Online-Aktion des indischen Premiers Sauber vergeigt

Indiens Premier Narendra Modi greift zum Besen und fegt einen Bürgersteig. #MyCleanIndia sollte ein viraler Mitmach-Hit werden - ähnlich der #IceBucketChallenge. Hat nicht geklappt.

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Indiens Premier Modi: Für seine Facebook-Aktion greift er zum Besen
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Indiens Premier Modi: Für seine Facebook-Aktion greift er zum Besen


Hamburg - Mit langsamen Bewegungen schiebt Narendra Modi trockenes Laub mit einem Besen zur Seite. Anschließend erklärt der indische Premier in dem YouTube-Video seine Mitmach-Aktion: Die Teilnehmer sollen Müll in Indien beseitigen, sich dabei filmen, das Ergebnis mit dem Hashtag #MyCleanIndia verbreiten - und anschließend neun weitere Personen zum Mitmachen nominieren. Eine Art Kettenbrief, den der indische Staatschef Anfang Oktober startete - nach dem Vorbild des Social-Media-Erfolgs #IceBucketChallenge zugunsten ALS-Kranker.

Der Grund: Die hygienischen Verhältnisse in vielen Gegenden des Millionenstaats sind durch Müll im Straßengraben, verdreckte Flüsse, fehlende Kanalisation unzumutbar. Dagegen hat Modi eine Imagekampagne für mehr Sauberkeit in seinem Land gestartet. Mit der Hilfe aller Inder sollen in den kommenden fünf Jahren die Probleme gelöst werden.

Staatsangestellte sollen jeweils 100 Stunden im Jahr damit verbringen, ihre Arbeitsplätze zu putzen. Etwa drei Millionen von ihnen sollen sich an der Aktion beteiligen, berichtete der Sender NDTV zum Start der Kampagne. Die Behörden wollen für die mehrjährige Kampagne mehrere Milliarden Euro ausgeben.

Alle sollen mitmachen

Aber: "Es ist auch die Aufgabe aller 1,25 Milliarden Inder", sagte der Premier - und griff selbst zum Kehrgerät. Seinen Facebook-Post mit dem Vorher-Nachher-Bild des verschmutzen und dann sauberen Bürgersteigs teilten über 130.000 Nutzer, über zwei Millionen klickten auf "Gefällt mir". Schließlich ist Narendra Modi als berühmter Facebook-Nutzer bekannt, über 23 Millionen Menschen verfolgen seine Aktionen in dem sozialen Netzwerk. Auf Twitter hat er über sieben Millionen Follower.

Dieser Social-Media-Fokus hat Methode: Seit seinem Amtsantritt im Mai hat Modi nicht einer einzigen indischen Zeitung oder Zeitschrift, einem TV- oder Radiosender ein Interview gegeben. Modi wisse um den Effekt, den eine einzige, ganz von ihm kontrollierte Nachricht über Facebook oder Twitter haben könne, sagt die politische Kommentatorin Arati Radhika Jerath.

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Putzaktion in Indien: Kampf gegen die Müllberge

Diesmal hat er die Wirkung jedoch offenbar überschätzt: In seinem Video wirbelt der indische Premier zwar jede Menge Staub auf, zwei Wochen später findet das Hashtag #MyCleanIndia zumindest auf Twitter jedoch kaum noch statt.

Weder ist es schrill, lustig oder spaßig, die Umgebung zu putzen. Noch lässt sich eine virale Aktion in den sozialen Medien gezielt starten oder steuern. Erst recht nicht von einem Staatsoberhaupt.

Von dem Vorbild der #IceBucketChallenge bleibt Indien deswegen weit entfernt: Wurde bei der Herausforderung im August jemand nominiert, sollte er sich binnen 24 Stunden einen Kübel voller Eiswasser über den Kopf kippen, das filmen und veröffentlichen oder spenden - und dann drei weitere Teilnehmer nominieren. Gestartet wurde sie von dem Freund des 29-jährigen ALS-Kranken Pete Frates.

Knapp drei Wochen lang hielt sich das Thema und verbreitete sich viral weltweit, vor allem Prominente machten mit. Die meisten nahmen die Eiswasser-Herausforderung an und spendeten trotzdem. Weil es witzig und sexy schien - und für den guten Zweck. Der amerikanischen ALS Association (Alsa), für die gespendet werden sollte, brachte das bis zum 29. August mehr als 100 Millionen US-Dollar (76,2 Millionen Euro) ein.

Auch Modi gab den Putz-Kelch an neun Nominierte weiter, das gesamte Team einer berühmten TV-Show sollte mitmachen. Die Schauspieler reinigten immerhin ihr Set. Andere zeigten sich zurückhaltender: Der Politiker Shashi Tharoor reagierte auf seiner Facebook-Seite nicht, auch den Entertainer Salman Khan sah man nicht putzen. Der berühmte Cricketspieler Sachin Tendulkar nahm zwar teil, nominierte jedoch nicht weiter.

Laut BBC wurden bisher nur 50 Teilnehmer-Videos gesichtet. So bleibt die Arbeit wohl an Staatsangestellten hängen. Doch die haben noch fünf Jahre Zeit: Erst am 2. Oktober 2019 endet die Frist, dann ist der 150. Geburtstag von Freiheitsheld Mahatma Gandhi.

(Mit Material von dpa)



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insgesamt 9 Beiträge
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herent 19.10.2014
1. Was soll der Blödsinn?
Indien hat Flugzeugträger, Atombomben, Weltraumraketen - der Beweis dafür, dass Müllabfuhr und ähnlicher Klimbim überflüssig ist. Fast vergessen, Entwicklungshilfe gibt es auch noch.
v.papschke 19.10.2014
2. Der Premier
geht mit gutem Beispiel voran. Das ist gut so. Wenn nicht endlich etwas Derartiges passiert , wird Indien noch am Müll ersticken. Man sollte die Sache sehr ernst nehmen.
bapon1 19.10.2014
3. Neuanfang?
Modi könnte tatsächlich einen Neuanfang schaffen. Jenseits von Ideologie und Lagerbildung. Das Straßenkehren ist vor allem als Appell an die Nation zu verstehen, mehr ziviles Bewusstsein zu entwickeln.
gruebi01 19.10.2014
4. In Japan gibt es das schon seit Ewigkeiten
Zwar ohne Twitter, Hashtag und Brimborium, aber putzen in Gruppen ist dort ein zwar alter, aber immer noch gepflegter Brauch - ob in Schulen, Behörden oder Firmen.
Esib 19.10.2014
5. Häme unangebracht
Wer die indischen Verhältnisse kennt, weiß, wie bitternötig so etwas wäre. Dass man versucht, eine derartige Aktion jenseits der Religionen, des Fatalismus und auch des quicklebendige Kastendenkens zu initiieren, ist begrüßens- und unterstützenswert - nicht nur aus Hygienegründen. Dass es nicht geklappt hat, ist deshalb eher traurig als lustig. Dem Premier zolle ich meinen Respekt für seine Bemühungen.
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