Amoklauf in Washington Machtlos gegen Amerikas Waffenwahn

Die Schießerei in Washington ist ein deprimierendes Déjà-vu. Amerika reagiert nur noch mit leeren Ritualen. An ein Thema aber wagt sich selbst Präsident Obama dieses Mal nicht heran - den ungebrochenen Waffenwahn.

DPA

Von , New York


Barack Obama gibt sich nicht mal Mühe. Nur ein paar obligatorische Worte findet der US-Präsident nach dem Amoklauf von Washington, nur fünf Kilometer vom Weißen Haus entfernt: Beileid den Betroffenen, Dankbarkeit für die Marine und die Polizei - und der leere Schwur, "wie leider bei so vielen dieser Schießereien", weiterhin alles zu tun, "um sie zu verhindern".

Schulterzucken, Resignation, Zynismus: Das jüngste Blutbad - dieses Mal im Washington Navy Yard, einer historischen Marinebasis - scheint kaum mehr als ein deprimierendes Déjà-vu. Für die Medien, die in reflexartiger Routine die Opfer zu Helden machen und den Täter zum telegenen Außenseiter. Für die Politiker, die nur Floskeln finden. Für die Nation, die kurz trauert und dann weiterklickt.

Die Bedeutungslosigkeit dieser Rituale offenbart auch Harry Reid, der demokratische Mehrheitsführer im Senat. Frage: Ob er jetzt nicht einen Gesetzentwurf zur schärferen Waffenkontrolle einbringen wolle? Lakonische Antwort: "Wir haben nicht genug Stimmen."

An den Stimmen allein liegt es nicht. Auch nicht an den Gesetzen, verabschiedet oder versucht. Nichts wird sich ändern.

Denn nichts rührt am zugrunde liegenden Phänomen: der Faszination Amerikas für die Schusswaffe als ultimativem Konfliktlöser. Es ist eine historische und lange Zeit berechtigte Faszination, die einst dem nackten Überleben diente und seither von Hollywood und der Waffengroßindustrie profitabel inszeniert wird.

Die Wut verhallt

"Mayors Against Illegal Guns", eine Koalition von mehr als 1000 Bürgermeistern, will an diesem Donnerstag am Kapitol gegen den Waffenwahn demonstrieren. Doch ihre Wut verhallt, wie neulich auch in Colorado: Da kippten die Wähler zwei von der Gruppe unterstützte Demokraten aus dem Landessenat - und ersetzten sie mit zwei Republikanern, gesponsert von der starken Waffenlobby NRA.

Waffen zu kritisieren, das ist politisches Gift.

Kaum zu glauben: Newtown ist erst neun Monate her. Damals versank Amerika in kollektivem Trauma. Obama schwor, "alle Macht dieses Amtes" für Waffenkontrolle einzusetzen. Das wässrige Gesetz, das daraus erwuchs und wenigstens die Background-Checks verbessern sollte, scheiterte im Senat - am Widerstand aus beiden Parteien.

Schärfere Kontrollen hätten vielleicht gezeigt, dass Aaron Alexis, der mutmaßliche Täter vom Navy Yard, seit einem Jahrzehnt Zeichen von Geisteskrankheit aufwies. Sie hätten vielleicht gezeigt, dass er als Marinereservist oft wegen "Fehlverhaltens" auffiel. Sie hätten vielleicht verhindert, dass er am Sonntag im Waffenshop "Sharpshooters" in Virginia ohne weiteres ein Remington-Gewehr und zwei Kartons Kugeln kaufte.

Sicher: Aaron Alexis hätte seine Ausrüstung auch anderswo gefunden. Nicht Waffen töten - Menschen töten. So tönt die NRA oft, die sich in diesem Fall bisher in lautes Schweigen hüllt.

Washington schaut weg

Noch etwas anderes sagt die NRA gerne: "Das Einzige, das einen bösen Kerl mit einer Waffe stoppen kann, ist ein guter Kerl mit einer Waffe." Zu besichtigen war dieses Motto in der Nacht zum Sonntag im Herzen Manhattans, nur einen Block vom Times Square entfernt: Da schossen zwei New Yorker Cops wie wild auf einen verwirrten - und unbewaffneten - Mann. Statt dessen trafen sie zwei Passantinnen.

In derselben Nacht durchsiebte ein junger Polizist in North Carolina einen 24-Jährigen mit zehn Kugeln. Der Schwarze war nach einem Autounfall auf ihn zugerannt - er suchte Hilfe.

