Washington - Er wolle nur das Wohl des nordkoreanischen Volkes: Nach der Rückkehr der von Nordkorea begnadigten US-Journalistinnen hat US-Präsident Barack Obama deutliche Worte an das kommunistische Land gerichtet. Er forderte die Machthaber in Pjöngjang auf, ihr umstrittenes Atomprogramm aufzugeben. Zudem müsse das Land sein "provokatives Verhalten" beenden.
Es gebe für Nordkorea nur "einen Weg für bessere Beziehungen", sagte Obama dem US-Sender MSNBC in seinem ersten Interview nach der Ankunft von Laura Ling und Euna Lee in den USA. Der US-Präsident appellierte an die Führung des Landes, entsprechend der Regeln der internationalen Gemeinschaft zu handeln. Die USA wollten "das Wohl des nordkoreanischen Volkes".
Kritiker hatten Obama zuvor vorgeworfen, der Besuch Clintons sei ein "Kniefall" vor dem Diktator.
Pjöngjang müsse im Ringen um sein Atomprogramm an den Verhandlungstisch zurückkehren, sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, Robert Wood. Nordkorea sei nun "am Ball". Die Führung des Landes hatte sich im April aus Protest gegen die Verurteilung eines Langstreckenraketentests durch den Uno-Sicherheitsrat aus den Sechser-Gesprächen mit China, Japan, Russland, Südkorea und den USA zurückgezogen. Ende Mai erfolgte Nordkoreas zweiter Atomwaffentest.
Clinton in privater Mission
Die US-Regierung erklärte, dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Il sei keine Gegenleistung für die Freilassung der beiden Frauen in Aussicht gestellt worden. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte in Nairobi, es gebe keine Verbindung zwischen den Bemühungen um eine Freilassung der Frauen und dem Thema Atomprogramm.
Politische Beobachter hatten spekuliert, das Treffen zwischen Bill Clinton und Kim könne den Auftakt für bilaterale Gespräche über Nordkoreas Atomprogramm bilden. Das kommunistische Land hat die Weltgemeinschaft in den vergangenen Monaten mit einem Atom- und mehreren Raketentests gegen sich aufgebracht und den Verhandlungen über sein Atomprogramm den Rücken gekehrt.
Obama betonte, dass es sich bei der Reise seines Vorvorgängers Bill Clinton um eine private, "humanitäre Mission" gehandelt habe, die nicht als Lockerung des diplomatischen Drucks auf den stalinistisch geführten Staat gedeutet werden dürfe. Clinton hatte mit seinem Überraschungsbesuch in Nordkorea am Dienstag die Begnadigung und die Freilassung der beiden US-Journalistinnen Lee und Ling erreicht. Unter Tränen schlossen sie am Mittwoch im kalifornischen Burbank ihre Familien in die Arme.
Glückliche Heimkehr
"Danke euch ALLEN", schrieb Ling nach ihrer Rückkehr in ihrem ersten Eintrag auf der Internetplattform Twitter. "Ich bin unglaublich müde, aber so glücklich, wieder frei zu sein."
Zu den Umständen ihrer Haft machten Ling und Lee bisher keine genauen Angaben. Zunächst wurde lediglich bekannt, dass beide einen Großteil der Zeit getrennt voneinander verbracht haben. Die Frauen hätten sich nur in den ersten Tagen nach ihrer Festnahme sehen können, sagte Lings Schwester Lisa dem US-Sender KTLA. Die restlichen viereinhalb Monate seien sie dann getrennt gewesen. Die beiden Frauen waren Mitte März an der Grenze zu China festgenommen worden, als sie dort über nordkoreanische Flüchtlinge berichten wollten.
Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, bewertete das Treffen Clintons mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il als Erfolg. "Die Reise könnte ein Eisbrecher in den Gesprächen sein", sagte er der in Erfurt erscheinenden "Thüringer Allgemeinen" (Donnerstagsausgabe). Sie habe die Gelegenheit geboten,"neue Wege in der Diplomatie zu beschreiten, ohne die offizielle US-Position preiszugeben oder zu schwächen", sagte der Ex-Botschafter.
Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm
sorgt seit Jahren für Spannungen. Mit Hilfe von weitreichenden
Langstreckenraketen
ist das kommunistische Land unter dem "lieben Führer"
Kim Jong Il
offenbar fähig, zumindest seine Nachbarstaaten mit Nuklearwaffen zu erreichen. Das Land behauptet, genug
Plutonium
für sechs
Atombomben
zu besitzen.
Nordkorea
hatte sich zwar bei Unterzeichnung des
Atomwaffensperrvertrags
1985 verpflichtet, nukleare Anlagen nur zivil zu nutzen, im Geheimen aber waffenfähiges Uran angereichert. Als das Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, wurde Nordkorea scharf kritisiert. Die USA stoppten die Hilfs- und Energielieferungen an das verarmte Land. Daraufhin kündigte Pjöngjang um die Jahreswende 2002/03 seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag und seine Zusammenarbeit mit der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA)
. Die Uno-Inspektoren mussten das Land verlassen, alle Überwachungskameras wurden abmontiert.
