Mysteriöser Giftmord Verschwörungstheorien im Fall Litwinenko

Zum Tod von Alexander Litwinenko gibt es immer neue Theorien: Sitzen die Drahtzieher im Kreml? Oder beim russischen Geheimdienst? Oder wurde der frühere Spion vergiftet, weil er im Exil lebenden Oligarchen im Weg war? Vorläufige Bilanz eines mysteriösen Kriminalfalls.

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London/Moskau - In Kriminalfilmen bekommen die Ermittler oft wichtige Hinweise von den Gerichtsmedizinern, die ihnen mit ihrem Untersuchungsergebnis entscheidend helfen, den Mörder schnell zu fassen. Im Fall Litwinenko wird dies nicht so sein: Zwar kündigte der Rat des Londoner Stadtteils Camden an, der Tod des früheren russischen Spions werde rasch gerichtlich untersucht. Aber auch wenn die Mediziner schon am Donnerstag mit ihrer Arbeit beginnen, wird sich das Verfahren nach Ansicht von Experten über Monate hinziehen. Der Leiche Litwinenkos soll wahrscheinlich am Freitag obduziert werden - wegen der möglicherweise noch hohen Strahlenbelastung unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen.

Die Behörden und die Justiz in Großbritannien behandeln den Fall Litwinenko bislang nicht als Mord, sondern als "Tod unter verdächtigen Umständen". Scotland Yard ermittelt in verschiedene Richtungen. Nach Angaben von Innenminister John Reid wird derzeit "nichts" ausgeschlossen.

Im Urin des 43-Jährigen hatten die Mediziner eine hohe Dosis des radioaktiven Polonium-210 gefunden. Noch auf dem Sterbebett hatte Litwinenko Russlands Präsidenten Wladimir Putin beschuldigt, einen Giftanschlag auf ihn befohlen zu haben.

Inzwischen gibt es fast täglich neue Spekulationen über die Hintergründe der Vergiftung des Ex-Spions. SPIEGEL ONLINE hat die am häufigsten bemühten Theorien zum Tode Litwinenkos zusammengestellt.

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Großbritanniens Premier Tony Blair will von solchen Verschwörungstheorien nichts wissen. "Es wäre verfrüht, zum jetzigen Zeitpunkt irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen", ließ er über einen Sprecher mitteilen.

In London messen die Ermittler derweil an immer neuen Orten radioaktive Strahlung (siehe Karte). Zunächst waren erhöhte Werte nur in einem Sushi-Restaurant, einem Hotel und im Wohnhaus Litwinenkos festgestellt worden. Möglicherweise wurde dem Ex-Agenten im Lokal oder in der Hotelbar das Gift ins Essen oder in ein Getränk gemischt. Doch jetzt schlug der Geigerzähler in zwei weiteren Gebäuden aus: in einem Büro der privaten Sicherheitsfirma Erinys im Westen Londons, das Litwinenko besuchte, und im Büro des in London im Exil lebenden Milliardärs Boris Beresowski. Litwinenko soll dort ein und aus gegangen sein.

Beresowski, der in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Vermögen angehäuft hatte, gilt als erbitterter Gegner Putins. Aus Angst vor einer Gefängnisstrafe setzte sich der Milliardär schon vor Jahren aus Russland nach Großbritannien ab. Nach britischen Presseberichten hat er Litwinenkos Unterhalt in den vergangenen Jahren mitfinanziert.

Auch Beresowski fürchtet um sein Leben

Aus Beresowskis Umgebung hieß es, auch der Milliardär fürchte jetzt um sein Leben. Der "Daily Telegraph" zitierte einen Vertrauten mit den Worten: "Beresowski fürchtet, er könnte der nächste sein."

Radioaktiv verstrahlte Orte in London
SPIEGEL ONLINE

Radioaktiv verstrahlte Orte in London

Nach offiziellen Angaben wurden bislang drei potenzielle Kontaktpersonen Litwinenkos zu genaueren radiologischen Untersuchungen ins Krankenhaus gebracht. Sie wiesen nach Angaben der Gesundheitsbehörden Symptome auf, die Anlass zur Sorge gaben. Die Untersuchungen sollen rund eine Woche dauern. Auch ein Journalist des "Daily Mirror" ließ sich eigenen Angaben zufolge inzwischen testen. Er hatte Litwinenkos Kontaktmann Mario Scaramella, mit dem sich dieser in der Sushi-Bar getroffen hatte, in der vergangenen Woche in Neapel aufgesucht.

Scaramella selbst begab sich heute in britische Obhut, um sich ebenfalls auf radioaktive Verseuchung untersuchen zu lassen. Der Geheimdienstexperte hatte einen italienischen Parlamentsausschuss zur Aufklärung von Spionageaktivitäten aus der Sowjetära beraten. Der TV-Sender Sky berichtete, Scaramella sei in einem "sicheren Haus" in einem Londoner Außenbezirk untergebracht.

Seit dem Tod Litwinenkos haben sich bislang hunderte beunruhigte Menschen bei einer eigens eingerichteten Hotline gemeldet, weil sie sich an Orten aufgehalten, an denen Spuren von Radioaktivität nachgewiesen wurden. Die Behörden riefen die Londoner Bevölkerung angesichts der neuen Strahlenfunde jedoch zur Ruhe auf. Innenminister Reid betonte im Unterhaus, es gebe keinen Anlass für Panik. Die Strahlung verbreite sich höchstens über wenige Zentimeter hinweg.



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