Kairo - Nach den Fan-Ausschreitungen in Ägypten mit mindestens 74 Toten haben zahlreiche Menschen in der Nacht zum Donnerstag in Kairo gegen die Sicherheitskräfte protestiert. Sie werfen ihnen vor, zu nachlässig gehandelt zu haben. Vor dem Gelände des Fußballvereins Al-Ahly skandierten Aktivisten Parolen, in denen der regierende Militärrat kritisiert wurde.
Hunderte versammelten sich zudem vor dem Hauptbahnhof, um aus der Mittelmeerstadt Port Said ankommende Verletzte zu empfangen. Auch in Port Said selbst kam es zu Protesten, in denen die Gewalt nach dem Ende des Erstligaspiels verurteilt wurde. Für Donnerstag wurde eine Demonstration vor dem Innenministerium in Kairo angekündigt.
Der Militärrat ordnete nach den Ausschreitungen eine dreitägige Staatstrauer an. Beim Empfang der Spieler des Kairoer Fußballvereins Al-Ahly bei ihrer Rückkehr aus Port Said mahnte Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi in der Nacht zum Donnerstag dennoch zu Zuversicht. "Dies wird Ägypten nicht kleinkriegen", sagte er auf einem Stützpunkt der Luftwaffe nahe der Hauptstadt. "Solche Ereignisse passieren überall auf der Welt. Wir werden die Verantwortlichen nicht davonkommen lassen." Eine Verantwortung der Militärs wies er zurück: Die Polizei sei für die Sicherheit bei dem Fußballspiel zuständig gewesen.
Dennoch gab es am Donnerstag erste Konsequenzen: Innenminister Mohammed Ibrahim habe entschieden, den Chef der Sicherheitskräfte in der Stadt Port Said zu entlassen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Mena am Donnerstag
Ultras spielten zentrale Rolle auf Tahrir-Platz
Das ägyptische Parlament wird sich den Ereignissen von Port Said am Donnerstag in einer Sondersitzung widmen. Die Muslimbruderschaft, die die stärkste Fraktion stellt, betonte in einem auf ihrer Website veröffentlichten Statement, dass Kräfte am Werk seien, die in enger Verbindung zu dem früheren Regime von Präsident Husni Mubarak stünden. Sie riefen den regierenden Militärrat auf, alle Maßnahmen zum Schutz der Menschen in Ägypten zu ergreifen. Zudem müsse untersucht werden, welche Verantwortung die Polizei an der Eskalation trage.
Augenzeugen hatten nach der Gewalt am Mittwochabend kritisiert, die im Stadion anwesenden Sicherheitskräfte hätten nicht entschlossen eingegriffen. Viele vermuten eine politische Dimension: Die organisierten Fans von Al-Ahly haben eine zentrale Rolle bei den Oppositionsprotesten gegen den damaligen Staatspräsidenten Mubarak gespielt. Als das Regime die Proteste auf dem Tahrir-Platz zerschlagen wollte, sicherten auch die Ultras den Platz gegen die Übergriffe der Sicherheitskräfte.
Viele Ägypter sehen die Sicherheitskräfte verantwortlich für die Misshandlungen und die Gewalt, die unter Mubaraks Herrschaft an der Tagesordnung waren.
Torwart: "Werde nie wieder Fußball spielen"
Die Spieler der Kairoer Fußballmannschaft Al-Ahly wollen sich offenbar aus dem Profisport zurückziehen. "Es ist vorbei. Wir haben alle eine Entscheidung getroffen, dass wir nie mehr wieder Fußball spielen werden", sagte Torwart Scharif Ikrami dem privaten Fernsehsender ONTV.
Tote und Verwundete seien am Mittwochabend in die Umkleidekabine getragen worden. "Da sind Leute vor unseren Augen gestorben", sagte Ikrami, der selbst bei den Krawallen verletzt wurde. Er wisse nicht, wie es möglich sein könne, wieder Fußball zu spielen. "Wir können überhaupt nicht daran denken."
fab/dapd/dpa/AFP
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