Nach den Anschlägen von Paris Amerikas neue Antwort auf den Terror

Wie umgehen mit inländischen Dschihadisten, die sich via Internet radikalisieren oder aus Nahost zurückkehren? Der Terror in Frankreich weckt neue Befürchtungen in den USA. Experten analysieren die tatsächliche Gefahrenlage.

US-Präsident Obama: "Wäre gern in Paris gewesen"
AP

US-Präsident Obama: "Wäre gern in Paris gewesen"

Von , Washington


Für den US-Präsidenten sollte es die Woche der Cyber-Sicherheit werden. Deshalb hat Barack Obama schon am Montag Gesetzesvorhaben zum besseren Schutz von Konsumenten und Daten präsentiert; deshalb bittet er an diesem Dienstag Kongressmitglieder zum Verhandeln ins Weiße Haus; und deshalb will er später am Tag noch den Versuch unternehmen, US-Unternehmen auf eine engere Zusammenarbeit mit der Regierung in Sachen Cyber-Sicherheit zu verpflichten. So war das geplant.

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Heft 3/2015
Anschlag auf die Freiheit

Doch mitten hinein in diese präsidiale Agenda platzte am Montag die Nachricht vom Hackerangriff auf die Twitter- und YouTube-Konten des zentralen Einsatzkommandos der US-Streitkräfte.

In der Mittagszeit kaperten mutmaßliche Anhänger des "Islamischen Staats" (IS) die Accounts des US Central Command (Centcom) in Florida, von wo aus der Kampf gegen die islamistischen Terrormilizen in Syrien und im Irak koordiniert wird. Unter dem Hashtag #CyberCaliphate twitterten sie von dieser Plattform aus unter anderem Drohungen gegen US-Soldaten ("Amerikanische Soldaten, wir kommen, seht euch vor!").

Nach rund 30 Minuten war der Spuk vorbei, die Seiten erstmal vom Netz. Wirklichen Schaden haben die Hacker offenbar nicht anrichten können: "Es wurden keine geheimen Informationen gepostet", teilte Centcom am Abend mit - und qualifizierte die Attacke lediglich als "Cyber-Vandalismus". Obamas Sprecher Josh Earnest sah das ganz ähnlich: Es gebe einen "ziemlich großen Unterschied zwischen einer breitangelegten Datenschutzverletzung und dem Hacken eines Twitter-Accounts".

Sensibilisiert für Symbolik

Gefährlich war die Attacke also nicht, aber eben doch: ärgerlich. Ausgerechnet jetzt. In den Tagen seit den Attentaten von Paris sucht die zivilisierte Welt nach Fassung, Rat und Sicherheit: Was tun gegen islamistische Terroristen?

Auch in Amerika herrscht derzeit eine Anspannung, die die Öffentlichkeit besonders für Symbolik sensibilisiert. Dass etwa weder Obama noch Außenminister John Kerry oder ein anderer US-Minister bei der "Charlie Hebdo"-Solidaritätsdemonstration am Sonntag in Paris mitmarschiert sind, entwickelt sich zum Wochenbeginn in Washington zum kleinen Polit-Skandal. Schließlich gesteht das Weiße Haus den Fehler ein. "Ja, es hätte ein hochrangigerer Vertreter vor Ort sein müssen", sagt Obama-Sprecher Earnest. Der Präsident wäre gerne in Paris gewesen, aber die Demonstration sei kurzfristig angesetzt worden, die nötigen Sicherheitsvorkehrungen für den Besuch eines US-Präsidenten oder Vizepräsidenten wären nur mit Mühe einzuhalten gewesen und hätten außerdem nur den Ablauf der Veranstaltung und die Teilnehmer behindert.