Das
Atomprogramm Nordkoreas
hat seinen Anfang in den sechziger Jahren, als der "große Bruder"
Sowjetunion
dem kommunistischen
Nordkorea
ein Atomforschungszentrum mit dem Forschungsreaktor
Yongbyon
baute, der 1965 seinen Betrieb aufnahm. Auf Druck der UdSSR verpflichtete sich Nordkorea 1985 als Mitunterzeichner des
Atomwaffensperrvertrags
, die Kernkraft ausschließlich zivil zu nutzen. 1992 schloss es mit Südkorea ein Abkommen, die koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen zu halten.
Doch schon Ende der achtziger Jahre, so sind sich westliche Geheimdienste heute sicher, kam es zu geheimen Deals zwischen Pakistan und Pjöngjang. Der pakistanische Ingenieur
Abdul Qadir Khan
lieferte demnach wesentliche Bestandteile für den Atombombenbau, während Pjöngjang Pakistan Prototypen ihrer Mittelstreckenraketen stellte, die mit atomaren Sprengköpfen bestückbar sind. Seit dieser Zeit verfügt Nordkorea über Nukleartechnologie.
Nach zähen Verhandlungen schloss der damalige US-Präsident
Bill Clinton
1994 mit Pjöngjang das
Genfer Rahmenabkommen
, das den Atomkonflikt regulieren und die Gefahr einer nordkoreanischen
Atombombe
verhindern sollte. Darin garantierte
Nordkorea
die Stilllegung seines grafitmoderierten Reaktors in
Yongbyon
, aus dem wohl damals schon nuklearwaffenfähiges Material abgezweigt worden war. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA zur Lieferung von Erdöl und zum Bau von zwei Leichtwasserreaktoren, womit die Energieversorgung des verarmten Nordkoreas sichergestellt werden sollte. Allerdings regelte die Vereinbarung nur die
Plutoniumproduktion
, jedoch nicht die Möglichkeit, aus hochangereichertem
Uran
Kernwaffen herzustellen.
2003 begannen
Verhandlungen
über ein Ende des
nordkoreanischen Atomwaffenprogramms
. An den Gesprächsrunden aus sechs Nationen waren neben
Nordkorea
China, Russland, Japan, die USA und Südkorea beteiligt. Als Gegenleistung für die nukleare Abrüstung wurde dem vollkommen verarmten Nordkorea Wirtschafts- und Energiehilfe angeboten. Die Gespräche blieben jedoch zunächst ohne Ergebnis.
Im Februar 2005 gab
Kim Jong Il
offiziell den Besitz von Atomwaffen "zur Selbstverteidigung" bekannt.
Zum Abschluss der vierten Sechs-Länder-Gespräche im September 2005 verpflichtete sich Pjöngjang grundsätzlich zur Aufgabe aller Atomwaffen und Nuklearprogramme, das Atomprogramm lief aber im Geheimen weiter.
2007 zeichnete sich erneut eine Einigung im Atomstreit ab: Die nordkoreanische Seite sagte zu, seine Atomanlagen stillzulegen und die ausländischen Atominspekteure wieder zuzulassen. Im Gegenzug sollte das Land wirtschaftliche, humanitäre und Energiehilfe erhalten und von der US-Liste der den Terror unterstützenden Staaten gestrichen werden. Im Juni 2008 übergab Nordkorea eine seit Monaten überfällige Liste mit Einzelheiten seines Nuklearprogramms an China und sprengte den Kühlturm der abgeschalteten Atomanlage Yongbyon.
1998 löste das nordkoreanische Regime mit dem Test einer ballistischen Rakete vom Typ
Taepodong-1
weltweit Empörung aus. Im Oktober 2006 schockierte Nordkorea die Weltöffentlichkeit mit unterirdischen Atomwaffentests. Daraufhin beschloss der Uno-Sicherheitsrat einstimmig die
Resolution 1718
, in der der Atomtest verurteilt und Handels- und Finanzsanktionen gegen Nordkorea verhängt wurden.
Im April 2009 startete Pjöngjang eine Langstreckenrakete vom Typ
Taepodong-2
mit einer Reichweite von Tausenden Kilometern. Angeblich wurde auch ein Kommunikationssatellit ins All gebracht. Als der Weltsicherheitsrat den Raketenstart verurteilte, brach Pjöngjang die
Sechs-Parteien-Gespräche
erneut ab und kündigte die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten
Atomzentrums Yongbyon
an. Am 25. Mai kam es zum zweiten unterirdischen Atombombentest. Die Sprengkraft der getesteten Atombombe wird seismologischen Messungen zufolge auf zehn bis 20 Kilotonnen geschätzt, das entspricht der Vernichtungskraft der Bombe, die 1945
Hiroshima
zerstörte. Nur einen Tag später startete das Regime zwei Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern.
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