Rom - Der Mann, der diese Wahl gewonnen und verloren hat, lässt am längsten auf sich warten. Erst am Dienstagabend tritt Pier Luigi Bersani vor die Presse. Müde sieht er aus, der 61-Jährige, der fest davon ausging, Ministerpräsident zu werden. Nun sagt er: "Wir sind Erster geworden, aber wir haben nicht gewonnen."
Er kündigt an, dass seine Sozialdemokraten als stärkste Fraktion im Abgeordnetenhaus Mehrheiten für ein paar Strukturreformen organisieren wollen. Der nüchtere Bersani sagt: "Wir fliehen nicht vor der Dramatik des Moments."
Nach der "Schock-Wahl" ("Corriere della sera") zerbricht sich das politische Rom den Kopf auf der Suche nach dem Ausweg aus dem Dilemma. Eine naheliegende Lösung gibt es nicht. Das Mitte-Links-Bündnis errang ganz knapp die Mehrheit im Abgeordnetenhaus, hat jedoch im Senat ebenso wenig die Überhand wie die Mitte-Rechts-Allianz, weil die Protestbewegung "Fünf Sterne" von Beppe Grillo allen einen Strich durch die Rechnung machte. Ist Italien nun unregierbar, wie "La Repubblica" titelte?
Ex-Premier Silvio Berlusconi hat sein Ziel erreicht: Er ist nach dem guten Ergebnis nun wieder Teil der Lösung der italienischen Krise. Ebenso der frühere Komiker Grillo, den die Wut aufs System in die erste Reihe katapultierte. Am Tag nach der verrückten Wahlnacht probte Berlusconi wieder die Rolle als Staatsmann. "Wir müssen ans Wohl des Landes denken", sagte er in einem seiner TV-Sender. Doch es gelang ihm nur begrenzt. Denn gleichzeitig redete er wieder die Schulden- und Finanzkrise klein. Zum sogenannten Spread, der Differenz in den Zinsaufschlägen zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen, die nach der Wahl wieder anstieg, sagte er: "Der Spread ist doch eine Erfindung." Die Märkte seien verrückt.
Grillo stimmte neue Abgesänge auf die Etablierten an. Maximal sieben, acht Monate gebe er denen. Dann übernehmen wir, so die Botschaft. Berlusconi und Grillo können nun im Senat alles blockieren, was Bersanis Mehrheit in der Kammer beschließt. Wie geht es nun weiter? Vier mögliche Szenarien.
Am meisten spricht also für eine große Koalition auf Zeit. Sprich: eine Regierung unter Beteiligung aller starken Kräfte, auch Berlusconis. Doch es werden noch Wochen vergehen, bis einsichtige Politiker diese Überzeugung ihren eigenen Leuten vermitteln können. Nicht auszuschließen, dass Selbstdarsteller die Krise weiter eskalieren lassen, um sich dann als Retter Italiens zu präsentieren. Eine Koalition der Vernünftigen, alle außer Grillo, das wäre die Botschaft.
Nun ist der Staatspräsident gefragt. Napolitano kommt die wichtigste Rolle beim Machtpoker zu, er erteilt den Auftrag zur Regierungsbildung und sorgte bereits dafür, dass Berlusconi im Krisenherbst 2011 gehen musste. Doch komplizierter wird alles dadurch, dass dessen Amtszeit in zweieinhalb Monaten ausläuft.
Napolitano, 87 Jahre alt, hat mehrfach angekündigt, nicht wieder zur Verfügung zu stehen. Nun muss sich die zerstrittene politische Klasse auch noch auf einen Nachfolger einigen. Auch hier setzte Grillo die Etablierten am Dienstag unter Druck. Er könnte sich Literaturnobelpreisträger Dario Fo als Staatspräsidenten vorstellen, tönte er.
Napolitano reiste am Dienstagabend nach München, eine lange geplante Deutschlandreise. In der Münchner Oper wollte er ein Festkonzert zum 200. Geburtstag von Giuseppe Verdi hören, am Donnerstag steht ein Staatsbankett in Berlin auf dem Programm. Er darf ein paar Tage abseits des politischen Chaos' in der Heimat genießen.
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