Das mag plausibel klingen. Doch dass der Anführer der freien Welt aus Sicherheitsgründen auf einen Besuch in Paris verzichtet, das ist dann wiederum kein allzu positives Signal. Hinzu kommt: Auch beim Schweigemarsch in Washington, den die IWF-Chefin Christine Lagarde sowie der französische und deutsche Botschafter anführten, war außer der Europabeauftragten Victoria Nuland kein hochrangiger US-Regierungsvertreter vor Ort. Soweit das Symbolische.

Experten warnen vor Überreaktion und Panik

Das Konkrete kommt von Daniel Byman und Jeremy Shapiro. Die beiden Terror-Experten und Ex-Regierungsmitarbeiter haben für die Washingtoner Denkfabrik Brookings in einer Studie gerade die Bedrohung für den Westen durch sogenannte Foreign Fighters analysiert. Ausländer also, die sich freiwillig Terrorgruppen anschließen. Es ist gewissermaßen Zufall, dass sie an diesem Montag ihre Ergebnisse präsentieren, nur wenige Tage nach den Anschlägen von Paris.

Byman und Shapiro warnen die Regierungen des Westens vor Überreaktionen und Panik auf der einen Seite und Passivität auf der anderen. Künftige Anschläge könnten nicht definitiv ausgeschlossen werden. Wer eine solche Perfektion anstrebe, habe im Kampf gegen die Terroristen schon verloren. Sie raten zu verstärkter Kooperation auf Geheimdienstebene und mahnen insbesondere die Europäer, ihre Bemühungen zur Integration muslimischer Minderheiten zu verstärken. Der Umgang mit rückkehrenden Kämpfern müsse verbessert werden. Denn die Gefängnisse, so Shapiro, seien ein effektiveres Radikalisierungsinstrument als jeder Kampfeinsatz.

Der Konflikt in Syrien habe mittlerweile zur "raschesten Mobilisierung ausländischer Kämpfer in der Geschichte der modernen dschihadistischen Bewegung geführt" - mit entsprechender Tendenz für die kommenden Jahre. Bis zu 15.000 ausländische Kämpfer seien US-Regierungsangaben zufolge bisher in Syrien und im Irak gelandet, 15 bis 25 Prozent davon stammten aus Westeuropa und Nordamerika.

Die meisten von ihnen kehrten nicht als Terroristen in ihre Heimat zurück, so Byman und Shapiro. Die Trainingsprogramme, die sie vor Ort durchlaufen, seien eher auf Guerillafähigkeiten als auf die eines Terroristen ausgerichtet. Obendrein würden viele schon in Syrien sterben, nicht zuletzt, weil die Besucher gern auf Suizidmissionen ins Kampfgebiet geschickt werden.

Als hilfreich im Kampf gegen den Terror könnten sich ausgerechnet die sozialen Medien erweisen. Zwar radikalisierten sich viele potenzielle Terroristen im Westen via Internet, schreiben die Autoren. Gleichzeitig ermöglichten Facebook, Twitter und YouTube den Sicherheitsbehörden aber auch Einblicke, die sie zuvor nicht hatten. "Diese Leute fühlen sich als Helden, sie wollen sich vor ihren Freunden brüsten", sagt Byman. Und so komme man ihnen in ihren Netzwerken auf die Spur.

Die Bedrohung sei laut Byman und Shapiro also größer geworden, andererseits gebe es jedoch mehr Möglichkeiten, eben diese zu unterbinden.

