Mysterium Osama bin Laden: Staatsfeind oder nur eine Symbolfigur?

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Über keinen Mann wird zurzeit mehr geredet als über Osama bin Laden. FBI-Ermittler sehen den untergetauchten Araber als Kopf der Verschwörung gegen Amerika, die jetzt in den Terrorattacken eskalierte. Doch ist bin Laden wirklich der Kopf einer mächtigen Terrororganisation? Was wissen die Geheimdienste über ihn?

Die USA halten ihn für den Hintermann: Ussama Ibn Laden
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Die USA halten ihn für den Hintermann: Ussama Ibn Laden

Alias-Namen hat er reichlich, und die klingen ziemlich ehrenhaft. "Der Prinz", "Der Direktor", "Scheich Mudschahid" oder gar "Emir Abu Abdallah" sollen ihn seine Anhänger ehrfurchtsvoll nennen, wissen Nachrichtendienste in ihren Dossiers zu berichten. Das amerikanische Federal Bureau of Investigation (FBI) äußerte seine Einschätzung da etwas deutlicher und rief Osama bin Laden schlicht zum "Führer der internationalen Dschihadistenbewegung" aus.

Als solcher gilt er als einer der größten Feinde der USA, und darum setzte die US-Regierung eine Belohung von fünf Millionen Dollar auf seinen Kopf aus. Nach Meinung der Ermittler ist bin Laden jetzt der einzige der möglichen Terroristen-Führer, die einen solchen Anschlag wie in den USA planen und durchführen könnten. So weit die Vermutungen, für die es bisher keine Beweise, aber auch keine Gegenbeweise gibt.

Sohn einer schwerreichen Scheichfamilie

Doch schon beim Geburtsdatum hört das Geheimdienstlatein auf. Die Ermittler im Untergrund haben sich irgendwann auf 1957 in Saudi-Arabien geeinigt, doch sicher kann sich niemand sein. Einig ist man sich jedoch, dass bin Laden als einer von 54 Nachkommen aus der schwerreichen Großfamilie des Scheichs Mohammed bin Laden aus Saudi-Arabien stammt. Als Unternehmer soll er vor seiner Terroristen-Karriere ein Milliardenvermögen angehäuft haben, deshalb trauen ihm die Dienste fast jede große und kostspielige Terrorattacke zu.

Klar scheint ebenfalls, dass bin Laden ein fanatischer Islamist ist und seinen Glauben auch mit der Waffe verteidigen will. Er selbst sieht Gewalt als legitimes Mittel zur Verteidigung des Islams. Eine Haltung, die sich die USA durchaus schon zunutze machten. Im Afghanistan-Krieg Ende der siebziger Jahre unterstützten die Amerikaner den Terroristen im Kampf gegen die einmarschierenden Russen. Führende CIA-Köpfe äußern sich in diesen Tagen nicht gern zu diesem Engagement, doch hinter vorgehaltener Hand geben sie zu, dass sie bin Laden faktisch ausgebildet haben. Denn mitten im Kalten Krieg kam bin Laden den USA gerade recht, um den Erzfeind indirekt zu bekämpfen. Doch die Liaison scheiterte, da sich bin Laden am Ende der Auseinandersetzung von der US-Regierung unter Präsident Ronald Reagan betrogen fühlte.

Als Saddam Hussein in Kuweit einmarschierte und auch Saudi-Arabien bedrohte, wollte Ibn Ladin verhindern, dass die USA zur Hilfe gerufen werden und die Vertreibung Saddams selber übernehmen. Doch die arabischen Länder lehnten ab, seitdem ist "der Prinz" auch innerhalb der arabischen Welt isoliert. Vom Sudan wurde er schließlich ausgewiesen, seitdem schützen ihn nur noch die Taliban in Afghanistan.

