Toter Kreml-Kritiker: Gift-Experten untersuchen Beresowskis Haus

REUTERS

Die Todesursache im Fall des russischen Oligarchen Boris Beresowski ist noch immer unklar. Experten prüfen jetzt, ob der Putin-Gegner möglicherweise das Opfer eines Anschlags ist. Einer der Vertrauten des Kreml-Kritikers war der Ex-Spion Litwinenko, der 2006 in London radioaktiv vergiftet wurde.

London - Experten der britischen Polizei für die atomare, biologische und chemische Gefahrenabwehr haben das Haus des gestorbenen russischen Oligarchen und Kreml-Kritikers Boris Beresowski in der Nähe von London untersucht. Wie die zuständige Thames Valley Police in der Nacht zum Sonntag mitteilte, handelte es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Eine Gefahr für die Bevölkerung bestehe nicht.

Trotzdem: Der Einsatz des Spezialistenteams lässt aufhorchen. Schon kurz nach der Nachricht von Beresowskis Tod begannen die Spekulationen, woran der 67-Jährige gestorben sein könnte.

Dass auch ein Anschlag nicht ausgeschlossen wird, kommt nicht von ungefähr. Vor sechs Jahren war ein angebliches Mordkomplott bekannt geworden: Der Oligarch sollte erschossen werden, sagte ein Zeuge damals aus. Britische Agenten warnten Beresowski, der damals vorübergehend das Land verließ.

Fotostrecke

11  Bilder
Boris Beresowski und seine Gegenspieler: Der Tycoon und seine Gegenspieler
Beresowski zählte den russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko zum Kreis seiner Vertrauten - und der war 2006 in London mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 vergiftet worden. Ende 2012 ließ ein Mitglied der staatlichen Untersuchungskommission zum Tod von Litwinenko wissen, die britische Regierung sei im Besitz von Beweismaterial, wonach Russland für den Tod des Kreml-Kritikers verantwortlich sei.

Beresowski hatte dem Kreml wiederholt eine Verwicklung in den rätselhaften Tod des Agenten Litwinenko vorgeworfen. Auch Litwinenkos Witwe beschuldigt den russischen Staat.

Anwalt hält Suizid für wahrscheinlich

Während des nächtlichen Einsatzes in Ascot, einem Ort rund 40 Kilometer westlich von London, habe sich der Tote nach wie vor in dem Haus befunden, teilte die Polizei mit. Sie riegelte das Anwesen und die angrenzenden Straßen ab.

Fotostrecke

11  Bilder
Boris Beresowski und seine Gegenspieler: Der Tycoon und seine Gegenspieler
Beresowskis Anwalt Alexander Dobrowinski hatte zuvor gesagt, sein Mandant sei angesichts seiner hohen Schulden verzweifelt gewesen und habe sich wahrscheinlich das Leben genommen. Andere Vertraute Beresowskis mutmaßten, der 67-Jährige sei einem Herzinfarkt erlegen.

Der Geschäftsmann und enge Vertraute des ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin machte im Zuge der umstrittenen Privatisierungen russischer Staatsbetriebe Anfang der neunziger Jahre ein Vermögen. Er protegierte erst Jelzin, später wurde er zu einem der wichtigsten Förderer von dessen Nachfolger Wladimir Putin. Die beiden gerieten dann aber in Streit miteinander.

Prozess gegen Abramowitsch kostete ein Vermögen

Beresowski verließt seine russische Heimat im Jahr 2000. Es war das Jahr, als Putin in Russland an die Macht kam. Seit 2003 gewährte Großbritannien Beresowski politisches Asyl und lehnte Anträge aus Moskau zur Auslieferung Beresowskis ab. Aus dem Exil heraus hatte er die russische Opposition massiv finanziell unterstützt. Putin bezeichnete den Geflohenen stets als Kriminellen, dem wegen Korruption und Steuervergehen der Prozess gemacht werden müsse.

Medien hatten zuletzt über schwere finanzielle Probleme geschrieben. Unter anderem soll Beresowski mehrere Werke aus seiner großen Kunstsammlung zum Verkauf angeboten haben. Ein Werk von Andy Warhol, das seinem Besitz zugerechnet wurde, war erst in der vergangenen Woche beim Auktionshaus Christie's für 133.000 britische Pfund unter den Hammer gekommen.

Geld, das er offenbar schwer nötig hatte: Im vergangenen Jahr hatte Beresowski in London einen spektakulären Prozess gegen seinen Landsmann, den Oligarchen Roman Abramowitsch, verloren. Nach Informationen des Magazins "The Lawyer" belief sich die Rechnung für Anwalts- und Gerichtskosten insgesamt auf mehr als 100 Millionen Pfund.

Alexej Wenediktow vom russischen Sender Echo Moskwy sagte, nach dem verlorenen Prozess sei Beresowski in tiefe Depressionen verfallen und deshalb auch in Behandlung gewesen.

bim/AFP/dpa/Reuters

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Boris Beresowski
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite