Rohingya-Camps in Bangladesch "Jetzt beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit"

900.000 Muslime sind von Burma nach Bangladesch geflohen, jetzt sitzen viele in Camps fest. Vertreter der Hilfsorganisationen sagen: Bald setzt die Regenzeit ein - sie könnte katastrophale Folgen haben.

CARE/ Josh Estey

Ein Interview von


Die Aussicht von einem der Hügel der Stadt Cox's Bazar im Süden Bangladeschs ist eintönig: Ein Meer aus Plastikplanen und Bambusstäben breitet sich aus. Hunderttausende Menschen leben dort in Flüchtlingscamps. Insgesamt sind fast 900.000 Muslime in den vergangenen Monaten aus Burma ins Nachbarland gekommen, täglich werden es mehr.

Mit blutigen Überfällen auf Posten der burmesischen Polizei durch eine militante muslimische Gruppe hatte es im August vergangenen Jahres angefangen. Danach ging das Militär des Landes mit großer Brutalität gegen die gesamte muslimische Minderheit der Rohingya vor. Die Uno prangerte eine "ethnische Säuberung wie aus dem Lehrbuch" an. Die Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi griff nicht ein.

Nach monatelangem internationalen Druck verkündete sie im Januar schließlich Pläne für ein Rückführungsprogramm - doch bis heute ist nichts passiert. Wie geht es jetzt für die Flüchtlinge weiter?

Jennifer Bose arbeitet für die Hilfsorganisation Care und ist gerade zum zweiten Mal in die Krisenregion gereist.

Jennifer Bose
Josh Estey/ CARE

Jennifer Bose

SPIEGEL ONLINE: Frau Bose, wie hat sich die Lage in den Camps in den vergangenen Monaten entwickelt?

Bose: Es hat sich einiges getan. Hunderttausende Menschen haben wir inzwischen mit Trinkwasser und Medizin versorgt. Generell ist die Situation aber immer noch schlimm. Es gibt kaum Elektrizität und zu wenig sauberes Trinkwasser. Weil es jetzt schon seit einem halben Jahr so geht, droht die Krise der Rohingya in Vergessenheit zu geraten. Dabei beginnt jetzt ein Wettrennen gegen die Zeit. Bald setzt die Regenzeit ein.

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Rohingya: Alltag im Plastikzelt

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Flüchtlinge im Camp?

Bose: Zelte können von den Wassermassen weggeschwemmt werden. Der Boden der Gassen verwandelt sich in Matsch, das erschwert den Weg zu Kliniken und Lebensmittelverteilungen. Außerdem sind Ausbrüche von Cholera ein sehr großes Risiko, insbesondere wenn die Regen- und Schlammmassen sauberes Trinkwasser mit Müll und Fäkalien verschmutzen. Es gibt aber noch weitere Krankheiten, die sich dann weiter ausbreiten könnten, etwa Hautausschläge, Durchfall und Fieber. Ich habe viele Kinder gesehen, deren Haut komplett aufgekratzt war.

SPIEGEL ONLINE: Wohin sollen die Menschen umgesiedelt werden?

Bose: Das geschieht innerhalb der Lager. Viele Familien hausen auf Hügeln, manche der Zelte drohen selbst ohne Regen herunterzurutschen, weil sie nicht gut genug befestigt sind. Die Camps sind sehr eng besiedelt, es wird nicht einfach, einen neuen Platz zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich den Alltag dort vorstellen?

Bose: Der Alltag der Menschen hier ist sehr unterschiedlich. Es gibt heitere Geschichten und extrem traurige. Vor allem die Frauen sind oft noch tief traumatisiert. Die haben Unglaubliches durchgemacht. Sie berichten von Gruppenvergewaltigungen, sexuellen Übergriffen oder haben gesehen, wie ihre Kinder erschossen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es den Kindern im Flüchtlingslager?

Bose: Einige Kinder haben das Glück, dort zur Schule gehen zu können. Aber es gibt viel zu viele, die das nicht können. Die hängen den ganzen Tag in den Camps rum, ohne jede Perspektive auf Besserung. Meist helfen sie ihren Familien, kochen oder passen auf die Geschwister auf. Ich habe sie gefragt, was sie machen wollen, wenn sie groß sind. Dann schauen mich viele von ihnen mit leeren Augen an, weil sie einfach nicht wissen, wie ihre Zukunft aussehen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Camp selbst verändert?

Bose: Im Block B des Flüchtlingslagers Potibonia, wo 22.000 Flüchtlinge leben, fühlt es sich inzwischen wirklich wie ein kleines Dorf an. Es ist koordinierter und sehr viel strukturierter als das letzte Mal, als ich dort war. Mittlerweile gibt es auch so etwas wie Treppen. Damit ist es für die Leute einfacher, die Hügel hoch und runter zu kommen, um etwa Wasser zu holen oder auf Toilette zu gehen. Das war vorher wirklich beschwerlich, da sind immer wieder Kinder runtergefallen. Es haben sich auch schon kleine Märkte gebildet, wo Flüchtlinge Gemüse verkaufen oder Snacks. Es gibt auch viel mehr Sanitäranlagen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt positiv.

Bose: Wenn man nicht weiß, was die Rohingya erlebt haben und wovor sie geflohen sind, würde man auf den ersten Blick denken, dass die Lage sehr viel besser ist und dass es einem Flüchtlingscamp entspricht, das schon seit Jahren dort ist. Es ist kaum zu glauben, dass das alles in den letzten sechs Monaten erbaut wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es für die geflüchteten Rohingya weiter?

Bose: Mir ist aufgefallen, dass viele von ihnen noch immer Angst haben, nach Burma zurückzukehren. Viele haben auch gar keine Heimat, in die sie zurückkehren können. Ganze Dörfer wurden dort niedergebrannt, viele haben Familienmitglieder verloren. Solange keine Besserung in Sicht ist, ist es für sie sehr schwierig, an eine Rückkehr zu denken. Wir setzen uns dafür ein, dass der Prozess freiwillig und sicher ablaufen kann.



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