Seit dem Bruch droht Ibn Ladin den USA

Spätestens seit dem Golfkrieg gelten für ihn die USA als Erzfeind. Mit immer neuen Verlautbarungen und schriftlichen Kriegserklärungen gegen den Kapitalismus und vor allem die USA gibt bin Laden diesem Ruf als Staatsfeind Nummer eins in regelmäßigen Abständen neues Futter. Gern tritt er auch bei Fernseh- oder Magazininterviews mit Maschinengewehren auf oder droht den Amerikanern mit Terroranschlägen. Selbst zu den verheerenden Anschlägen in den USA am vergangenen Dienstag soll bin Laden nur zustimmende Worte gefunden haben, eine Beteiligung an den Aktionen jedoch bestritt er.

Der Anschlag auf die US-Botschaft im August 1998 soll auf das Konto von Ibn Ladin gehen
AP

Der Anschlag auf die US-Botschaft im August 1998 soll auf das Konto von Ibn Ladin gehen

Die Person Osama bin Laden blieb jedoch bisher für die Sicherheitsbehörden weitgehend ein Mysterium, dem neben den Flugzeugangriffen schon vorher die Verantwortung für zahlreiche Terroraktionen angelastet wird. Insgesamt soll er in den neunziger Jahren für fünf schwere Terroranschläge verantwortlich sein, bei denen mehrere hundert Menschen getötet wurden, glauben die Geheimdienste:

  • Am 26. Februar 1993 tötete eine Autobombe im World Trade Center in New York sechs Personen und verletzte über tausend Menschen
  • Am 13. November 1995 starben sieben US-Soldaten in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad, ebenfalls durch eine Autobombe
  • Am 25. Juni 1996 verloren bei einem Terroranschlag auf US-Elitesoldaten in Dharan in Saudi-Arabien 19 Menschen ihr Leben, mehr als 500 wurden verletzt
  • Am 7. August 1998 wurden bei nahezu gleichzeitigen Sprengstoffanschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) 224 Menschen getötet und mehr als 4000 verletzt
  • Am 12. Oktober 2000 starben bei einem Selbstmordanschlag auf das amerikanische Kriegsschiff "USS Cole" im Hafen von Aden (Jemen) 17 US-Soldaten

Alle diese Taten haben das amerikanische Sicherheitsgefühl mehr als erschüttert. Bei jedem der Terrorakte wurde deutlich, wie verletzlich der Weltpolizist Amerika ist. Bisher jedoch konnte in keinem Fall eine persönliche Beteiligung des "Scheichs" nachgewiesen werden. Ein amerikanisches Gericht verurteilte in diesem Jahr zwar vier vermeintliche Anhänger bin Laden wegen der Anschläge im Jahre 1998, über bin Laden Verantwortung konnten die Richter jedoch nichts finden.

Perfekt organisierte Gruppe

Trotzdem gibt sich der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) in einem internen Dossier sicher: Bin Laden soll eine perfekt funktionierende Terrorgruppe führen, die den Namen "Al Quaida", zu Deutsch "Die Basis" oder "Die Stellung", trage. Nach Erkenntnissen des BND unterstehen dem Terroristen Hunderte von "Kriegern", die bin Laden in Afghanistan ausgebildet haben soll.

So mancher Journalist und Kenner der Terrorszene sieht das Umfeld von bin Laden ganz anders. In einem Dossier in der Wochenzeitung "Die Zeit" beschrieb der Autor Reiner Luyken im Jahr 1999 die Geschichte von Osama bin Laden deutlich differenzierter. Zwar habe "der Scheich" durchaus Terror-Ausbildungen vorgenommen und auch immer wieder internationalen Kontakt zu anderen Terroristen gehabt. Das aber war in den siebziger und achtziger Jahren.

Doch mittlerweile sei er wegen seiner Radikalität isoliert und vor allem abgebrannt. Da seine reiche Familie ihn nicht mehr unterstütze, gelte er in der Szene eher als "Symbol eines Kriegs der Kulturen", schriebt Luyken, der wochenlang nach bin Laden gesucht hatte. Mittlerweile habe er noch nicht mal mehr sein Satellitentelefon, um mit seinen noch verbliebenen Anhängern zu kommunizieren. Ähnliche Hinweise liegen auch dem Bundesnachrichtendienst vor.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Geheimdienste Osama bin Laden aktuelle Lage beurteilen und wie die USA ihn jagen wollen

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