vor dem er wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 angeklagt ist. Nach Angaben von Präsident Tadic wird er nun nach Den Haag überstellt. Das serbische Staatsfernsehen berichtete, er sei - wenige Stunden nach der Festnahme - bereits in ein Flugzeug Richtung Niederlande gesetzt worden.

Es gibt zwei Hauptvorwürfe gegen Mladic:

  • Ihm wird vor allem eine Beteiligung an dem Massaker von Srebrenica zur Last gelegt. In der bosnischen Enklave wurden im Juli 1995 beim schlimmsten Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg rund 8000 muslimische Männer und Jungen getötet.
  • Mladic soll zudem während der fast zweijährigen Belagerung von Sarajevo Scharfschützen angewiesen haben, aus dem Hinterhalt auf Zivilisten zu schießen.

Mladics Festnahme ist Bedingung für den EU-Beitritt Serbiens. Als Gegenleistung für die Verhaftung von Mladic erwartet Serbien jetzt einen zügigen EU-Beitritt. "Ich hoffe, dass jetzt die Türen offen stehen", sagte Präsident Tadic am Donnerstag.

Erst in den vergangenen Jahren hatte die serbische Regierung ihre Bemühungen verstärkt, Mladic zu fassen. Zuletzt hatte sie im Herbst 2010 zehn Millionen Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Festnahme Mladics führen, und damit das Kopfgeld um das zehnfache erhöht.

Die Ermittler am Tribunal hatten Belgrad mehrfach kritisiert, nicht genug bei der Suche nach Mladic und anderen flüchtigen Kriegsverbrechern zu unternehmen. In einem am Donnerstag bekannt gewordenen Bericht des Anklägers Serge Brammertz heißt es, die Anstrengungen Serbiens zur Festnahme Mladics und anderer Verdächtiger seien "unzureichend". Dies untergrabe die "Glaubwürdigkeit und die Stärke" des Engagements Belgrads, vollständig mit dem Tribunal zu kooperieren.

Hinterbliebene hoffen nun auf Gerechtigkeit

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen begrüßte Mladics Festnahme. Dieser habe "eine Schlüsselrolle in einigen der dunkelsten Kapiteln der Geschichte des Balkans und Europas gespielt", heißt es in einer Erklärung Rasmussens. 16 Jahre nach der Anklage gegen ihn "bietet seine Verhaftung endlich eine Chance dafür, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt".

Die Familien der Opfer empfinden Genugtuung. "Die Gerechtigkeit hat gesiegt", sagte Semir Guzin, Rechtsvertreter der Vereinigung "Mütter von Srebrenica", der BBC. Guzin vertritt die Hinterbliebenen des Massakers. Auch wenn der Prozess noch bevorstehe, sei mit der Festnahme schon viel erreicht. "Zumindest haben wir die Hoffnung, dass Mladic bekommt, was er verdient", sagte Guzin.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zeigte sich erleichtert. Nun könnten die Menschen endlich darauf hoffen, dass er vor Gericht zur Verantwortung gezogen werde, hieß es in einer Stellungnahme. Die serbischen Behörden müssten nun ihre Anstrengungen verstärken, den noch flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher Goran Hadzic zu fassen. Der frühere Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist nun der einzig verbliebene flüchtige Anklagte vor dem Tribunal in Den Haag.

