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Konflikt mit Kurden: Türkei droht neuer Bürgerkrieg

Von , Istanbul

Türkei: Erdogans Kurs gegen die Kurden Fotos
DPA

Rückfall in finstere Zeiten: Die türkische Luftwaffe soll Stellungen der PKK bombardiert haben. Die hatte zuvor wegen der zögerlichen Haltung Ankaras gegenüber der IS-Miliz mit Bürgerkrieg gedroht. Der Friedensprozess ist gescheitert.

Die Nerven liegen blank bei vielen Kurden in der Türkei. Am Dienstag macht die Nachricht die Runde, die türkische Luftwaffe habe Bomben auf Stellungen der verbotenen PKK abgeworfen, als Reaktion auf tagelangen Beschuss eines türkischen Militärpostens. Es sei, berichtet die "Hürriyet", der erste Angriff dieser Art seit dem Waffenstillstand zwischen der PKK und dem türkischen Staat Ende 2012. Seit 2005 schon führen beide Seiten im Hintergrund Friedensverhandlungen.

Das Bemühen um Frieden, das wichtigste politische Projekt der Regierung seit Jahren, dürfte mit den Bombardements gescheitert sein. Aus Reihen von PKK-Vertretern ist zu hören, es sei jetzt an der Zeit zu handeln und sich zu wehren. Schon am Wochenende hatte der PKK-Vize Cemil Bayik gedroht, die Friedensgespräche abzubrechen und zum bewaffneten Kampf zurückzukehren. Er ist faktisch der Chef der Organisation und hat sein Hauptquartier in den Kandilbergen im irakischen Kurdistan aufgeschlagen.

Als Grund nannte Bayik die Untätigkeit der Türkei im Kampf um die von Kurden bewohnte syrische Grenzstadt Kobane. Sie wird seit Wochen von Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) belagert, immer wieder versuchen sie, die Stadt zu erobern. Sollte ihnen das gelingen, droht den dort verbliebenen Zivilisten sowie den kurdischen Kämpfern ein Massaker. Die internationale Anti-IS-Koalition versucht, die Einnahme mit Luftschlägen zu verhindern und die IS-Milizen zurückzudrängen, bislang vergeblich.

Kritik der Kurden an der Türkei

Die Türkei hat derweil Panzereinheiten an der Grenze stationiert, greift aber nicht ins Geschehen ein - nach Erkenntnis westlicher Geheimdienste aus Furcht vor Terror, den der IS angedroht hat. Die Kurden erwarten keine militärische Hilfe von der Türkei, sie kritisieren aber,

  • dass Ankara eine von türkischen Soldaten kontrollierte Sicherheitszone verlangt, die faktisch einer Übernahme der Autonomiegebiete gleichkäme,
  • dass die Türkei die Grenze für Kämpfer der PKK sowie des syrischen Ablegers YPG geschlossen hat,
  • und dass die Türkei den Kurden nicht erlaubt, Waffen, Munition und Lebensmittel über die Grenze zu transportieren, um die Kämpfer in Kobane zu unterstützen, wohingegen IS-Kämpfer sich jahrelang frei bewegen konnten und Unterstützung aus Ankara erhielten.

Bei Demonstrationen gegen diese Politik von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Premierminister Ahmet Davutoglu gab es in mehreren Städten im Südosten der Türkei gewaltsame Auseinandersetzungen. Zum einen zwischen Polizei und Kurden, zum anderen aber auch zwischen PKK-Anhängern und der türkischen radikalislamischen Hisbollah. In sechs Provinzen wurden Ausgangssperren verhängt, mindestens 41 Menschen kamen bisher ums Leben. Autos und Häuser brannten, Läden wurden geplündert, auf den Straßen fuhren gepanzerte Fahrzeuge, wurde geschossen und gekämpft.

Sollten die Schlächter des IS Kobane am Ende einnehmen, wäre dies nicht nur ein weltweit sichtbarer Propagandaerfolg für sie. Es dürfte auch eine Eskalation der Gewalt in der Türkei zur Folge haben - einerseits zwischen Kurden und staatlichen Kräften, andererseits zwischen Kurden und Islamisten.

Friedensprozess gegen Widerstand von Nationalisten

Derzeit ist es Abdullah Öcalan, der seine Anhänger immer wieder ermahnt, nicht zu den Waffen zu greifen und den Friedensprozess nicht zu gefährden. Ausgerechnet jener Mann also, der ab 1984 Krieg gegen die Türkei führte - mit dem Ziel eines eigenen Kurdenstaats. Der zu lebenslanger Haft verurteilte Chef der PKK agiert aus seiner Gefängniszelle heraus. Erst in Einzelhaft gab er seine früheren Pläne auf, formte die einst marxistisch-leninistische PKK in eine basisdemokratische Organisation um und fordert nun größere Autonomie für die Kurden.

Erdogan trieb den Friedensprozess trotz erheblicher Widerstände von Nationalisten voran. Er sorgte dafür, dass auch die kurdischen Gebiete im Südosten vom wirtschaftlichen Boom profitierten, dass dort neue Straßen, Gebäude, Strom-, Wasser- und Gasnetze gebaut wurden. Zum Dank wählten viele Kurden Erdogan und seine AKP, die damit der HDP, dem politischen Arm der PKK, in kurdischem Gebiet Konkurrenz machte.

