Nach Festnahme Wütende Libyer wollen Gaddafi-Sohn abstrafen

Gaddafi-Sohn Saif al-Islam ist gefasst - die Menschen in Libyen zeigen ihren Zorn: Als der Festgenommene in Sintan in einer Militärmaschine landet, wollen sie das Flugzeug stürmen. Sicherheitskräfte drängen sie ab. Erste Bilder zeigen den Diktatoren-Sohn leicht verletzt. Nun soll ihm der Prozess gemacht werden.


Tripolis - Der Gaddafi-Clan in Libyen ist Geschichte: Der Lieblingssohn des Ex-Diktators, Saif al-Islam al-Gaddafi, wurde nach monatelanger Flucht im Süden des Landes verhaftet. Er wollte sich in den Niger absetzen, sagte der Militärkommandeur Baschir al-Tuleib bei einer Pressekonferenz in Tripolis. Mit zwei Vertrauten war der 39-Jährige in der Wüste unterwegs, um in das Nachbarland zu flüchten. Milizionäre der Übergangsregierung stellten die Männer nahe Ubari, rund 650 Kilometer südlich von Tripolis entfernt.

Der amtierende libysche Justizminister Mohammed al-Alagi bestätigte die Festnahme. Derzeit werde Saif al-Islam in Sintan festgehalten. Die Stadt liegt 170 Kilometer südwestlich von Tripolis. Ein Militärflugzeug brachte ihn dorthin. Gaddafi trug eine traditionelle Robe, versteckte sein Gesicht hinter einem Schal.

Nach Berichten der Nachrichtenagentur Reuters wurde der Gaddafi-Sohn von wütenden Libyern empfangen. Hunderte sseien auf die Landebahn gelaufen, einige versuchten sogar, in die Maschine zu gelingen, Sicherheitskräfte mussten sie zur Seite drängen. Gaddafi trug eine traditionelle Robe, um den Kopf hatte er ein Tuch gewickelt.

In anderen Städten des Landes feierten die Menschen nach Berichten des Fernsehsenders BBC das Ende des Gaddafi-Clans. In Tripolis waren Freudenschüsse zu hören, in Bengasi schwenkten Menschen die neue libysche Fahne.

Das libysche Fernsehens zeigte unterdessen erste Bilder des Gaddafi-Sohns: Saif al-Islam liegt in Decken gehüllt auf einer Couch. Die Finger seiner rechten Hand sind bandagiert. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte er nach seiner Festnahme, die Verletzungen stammten von einem Nato-Luftschlag einen Monat zuvor. Er soll zu diesem Zeitpunkt in Bani Walid gewesen sei. Auf die Frage, ob es ihm gutgehe, antwortete Saif al-Islam kurz mit einem "Ja".

"Saif muss vor Gericht gestellt werden"

Gegen den 39-Jährigen liegt ein internationaler Haftbefehl vor. Der Internationale Strafgerichtshof sucht ihn wegen des Vorwurfs der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Chefankläger des Strafgerichtshofes, Luis Moreno-Ocampo, wirft der alten Staatsführung inklusive Saif al-Islam Morde an Hunderten Zivilisten, Folter und militärische Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten vor. Zudem soll sie für gezielte Massenvergewaltigungen verantwortlich sein.

Im Falle eines Schuldspruchs könnte der Strafgerichtshof als Höchststrafe lebenslange Haft festlegen. Bei einem Verfahren in Libyen droht Saif al-Islam sogar die Todesstrafe. Die libysche Übergangsregierung und der Strafgerichtshof streiten darüber, wo sich Saif al-Islam verantworten muss.

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Gaddafi-Sohn Saif al-Islam: Das Ende einer Flucht
Ein Sprecher erklärte, Libyen habe nach internationalem Recht die Pflicht, mit dem Strafgerichtshof zu kooperieren. "Saif muss vor Gericht gestellt werden", sagte Chefankläger Moreno-Ocampo. "Ob in Libyen oder in Den Haag, er sollte vor Gericht gestellt werden. Wir müssen das mit den libyschen Behörden koordinieren." Dafür wolle er in den nächsten Tagen nach Tripolis fliegen.

Erst Reformer, dann Hardliner

Der Gaddafi-Sohn wurde lange als Nachfolger seines Vaters gehandelt. Der Ex-Diktator war am 20. Oktober in seiner Heimatstadt Sirt von Kämpfern des Übergangsrates aufgespürt und getötet worden. Es wurde vermutet, dass sich Saif al-Islam lange dort an der Seite seines Vaters versteckt hielt. Seine Brüder starben entweder bei Kämpfen gegen die Rebellen oder flohen ins benachbarte Ausland.