hen/ffr/dpa/Reuters/dapd/AFP

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1. .
frubi 26.05.2011
Zitat von sysopDer meistgesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher*Europas, der serbische Ex-General Ratko Mladic,*ist gefasst.*Er soll unter anderem*am Massaker von Srebrenica*beteiligt gewesen sein, bei dem 8000 Menschen starben. Mladic wird nun*an das*Tribunal in Den Haag ausgeliefert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765070,00.html
Und nun? Freude? Ich kann mich darüber nicht freuen. Der Mann wurde viel zu lange gedeckt. Es kann nicht sein, dass sich so jemand über einen derart langen Zeitraum verstecken kann. Jetzt ist er 69 und macht ggf. nur noch 10 Jahre. Wenn es die Opfer und Hinterblieben zufrieden stellt, dann ist es schon in Ordnung aber es ist und bleibt ein Skandal.
2. so geht das?
mistertengu 26.05.2011
DH: Ähm, ihr wollt in die EU? Seid ihr sicher, dass ihr auch genug für die Festnahme von Mladic tut? S: Äh... DH: Also wir glauben das nicht. S: Doch, doch, hier ist er! *ENDLICH HABEN WIR IHN GEFUNDEN* DH: Super gemacht! S: Jetzt wollen wir aber auch schnell in die EU
3. Sündenbock gefunden
jadnik 26.05.2011
Bei den ganzen mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechern, handelt es sich doch lediglich um Sündenböcke. Diese versuchten eigentlich die Zerstörung Jugoslawiens und eine Wiederholung der Ereignisse des 2. WK zu verhindern.
4. ...
glen13 26.05.2011
Zitat von sysopDer meistgesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher*Europas, der serbische Ex-General Ratko Mladic,*ist gefasst.*Er soll unter anderem*am Massaker von Srebrenica*beteiligt gewesen sein, bei dem 8000 Menschen starben. Mladic wird nun*an das*Tribunal in Den Haag ausgeliefert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765070,00.html
Eine gute Nachricht, dass Mladic gefasst wurde, ob der EU - Beitritt Serbiens ebenfalls eine gute Nachricht sein wird, wage ich zu bezweifeln.
5. Lächerlich!
bigkahoona 26.05.2011
Als wenn der serbische Geheimdienst nicht zu jeder Zeit gewußt hätte wo dieser serbische Volkshel... äääh, Kriegsverbrecher sich aufhält. Lange haben sie sich geziert, jetzt wird er, wenn auch schweren Herzens, zum Bauernopfer des serbischen EU-Beitritts. Wer glaubt, dass in Serbien irgendeine Aufarbeitung der Gräueltaten dieses Balkankrieges stattgefunden hätte, der gibt sich Illusionen hin. Wenn wir das Dritte Reich auf die selbe Art "aufgearbeitet" hätten, dann hätten wir heute noch in jedem dritten Haushalt ein Hitlerporträt in der guten Stube hängen.
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Völkermord im einstigen Jugoslawien
Massaker von Srebrenica
DPA
Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden, wird von internationalen Strafrechtlern als Völkermord eingestuft. Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gilt zusammen mit dem einstigen Militärchef Ratko Mladic als Hauptverantwortlicher für das Massaker.
Was bedeutet Völkermord?
Völkermord ist der Rechtsbegriff für das schlimmste denkbare Verbrechen - Handlungen mit dem Ziel, ein Volk, eine Ethnie oder auch eine Glaubensgemeinschaft zu vernichten.

Der Begriff ist auch unter der Bezeichnung Genozid geläufig. Genozid ist aus dem griechischen genos (Herkunft) und dem lateinischen caedere (töten) zusammengesetzt. Der jüdische Anwalt Raphael Lemkin, der aus Polen in die USA geflüchtet war, prägte das Wort 1944, um eine Grundlage für die Bestrafung der Verbrechen zu legen, die von den Nationalsozialisten begangen wurden.

Völkermord umfasst nach Artikel zwei der Uno-Konvention 260 von 1948 Handlungen gegen Mitglieder einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe, die in der Absicht begangen werden, die Gruppe ganz oder zum Teil auszulöschen. Mit der Konvention 260 wurde der Völkermord international geächtet.
Die Anklage gegen Karadzic
AP
Radovan Karadzic ist vor dem Internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das von der Uno eingerichtete Tribunal in Den Haag wirft ihm vor, während des Kriegs in Bosnien zwischen 1992 und 1995 zusammen mit dem bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladic einen Plan zur "ethnischen Säuberung" bestimmter Gebiete Bosnien-Herzegowinas erarbeitet zu haben.

Zur Verwirklichung ihres Ziels eines großserbischen Staats hätten die bosnisch-serbischen Führer einen Aktionsplan in Gang gesetzt, der mit "Verfolgungen und Terrortaktiken" sowie Vertreibung und Vernichtung verbunden gewesen sei.
Die Anklage gegen Mladic
REUTERS
Der bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic war hinter Karadzic die Nummer zwei auf der Fahndungsliste des Uno-Tribunals. Wie Karadzic ist auch der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnien-Krieg angeklagt.

Seit das Haager Tribunal 1995 seine Anklage veröffentlichte, war Mladic auf der Flucht. Er wurde per internationalem Haftbefehl gesucht - und im Mai 2011 gefasst.
Die Anklage gegen Hadzic
Der ehemalige Präsident der selbsternannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Er soll für den Tod Hunderter kroatischer Zivilisten und die Deportation von Zehntausenden Kroaten durch die serbischen Truppen während des Kroatien-Krieges verantwortlich sein.

Hadzic tauchte unter, kurz nachdem die Anklage gegen ihn im Juli 2004 bekanntgegeben wurde. Sieben Jahre später, am 20. Juli 2011, wurde er gefasst.


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