Auch "gute Kerle" erliegen dem Waffenfetisch. Doch meist toben sie das an gewaltgetränkten, waffenverherrlichenden Videospielen aus, etwa dem neuen Grand Theft Auto V. Von dem Spiel erwarten Marktbeobachter, dass es im ersten Monat eine Milliarde Dollar einschießt.

Washington schaut weg. Obama hat sein politisches Kapital sowieso verspielt. Im Syrien-Konflikt verweigerten ihm sogar die eigenen Demokratendie Gefolgschaft. Larry Summers, sein Wunschkandidat als Notenbankchef, machte lieber freiwillig einen Rückzieher. Die Einwanderungsreform, Obamas nächstes und letztes Großprojekt, ist eine Totgeburt. Und schon droht ein neues, ebenso sinnloses Schuldendrama.

Kluge Gedanken zur Waffengewalt? Keine Chance, räumt selbst Obamas Sprecher Jay Carney ein: "Das ist die Welt, in der wir leben."

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Seite 1
Indigo76 18.09.2013
1.
Zitat von sysopDPADie US-Schießerei in Washington ist ein deprimierendes Déjà-vu. Amerika reagiert nur noch mit leeren Ritualen. An ein Thema aber wagt sich selbst Präsident Obama diesmal nicht heran - den ungebrochenen Waffenwahn. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nach-amoklauf-in-washington-scheut-obama-neue-initiative-gegen-waffen-a-922902.html
Dieser Präsident kann nicht mehr wiedergewählt werden, da er sich in seiner zweiten Amtsperiode befindet. Er hat also nichts zu verlieren. Er sollte sich vor die Kameras stellen und sagen: "Ich habe versucht etwas zu verändern, ihr habt es nicht gewollt und es verhindert - jetzt bekommt ihr, was ihr verdient!" Argumente überzeugen die Amerikaner nicht. Vielleicht tut es ein richtig schlechtes Gewissen. Den Amerikanern muss jeden Tag aufs neue vor Augen geführt werden, dass sie selbst Schuld sind an den vielen Amokläufen. Und nicht nur die paar Spinner von der NRA - Alle Amerikaner. Es gibt das dieses Zitat (ich weiß leider nicht mehr von wem und ich kann es auch nicht mehr wörtlich sondern nur sinngemäß) "Damit das Böse giwinnt, bedarf es nur genug Leute, die wegschauen." Amerikaner sind Weltmeister im wegschauen.
MashMashMusic 18.09.2013
2.
Zitat von sysopDPADie US-Schießerei in Washington ist ein deprimierendes Déjà-vu. Amerika reagiert nur noch mit leeren Ritualen. An ein Thema aber wagt sich selbst Präsident Obama diesmal nicht heran - den ungebrochenen Waffenwahn. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nach-amoklauf-in-washington-scheut-obama-neue-initiative-gegen-waffen-a-922902.html
GTA V "schießt" über eine Milliarde Dollar ein? Was soll denn so eine Formulierung? Das Waffenproblem in den USA ist eins der Waffenverbreitung, nicht von Computerspielen. Bitte nicht wieder diese Diskussion.
nomadas 18.09.2013
3. In gun we trust
Nein, nein, nicht machtlos, ihr Lieben, ganz im Gegenteil! Machtvoll mit der Lobby- Waffenmacht, an die Macht, im oval office! Tut bitte nicht so scheinheilig, ihr Heuchler und Pharisäer! Ihr bekommt offensichtlich euren hausgemachten gun-shit selber nicht mehr in den Griff, Waffenproduzent Nr.1 in der Welt. Eure durchgeknallten GI´s flippen langsam aus und ballern nicht nur nach außen, oh no, jetzt auch mal nach innen - fuck off! Es ist euer täglich Brot, seit Beginn an, schon mit der Mayflower hat alles begonnen, so auch heute. Also, bitte keine Pseudo-Aufregung, good old riffle, colt, gun cowboy-country!
derbe55erwi55er 18.09.2013
4. Verteidigung
Hätten doch nur alle ihre Waffen dabei gehabt, dann hätten sie sich wenigestens verteidigen können. Es brauchen einfach mehr gute Menschen Waffen, dann ist die Welt wieder in Ordnung. Also Amerikaner... kauft mehr Waffen.
Doppelposter 18.09.2013
5. Gesetze
Die sprechen ständig von schärferen Kontrollen, neuen Bestimmungen, usw. - Ja, damit wird das "rankommen" an Waffen schwieriger - aber was bringt das, wenn Millionen Amis bereits mit Waffen rumlaufen? Treyvor Martin wäre trotz den härtesten nur erdenklichen Kontrollen und Bestimmungen mausetot, da der Schütze doch die Waffe längst hatte.
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