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Seite 1
rloose 13.01.2015
1.
Warum auch in die gleiche Falle nochmal tappen, wenn es noch genügend andere gibt. Lernfähig sind sie ja, die Amerikaner. Es brauchte ja nur 5 Versuche und zig Billionen Dollar.
lupenreinerdemokrat 13.01.2015
2. Operative Hektik....
..... ersetzt geistige Windstille. Wobei man hier natürlich nicht von geistiger Windstille sprechen muss, sondern von opportunistischem Kalkül. Die totale Überwachung des Internet - also sozusagen der totale Krieg gegen die Freiheit des Internet - steht ja schon seit einigen Jahren auf der Agenda der Mächtigen. Es soll verhindert werden, dass ohne Zensur so allerhand über die Machenschaften und kriminellen Tätigkeiten der "Demokratieverteidiger" ans Licht kommen kann. Ebenso gilt es, die Bürger lückenlos zu überwachen, denn soziale Einschnitte, um die Profite der Mächtigen zu sichern, werden in Zukunft erst so richtig los gehen und das riecht verdächtig nach potentieller Revolution. Hierfür ist der Anlass eines islamistischen Terroranschlags, der natürlich nicht in geringster Weise durch Internetüberwachung verhindert werden konnte und auch nicht verhindert werden wird, gerade recht, um die Agenda umzusetzen. Die Datenschützer haben einen schlechteren Stand als vor dem Attentat, diese vorübergehende Schwächung ihrer Position gilt es zügigst auszunutzen und in Taten umzusetzen.
rloose 13.01.2015
3.
Zitat von lupenreinerdemokrat..... ersetzt geistige Windstille. Wobei man hier natürlich nicht von geistiger Windstille sprechen muss, sondern von opportunistischem Kalkül. Die totale Überwachung des Internet - also sozusagen der totale Krieg gegen die Freiheit des Internet - steht ja schon seit einigen Jahren auf der Agenda der Mächtigen. Es soll verhindert werden, dass ohne Zensur so allerhand über die Machenschaften und kriminellen Tätigkeiten der "Demokratieverteidiger" ans Licht kommen kann. Ebenso gilt es, die Bürger lückenlos zu überwachen, denn soziale Einschnitte, um die Profite der Mächtigen zu sichern, werden in Zukunft erst so richtig los gehen und das riecht verdächtig nach potentieller Revolution. Hierfür ist der Anlass eines islamistischen Terroranschlags, der natürlich nicht in geringster Weise durch Internetüberwachung verhindert werden konnte und auch nicht verhindert werden wird, gerade recht, um die Agenda umzusetzen. Die Datenschützer haben einen schlechteren Stand als vor dem Attentat, diese vorübergehende Schwächung ihrer Position gilt es zügigst auszunutzen und in Taten umzusetzen.
Sie haben es erkannt. Das Prinzip ist hier aber genau dasselbe. Nach jedem Terroranschlag wird erstmal über Gesetzesverschärfungen nachgedacht. Deshalb mein Vorschlag: Warum nicht gleich Haussarrest für alle. Denn solange noch Menschen frei herumlaufen können, wird es immer Terroranschläge geben. Das Internet kann man ja zur Sicherheit trotzdem noch vollständig überwachen...
bertram260e 13.01.2015
4. Sehr unprofessionell
Dass sich Streitkräfte überhaupt auf öffentlichen sozialen Netzwerken tummeln, finde ich schon lustig - und etwas beunruhigend. Natürlich werden die gehackt - für ernste Anwendungen sind diese Systeme nie gebaut worden. Das kommt davon wenn Kolonialwarenhändler und Powerpointfolienschieber das Sagen haben.
monolithos 13.01.2015
5. Kommunikation von Menschen älter als das Internet
Ob die "volle Kontrolle" im Internet die richtige Antwort auf den Terror ist, sei mal dahingestellt (zumal die eh schon realisiert ist und die Anschläge nicht verhindern konnte). Auch unter Islamisten wird sich vielleicht noch irgendjemand daran erinnern, wie es funktioniert hat, dass Menschen miteinander kommunizierten, als es das Internet noch nicht gab. Die Generation Smartphone wird überraschen, dass dies tatsächlich mal möglich war. Der Kampf gegen den Terror muss mal wieder als Vorwand herhalten für eine Bespitzelung der Bevölkerung, die selbst die Stasi so nicht auf die Beine stellen konnte. Als Realsatire amüsant finde ich, dass ausgerechnet Mrs. "Fuck the EU" Victoria Nuland bei einem SCHWEIGEmarsch mitmacht.
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