Nach dem Atomunfall Japanische Regierung entzieht dem Betreiber die Lizenz

Der Atomunfall von Tokaimura hat Folgen für die Betreiberfirma der Brennelementefabrik: Der Firma JCO wird wegen gravierender Sicherheitsmängel die Geschäftslizenz entzogen. Das hat die Regierung am Mittwoch beschlossen.


Polizeibeamte auf dem Weg zur Durchsuchung der Brennelementefabrik in Tokaimura
AP

Polizeibeamte auf dem Weg zur Durchsuchung der Brennelementefabrik in Tokaimura

Tokio - Die japanische Polizei hat am Mittwoch ihre Ermittlungen zu dem bislang schwersten Atomunfall des Landes mit einer Razzia in der Brennelementefabrik von Tokaimura intensiviert.

Unterdessen begannen die Vorbereitungen für eine Bluttransfusion für den am schwersten verseuchten Arbeiter der Anlage. Der 35-Jährige hatte rund das 17.000fache der erlaubten Jahresdosis abbekommen und schwebt in höchster Lebensgefahr. Er soll nach Auskunft der Ärzte kaum noch weiße Blutkörperchen haben, auch sein Knochenmark sei beschädigt.

Am Samstag soll auch ein 39-jähriger Kollege des Mannes eine Bluttransfusion bekommen. Auch in seinem Körper nehme die Zahl der weißen Blutkörperchen deutlich ab, hieß es. In der Uranverarbeitungsanlage der Firma JCO im nordöstlich von Tokio gelegenen Tokaimura war es am vergangenen Donnerstag zum schwersten Atomunfall in der Geschichte des Landes gekommen. Mindestens 49 Menschen waren dabei nach offiziellen Angaben radioaktiv verstrahlt worden.

Nach Informationen der Polizei hatte die Betreiberfirma eine amtlich genehmigte Verfahrensvorschrift vor etwa sieben bis acht Jahren an der staatlichen Aufsicht vorbei geändert, um die Produktion zu beschleunigen. Die über die Gefahren offenbar nicht aufgeklärten Arbeiter der Atomanlage hatten den Unfall ausgelöst, als sie eine Uranlösung in Stahleimern und von Hand in einen Tank kippten. Dabei hatten sie vorgeschriebene Arbeitsgänge abgekürzt. Nach Aussagen des Planungschef des Betreibers hatten die Arbeiter zur Mischung der Uranlösung neben Eimern auch löffelähnliche Geräte benutzt.

Die Polizei durchsuchte unterdessen mit 200 Beamten die Zentrale des Betreibers in Tokio und die Unglücksanlage. Es ist die erste derartige Aktion im Zusammenhang mit einem Atomunfall in Japan. Die Durchsuchung war am Vortag angekündigt worden. Am Mittwoch wurde auch die Ankunft von Regierungschef Keizo Obuchi in Tokaimura erwartet. Er wird von Wissenschaftsminister Hirofumi Nakasone begleitet. Dieser hatte zuvor eine Änderung der Vorschriften zur Überwachung der Atomindustrie in Aussicht gestellt. Zugleich bezeichnete er die Atomenergie als unverzichtbar für Japans Entwicklung.



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