Nach US-Abzug Dutzende Tote bei Anschlägen im Irak

Die US-Truppen haben den Irak verlassen, nun droht die Stimmung zu kippen. In Bagdad sind mehrere Bomben explodiert. Fast 60 Menschen wurden getötet, rund 180 verletzt. Auch politisch steht das Land vor der Zerreißprobe: Präsident Maliki will die Sunniten aus der Regierung schmeißen.

REUTERS

Bagdad - Der politische Konflikt im Irak ist in Gewalt auf den Straßen der Hauptstadt eskaliert. Bei mehreren Anschlägen in schiitischen Gegenden Bagdads sind am Donnerstag nach Behördenangaben mindestens 57 Menschen getötet worden. Zudem seien rund 180 Menschen verletzt worden, sagte ein Vertreter des Gesundheitsministeriums. Mehrere am Straßenrand oder in Autos deponierte Sprengsätze waren explodiert.

Am vergangenen Wochenende hatten die letzten US-Truppen das Land verlassen. Bereits im Vorfeld gab es Warnungen, dass in dem Machtvakuum nach dem Abzug alte Konflikte wieder aufbrechen könnten. Die amerikanischen Einheiten hatten als militärischer Puffer und vor allem als Vermittler zwischen den verschiedenen Lagern operiert. Bei den Bombenexplosionen handelt es sich nun offenbar um die erste organisierte Anschlagsserie seit dem Abzug.

Fast neun Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins kämpfen in dem tief gespaltenen Land Schiiten und Sunniten erbittert um die Macht. Die Sunniten wiesen am Mittwoch den Vorschlag des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki zurück, in den kommenden Tagen parteiübergreifende Gespräche abzuhalten. Maliki stehe für den eigentlichen Grund der Krise und leiste keinen Beitrag zur Lösung, begründete der wichtigste sunnitische Block im Parlament seine Ablehnung.

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Blutige Anschläge: Tote und Trümmer in Bagdad
Maliki drohte den Sunniten im Gegenzug mit einem dauerhaften Ausschluss von der Macht, sollten sie die Koalition platzen lassen. US-Vizepräsident Joe Biden rief die Beteiligten zu Gesprächen auf.

Zugleich verlangte Maliki von den ebenfalls an der Regierung beteiligten Kurden, den mit Haftbefehl gesuchten sunnitischen Vizepräsidenten Tarik al-Haschimi auszuliefern. Haschimi, dem die Anstiftung zu Mordanschlägen vorgeworfen wird, hat sich in die halbautonome Region Kurdistan abgesetzt.

Haschimi versteckt sich im Norden des Iraks

Die Flucht werde zu Problemen führen, warnte Maliki. Er sicherte seinem Vize einen fairen Prozess zu. Haschimi weist die Vorwürfe zurück und hat sich bereit erklärt, in Kurdistan vor einen Richter zu treten.

Unter Führung der USA hatten sich die Religionsgruppen auf eine fragile Machtteilung geeinigt. Demnach hat der schiitische Ministerpräsident einen sunnitischen und einen kurdischen Stellvertreter.

Dem kurdischen Präsidenten Dschalal Talabani stehen je ein schiitischer und ein sunnitischer Vize zur Seite. Die Sunniten stellen den Parlamentspräsidenten - mit einem schiitischen und einem kurdischen Stellvertreter. Am Sonntag hatten die letzten US-Kampftruppen den Irak nach fast neun Jahren verlassen.

jok/dpa/Reuters/AP



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insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
martin-gott@gmx.de 22.12.2011
1. Vorausschau
Zitat von sysopDie US-Truppen haben den Irak verlassen, nun droht die Stimmung zu kippen. In Bagdad sind mehrere Bomben explodiert, Dutzende Menschen kamen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt. Auch politisch steht das Land vor der Zerreißprobe: Präsident Maliki will die Sunniten aus der Regierung schmeißen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805254,00.html
man sieht im Irak jetzt was man wahrscheinlich in Libyen und in Afghanistan und vielleicht bald auch in Syrien sehen wird. Oder andes ausgedrückt die Nah Ost Politik der letzten 10 Jahre ist gescheitert und hat diese Gengend wahrscheinlich für Jahre oder auch Jahrzehnte unregierbar gemacht.
Spiegelleser2.0 22.12.2011
2. Es war vorhersehbar
Der Jubel über die Revolution in Ägypten & Co. lässt langsam nach. Auch der Jubel der Bionade-Gutmenschen über den Abzug der US-Truppen wird bald nachlassen. Die Region am Mittelmeer, Irak und Afghanistan werden in den kommende Jahren noch mehr beschäftigen, insbesondere weil Islamisten und der Iran die Regie übernehmen werden. Wir werden - leider - noch den Diktaturen nachtrauern! Europa hätte sich nie in Afghanistan und Lybien engagieren dürfen, die Rechnung bekommen wir bald serviert.
LuiW 22.12.2011
3. Neunmalklug
Zitat von martin-gott@gmx.deman sieht im Irak jetzt was man wahrscheinlich in Libyen und in Afghanistan und vielleicht bald auch in Syrien sehen wird. Oder andes ausgedrückt die Nah Ost Politik der letzten 10 Jahre ist gescheitert und hat diese Gengend wahrscheinlich für Jahre oder auch Jahrzehnte unregierbar gemacht.
soll heißen? Wir hätten besser die Taliban, Saddam, Gaddafi und alle anderen "großen arabischen Führer" weiter machen lassen sollen?
phobos81 22.12.2011
4. Die Rechnung wird nicht bezahlt ...
vom Verursacher. Wirklich jeder wusste das die USA sich da in einen Krieg gestürzt hatten den Sie nicht gewinnen konnten und der ihr Image für lange Zeit beschädigen wird. Was brachten den nun all die toten Iraker, Amerikaner und alle anderen die in diesem sinnlosen Krieg ihr Leben lassen mussten. War die Beseitigung von Saddam es wirklich wert die grosse Gefahr einzugehen dass das Land in einen Bürgerkrieg (bzw. dies ist der Irak schon als die Amerikaner von der Invasion in die Besatzung gingen) abgleitet? Es stellt sich wirklich die grosse Frage nach dem "Wozu das alles?", zumal die Amerikaner nun doch einsehen das man (ihr Verständniss von) Demokratie nicht herbeibomben kann. Jetzt schleichen Sie sich elends davon und hinterlassen ein zerissenes Land ohne Perspektive. Die ganze Irakgeschichte ist solch ein Verbrechen, angefangen bei den bewusst herbeigelogenen Kriegsgründen, Folterskandalen, Blackwater, Massaker an Zivilisten etc. etc. Leider fürchte ich daß in den USA selber es kaum zu einer Debatte kommen wird. Die sind mal wieder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und falls es den Machthabenden passt, wird halt ein neuer aussenpolitischer Konflikt geschürt um von den inneren Problemen abzulenken. Man kann nur hoffen das man all dies doch nur (böse) träumt ...
Sackaboner 22.12.2011
5. klar
Zitat von sysopDie US-Truppen haben den Irak verlassen, nun droht die Stimmung zu kippen. In Bagdad sind mehrere Bomben explodiert, Dutzende Menschen kamen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt. Auch politisch steht das Land vor der Zerreißprobe: Präsident Maliki will die Sunniten aus der Regierung schmeißen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805254,00.html
Komisch, dass ich das schon vor zehn Jahren so klar gesehen habe, wie einen Gebirgsquell im Sonnenlicht. Eine der wenigen Tatsachen, wenn nicht die einzige, über die ich die ganzen Jahre nie meine Meinung geändert habe.
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