Doch die Sympathien für die AKP unter den Kurden dürften verflogen sein. Auch Erdogans Bemühungen um Annäherung sind vorerst beendet. Kürzlich erst erklärte er, er sehe "keinen Unterschied zwischen PKK und IS" - eine Ansicht, die viele Türken teilen. In Internetforen und in sozialen Medien wird seit Wochen ein erbitterter Wortkrieg geführt und der PKK vorgehalten, immer noch eine Terrororganisation und verantwortlich für den Tod von mehr als 45.000 Menschen zu sein. Kurden wiederum werfen der türkischen Regierung vor, mit IS gemeinsame Sache zu machen - nicht nur, um Syriens Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen, sondern auch, um die Kurden zu vernichten.

Kurden
Kurdische Ethnie
Weltweit gibt es etwa 30 Millionen Kurden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet, das in der Türkei, im Irak, in Syrien und in Iran liegt, bezeichnen sie als Kurdistan. Einen eigenen Staat haben sie nicht. Kurden bilden eine Ethnie. Die meisten von ihnen sind sunnitische Muslime, es gibt aber auch Schiiten, Aleviten, Jesiden, Christen und Juden unter den Kurden.
Kurden in Deutschland
Allein in Deutschland leben etwa eine Million Kurden. Wegen ihrer Staatenlosigkeit werden sie hier meist als Türken, Iraker, Syrer oder Iraner wahrgenommen. Dabei bilden sie die drittgrößte Migrantengruppe in der Bundesrepublik.
Sprachen
Es gibt mehrere kurdische Sprachen, die wiederum jeweils ein Dutzend Dialekte haben. Am weitesten verbreitet ist die Sprache Kurmandschi. Interessanterweise sind es also weder Sprache noch Religion, die die Kurden als Volk zusammenhält, sondern "ihr Miteinander, verwurzelt in einer gemeinsamen Vergangenheit, die mehr oder weniger mythisch ist", wie die Ethnologen Jean-Loup Amselle und Guy Nicolas schreiben.
Autonome kurdische Region
Bis in das 20. Jahrhundert hinein lebten Kurden in Stammesgesellschaften. Heute leben sie in sehr unterschiedlichen Umfeldern. Die autonome kurdische Region im Irak gilt als die stabilste und sicherste im Land. Durch Zugang zu Erdöl ist sie wohlhabend.
Kurden in der Türkei
Kurden in der Türkei sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Überproportional viele sind jedoch arm, weil ihnen Bildung erschwert wurde. Unterricht auf Kurdisch war jahrzehntelang verboten. Viele Kurden kamen erstmals mit ihrer Einschulung mit Türkisch in Berührung.
Kurden im Irak
Das kurdische Autonomiegebiet liegt im Nordirak und wird von den Kurden Südkurdistan genannt. Im Irak wurden die Kurden lange Zeit verfolgt. Tragischer Höhepunkt war der Giftgasangriff des sunnitischen Diktators Saddam Hussein am 16. März 1988 auf den kurdischen Ort Halabdscha, bei dem etwa 5000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
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1. Es wird zu viel verlangt
ezomoro 14.10.2014
Man verlangt von der Türkei Mafia Regeln: bring deinen Freund um (isis) dann bist du Freund von uns. Dabei wäre das eine gute Gelegenheit für die Türken einen neunen Freund zu gewinnen, den Kurden, weil die Kurden ein dankbares Volk sind. Sie vergessen nie, wenn einer ihnen was gutes getan hat. Der langjährige Konflikt wäre vielleicht damit vorbei.
2.
Thom-d 14.10.2014
Die Ereignisse in Kobane zeigen, das es für die Kurden keine Alternative zu einem eigenen Staat gibt. Hätten die Kurden einen eigenen Staat gehabt, hätten sie auch eine gut ausgerüstete eigene Armee und die IS-Terroristen hätten keine Chance gehabt. So aber werden sie von den Türken unterdrückt und der IS zum Abschlachten ausgeliefert
3. Chance Vertan
Flo1409 14.10.2014
Erdogan hätte sich bei den Kurden beliebt machen können und auch Sympathie bei der PKK sammeln können. so wird alles auf eine Eskalation hinauslaufen. Viele böse Zungen werden behaupten das ist absichtlich provoziert um wieder einen Grund für Krieg gegen Kurden zu haben. und ganz abwegig ist das nicht.
4. Das hat man davon...
t-o-m-k-o 14.10.2014
...wenn man nicht mit offenen Karten spielt und gemeinsam gegen den Feind IS vorgeht. Die Türkei wird nach starken inneren Unruhen von der IS angegriffen werden. Das wird das Ergebnis sein Strategen der AKP... Wer wird es lösen? Die Amis dürfen zum hundertsten Mal in der Region ran...Die EU wohl auch...
5. Interessant
kurpfaelzer54 14.10.2014
... die Türken bekämpfen nicht die IS sondern die feinde der IS. So langsam müsste die letzte Schlafmütze in der Berliner Regierung kapieren, dass der Islamist Erdogan ein doppeltes Spiel betriebt. Die noch dort stationierte Raketeneinheit muss sofort zurückgerufen werden.
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