Nach Atomunfall in Japan Polizei ermittelt gegen Betreiberfirma

Nach dem größten Atomunfall in der Geschichte Japans sind schwere Sicherheitsmängel bekannt geworden. Der Betreiber der Anlage von Tokaimura, gegen den Ermittlungen eingeleitet wurden, hat sich vor der erbosten Bevölkerung auf die Knie geworfen. Einigen Erklärungsbedarf hat auch die Regierung.


Wirft sich auf den Boden, um Buße zu tun: Der Betreiber der Anlage in Tokaimura, Kitani
AP

Wirft sich auf den Boden, um Buße zu tun: Der Betreiber der Anlage in Tokaimura, Kitani

Tokio - Die Betreiberfirma des Werkes in Tokaimura JCO gab zu, eine Vorschrift ohne Genehmigung der Regierung geändert zu haben. Der neue Leitfaden, der nach Presseberichten gegen gesetzliche Vorschriften verstößt, erlaube den Arbeitern, Uran von Hand in einem eimerartigen Behälter zu transportieren. Diese Methode sei seit vier bis fünf Jahren angewendet und vor zwei Jahren in die neuen Richtlinien aufgenommen worden, sagte der Planungschef des Werkes, Hiroyuki Ogawa.

Am Tag des Unfalles, am Donnerstag, hatten die Arbeiter 16 Kilogramm Uran - zulässig wären höchstens 2,4 Kilogramm - in einen Tank gefüllt und dabei zudem einen Arbeitsschritt ausgelassen. Vermutlich hätten sie dadurch ihre Arbeit beschleunigen wollen, berichteten japanische Zeitungen.

Noch einmal der zerknirschte Kitani, vor Evakuierten auf dem Boden sitzend
DPA

Noch einmal der zerknirschte Kitani, vor Evakuierten auf dem Boden sitzend

Während die Polizei in der Provinz Ibaraki mit einer Sondereinheit von 100 Beamten strafrechtliche Ermittlungen einleitete, ließ die Regierung am Sonntag die Büroräume der Firma in Tokio und Tokaimura überprüfen. Der Betreiberchef der Urananlage, Hiroharu Kitani, hat sich am Samstag vor den erbosten Bürgern auf die Knie geworfen und mit gesenktem Haupt Abbitte geleistet.

Wie Zeitungen berichteten, ist kurz nach dem Unfall ein Krankenwagen der Feuerwehr zur Unglücksanlage gerufen worden. Doch habe es zunächst nur geheißen, drei Arbeitern sei übel geworden, und einer sei zusammengebrochen. Auf radioaktive Strahlung seien die Rettungskräfte nicht eingestellt gewesen. Sie hätten den Raum nur in weißen Kitteln betreten und seien nichts ahnend ebenfalls verstrahlt worden. Erst eine Stunde nach Ankunft der Feuerwehr wurden die drei lebensgefährlich verstrahlten Arbeiter in ein Krankenhaus gebracht, hieß es. Zudem informierte der Betreiber das zuständige Ministerium erst knapp eine Stunde nach dem Unfall. Noch am Wochenende waren zwei Arbeiter noch in kritischem Zustand. Ärzte planen für beide Männer Bluttransfusionen.

Schwere Vorwürfe auch gegen die Regierung

Der Regierung wurde von japanischen Medien Versagen beim Krisenmanagement und eine unzureichende Sicherheitsaufsicht über die Atomindustrie vorgeworfen. So habe es mehr als zehn Stunden gedauert, bis überhaupt ein Krisenstab eingesetzt worden sei. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete unter Berufung auf Firmenunterlagen, dass die Regierung dem Betreiber von Tokaimura die Genehmigung zum Bau der Anlage gegeben habe, obgleich es an ausreichenden Sicherheitsverfahren für den Fall einer unkontrollierten Kettenreaktion - wie diese, die am Donnerstag stattgefunden hat - gemangelt habe. Ein Regierungssprecher räumte daraufhin ein, man habe langsam reagiert und das Ausmaß des Unfalls unterschätzt.

Zeirungen schreiben nun, der Unfall habe den allgemeinen "Sicherheitsmythos" Auch von einem Schlag gegen die Atompolitik der Regierung war die Rede, der Folgen für den geplanten Bau weiterer Atommeiler in Japan haben könne.

In Tokaimura ist unterdessen der Alltag wieder eingekehrt. Nachdem es sich gleich nach dem Unfall in eine Geisterstadt verwandelt hatte, haben mittlerweile Schulen, Büros und Geschäfte ihren Betrieb wieder aufgenommen. Die Behörden richteten Kontrollplätze ein, wo sich besorgte Bürger auf radioaktive Strahlen untersuchen lassen können.



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