Mysteriöse Erkrankung Gaidars Protokoll seiner Vergiftung

Ein plötzlicher Schwächeanfall, Lähmungen, Blut aus Mund und Nase - der russische Ex-Premier Gaidar vermutet hinter seiner rätselhaften Erkrankung in Dublin einen politisch motivierten Giftanschlag. In der "Financial Times" schildert er in allen Einzelheiten seinen Kampf ums Überleben.


London - Jegor Gaidar vergleicht in einem Beitrag für die britische Zeitung die mysteriösen Ereignisse während seiner Irland-Reise vor zwei Wochen mit einem politischen Thriller. Er vermutet, er sei vergiftet worden. Minutiös beschreibt der ehemalige Ministerpräsident Russlands die Ereignisse des 24. November, den Tag, an dem er "wie durch ein Wunder" überlebte.

Gaidar: "Wie unter Vollnarkose"
REUTERS

Gaidar: "Wie unter Vollnarkose"

"Am 21. November fühlte ich mich erschöpft", schreibt Gaidar in der Zeitung. Die vorausgegangenen drei Wochen habe er mehrere schwierige Geschäftsreisen hinter sich gebracht. Er habe daran gedacht, seinen Irland-Trip abzusagen, um sich auszuruhen. Doch der Aufenthalt auf der grünen Insel war zu verlockend: Eine Konferenz an der Universität in Dublin, auf der er sein Buch "Tod eines Weltreichs - Lektionen für das moderne Russland" vorstellen konnte.

Vor Beginn der Konferenz frühstückte er in der Mensa der Universität. "Ich hatte einen Obstsalat und verlangte eine Tasse Tee", schreibt Gaidar. Dann sei er in den Hörsaal zu einem Vortrag gegangen. "Etwa zehn Minuten nachdem der Vortrag begonnen hatte, bemerkte ich, dass ich nichts mehr hören konnte", erinnert er sich. "Ich dachte nur noch daran, wie ich zurück in mein Hotelzimmer käme, um mich hinzulegen."

Er habe sich bei seinen Kollegen entschuldigt, seine Begleiterin war perplex - es war keine 40 Minuten her, als er mit ihr gut gelaunt über den Rasen der Uni gegangen war.

"Als ich mein Zimmer erreichte, musste ich mich sofort hinlegen und meine Augen schließen", beschreibt Gaidar den Fortgang seiner Übelkeit. "Es waren ähnliche Gefühle wie unter einer Vollnarkose. Man kriegt die Dinge mit, ist aber unfähig, die Augen zu öffnen." Er habe angenommen, er sei einfach nur sehr müde, schreibt Gaidar.

Nach einer Zeit der Ruhe raffte er sich auf, um gegen 14.30 Uhr seinen Vortrag zu halten. Unmittelbar nachdem er diesen beendet hatte, habe ihn wieder Müdigkeit übermannt. Er sei so schnell wie möglich zurück in sein Hotel.

Ein Anruf rettete sein Leben

"Der Anruf, der offensichtlich mein Leben rettete, kam um 17.10 Uhr." Man wollte wissen, ob er zu seiner Buchvorstellung kommen würde. Er habe kurz überlegt abzusagen. Hätte er dies getan, so Gaidar, und wäre er 15 Minuten später allein in seinem Hotel zurückgeblieben, wären seine Überlebenschancen bei Null gelegen. Doch wieder habe er sich zusammengenommen.

Zehn Minuten hatte er über sein Buch geredet, als er plötzlich nicht mehr weitersprechen konnte. Er entschuldigte sich und ging. Kaum hatte er den Hörsaal verlassen, kollabierte Gaidar im Foyer des Uni-Gebäudes. Was in den nächsten paar Stunden passierte, daran könne er sich kaum erinnern. Als er auf dem Boden lag, blutete er aus Mund und Nase, Erbrochenes läuft aus dem Mund. Er ist blass und bewusstlos. Es scheint, als liege er im Sterben.

Im Krankenhaus wird Gaidar untersucht. Das Herz arbeitet stabil, Blutdruck und Blutzucker liegen nur leicht über der Norm. Man zog einen Schlaganfall in Erwägung - Gaidar konnte Füße und Hände noch immer nicht bewegen. Doch schon bald stellte sich auch hier wieder Normalität ein. Um 7 Uhr am nächsten Morgen war er wieder auf dem Damm.

Gegen den Rat der irischen Ärzte flog Gaidar zurück nach Moskau. Für ihn war zu diesem Zeitpunkt klar: Ursache seiner Erkrankung war eine Vergiftung. Gleich vom Flughafen aus begab er sich in die Klinik. Es war schon spät an diesem Sonntagabend, doch der Chefarzt rief sofort ein paar Spezialisten zusammen. Die Tests lagen Montagfrüh vor. Die Ärzte waren ratlos. Sie konnten sich die extremen Abweichungen der Werte im Vergleich zu einem Body-Check, der nur einen Monat zuvor gemacht worden war, nicht erklären.

Politisch motiviert, aber nicht die Regierung

Aus Gründen der "beruflichen Ethik" habe der Arzt nicht von "Vergiftung" sprechen können. 60 Stunden nach seinem Schwächeanfall habe keine giftige Substanz in seinem Körper festgestellt werden können. Doch dem gesunden Menschenverstand sei klar, dass nur diese Ursache der Erkrankung sein könne.

Gaidar fragte sich, wer sind die Täter? Wer würde davon profitieren? Er habe kein nennenswertes Vermögen. Auch betreibe er keine profitable Öl- oder Metallfirma. Also müssen andere Motive als geschäftliche eine Rolle spielen: "Wenn es ein versuchter Mord war, so muss er politisch motiviert sein", schreibt Gaidar.

Dahinter steckten, so vermutet er, höchstwahrscheinlich Gegner der russischen Regierung, die an einer radikalen Verschlechterung der Beziehungen Russlands mit dem Westen interessiert seien. "Ich habe praktisch sofort die Vermutung einer Mittäterschaft der russischen Regierung zurückgewiesen", schreibt der 50-Jährige weiter.

Einen Tag vor Gaidars Zusammenbruch war der russische Ex-Spion Alexander Litwinenko in London an einer radioaktiven Vergiftung gestorben. Von seinem Sterbebett aus bezichtigte er die russische Regierung eines Mordbefehls. Die Regierung in Moskau hat jede Verwicklung zurückgewiesen.

"Ein weiterer gewaltsamer Tod eines bekannten Russen am folgenden Tag ist das Letzte, was die russische Führung wollen könnte", schrieb Gaidar weiter. Das bedeute aller Wahrscheinlichkeit nach, dass offene oder versteckte Gegner der russischen Regierung die Fäden gezogen hätten.

Gestern sagte ein Sprecher Gaidars, bei der Erkrankung des ehemaligen Premiers sei laut den russischen Ärzten ein "toxischer Faktor" im Spiel gewesen. Das Wort "Vergiftung" hätten die Ärzte aber auch hier nicht benutzt.

asc



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.