Saif al-Islam ist Gaddafis zweitältester und bekanntester Sohn. Er hatte lange Zeit als das liberale Gesicht des Despotenclans gegolten. Der 39-Jährige half 2000 bei der Befreiung der auf den Philippinen entführten deutschen Familie Wallert. 2004 zahlte seine Stiftung in 35 Millionen Dollar Entschädigung für den Anschlag auf die Berliner Discothek "La Belle". Bei dem Attentat waren 1986 drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden. Außerdem handelte er die Entschädigungen für die Angehörigen der Lockerbie-Opfer aus. Libysche Geheimagenten standen hinter dem Anschlag auf ein Flugzeug, bei dem 1988 über Schottland 270 Menschen ums Leben kamen.

So trieb er maßgeblich die erfolgreiche Annäherung Libyens an den Westen voran. Der kahlköpfige junge Mann trat dabei smart, eloquent und weltmännisch auf - mit Anzug und Krawatte, Englisch- und Deutschkenntnissen, ein wenig Französisch sowie ruhiger und besonnener Ausdrucksweise.

Letzter großer Auftritt im August

Nach dem Beginn des Aufstands in Libyenradikalisierte er sich und stellte sich demonstrativ an die Seite seines Vaters. Seinen letzten großen Auftritt hatte der Hardliner Ende August: Kurz nach der Eroberung von Tripolis durch die Rebellen tauchte er mitten in der Nacht vor einem internationalen Hotel auf und verkündete vor Journalisten den Sieg des Gaddafi-Regimes. Mit kahlrasiertem Schädel und gestutztem Vollbart wetterte Saif al-Islam damals gegen die Oppositionskräfte und die Luftangriffe der Nato. Danach hatte sich seine Spur verloren.

heb/Reuters/dpa/dapd/AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
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Sackaboner 19.11.2011
1. kein zweiter Lynchmord
Diesmal sollten die Behörden dafür sorgen, dass er nicht - wie sein Vater - vom Mob zu Tode gefoltert wird.
cour-age 19.11.2011
2. sein Vater wurde zu Tode gefoltert?
Zitat von SackabonerDiesmal sollten die Behörden dafür sorgen, dass er nicht - wie sein Vater - vom Mob zu Tode gefoltert wird.
Ich finde darüber leider nichts. Könnten Sie da bitte eine zuverlässige Quelle verlinken? Danke
iskin 19.11.2011
3. Mich stört, dass der Spiegel nicht objektiv berichtet...
Zitat von sysopGaddafi-Sohn Saif al-Islam ist gefasst - die Menschen in Libyen zeigen ihren Zorn: Als der Festgenommene in Sitan in einer Militärmaschine landet, wollen sie das Flugzeug stürmen. Sicherheitskräfte drängen sie ab. Erste Bilder zeigen den Diktatoren-Sohn verletzt, aber in guter Verfassung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798787,00.html
es hört sich an, als ob ganz Libyen sich freut, dass die Ära Gaddafi zu Ende ist. Das ist doch definitiv nicht der Fall! Das Land ist zwiegespalten. Warum stellt sich der Spiegel auf die Seite nur einer Partei? Objektiv ist was anderes.
vubler, 19.11.2011
4. Unter den Blinden ist der einäugige König
Zitat von cour-ageIch finde darüber leider nichts. Könnten Sie da bitte eine zuverlässige Quelle verlinken? Danke
Seien Sie doch nicht so naiv und unbeholfen!! Wieso denken sie etwa, war Gaddafi so schlimm zugerichtet? Was machte er auf der Kühlehaube des Autos? Und woher hat er das Loch im Kopf? Googeln sie selbst etwas, denken sie mal nach! Man kann davon halten, was man will, aber die Fakten sollte man schon erkennen. Aber Ihr Post zeigt dass sie Ihre Meinung sowieso schon gebildet haben!
Zavi85 19.11.2011
5. Werfen wir doch eine Münze
Zitat von SackabonerDiesmal sollten die Behörden dafür sorgen, dass er nicht - wie sein Vater - vom Mob zu Tode gefoltert wird.
Und was wäre so schlimm daran? Im übrigen ist nicht klar ob er gefoltert wurde. Man hat lediglich versucht ihm die Flausen aus dem Kopf zu treiben. Ob das mit einer Kugel erfolgversprechend war ist noch die Frage.
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