Nachkriegs-Irak USA planen zweite Befreiung Bagdads

Der tägliche Terror in Bagdad soll nach einer erfolgreichen Regierungsbildung im Irak endlich ein Ende haben. Einem Zeitungsbericht zufolge plant die US-Armee, die irakische Hauptstadt gemeinsam mit einheimischen Truppen in einer groß angelegten Militäraktion zu befrieden.


London – Das US-amerikanische Militär strebt einem Bericht der britischen Zeitung "Sunday Times" eine "zweite Befreiung Bagdads" an. Die Beruhigung der Sicherheitslage in der irakischen Hauptstadt ist unumgänglich für die erfolgreiche Einsetzung und Arbeit einer neuen Regierung. Auch kommt ein Abzug eines bedeutenden Teils der US-Truppen nur in Frage, wenn das tägliche Blutvergießen durch Anschläge und Angriffe auf Bagdads Straßen gestoppt werden kann.

Täglicher Terror in Bagdad: Explosion einer Autobombe am 11. April 2006
AFP

Täglicher Terror in Bagdad: Explosion einer Autobombe am 11. April 2006

Dem Bericht zufolge werde die Militäraktion voraussichtlich gegen Ende des Sommers beginnen, um der noch zu bildenden Regierung Zeit zu geben, sich im Amt einzurichten.

Wie die "Sunday Times" berichtet, seien US-Kommandeure im Irak und auf dem Armee-Stützpunkt in Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas mit der Entwicklung strategischer und taktischer Pläne befasst. Die Leitung habe Generalleutnant David Petraeus, der für das Training irakischer Truppen verantwortlich gewesen sei.

Im zweiten Kampf um Bagdad   wollen die Militärs dem Bericht zufolge mit "Zuckerbrot und Peitsche" die Unterstützung der Bevölkerung für sich gewinnen. So sollen die Sicherheitskräfte den Menschen Schutz vor Gewalt bieten, wenn diese dabei helfen, Aufständische oder al-Qaida-Kämpfer aufzustöbern.

Unter Berufung auf Pentagon-Kreise berichtete das Blatt weiter, irakische Truppen sollten den Einsatz führen, während das US-Militär diese mit Luftschlägen, Spezialoperationen, Geheimdienstinformationen, Offizieren und Unterstützungstruppen unterstützt. Wahrscheinlich kämen bei der Aktion auch besonders wendige Hubschrauber vom Typ AH-6 "Little Bird", die mit Raketen und Maschinengewehren bewaffnet sind, zum Einsatz.

Laut Pentagon-Berater Daniel Gouré, Vize-Präsident des als militärischem Think Tank geltenden Lexington Institute, wollen die USA eine Entscheidungsschlacht, wie sie 2004 in der Rebellen-Hochburg Falludscha gesucht wurde, in Bagdad jedoch möglichst vermeiden. "Wenn man von Wohnviertel zu Wohnviertel vorgeht, lässt sich ein größerer Kampf um die Stadt verhindern", so Gouré.

"Bagdad ist der Schlüssel zur Stabilität"

Der genaue Plan sehe demnach vor, dass US-amerikanische und irakische Soldaten von Haus zu Haus vorrücken. In jedem Viertel sollen sogenannte "Sweat Teams" zurückbleiben. Das Akronym "Sweat" steht für "sewage, water, electricity and trash" – Abwasser, Wasser, Elektrizität und Abfall. Diese Teams sollen den Menschen helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, indem sie Krankenhäuser und Schulen ausbauen, eine geregelte Abfallversorgung einrichten und die Strom- und Wasserversorgung sicherstellen.

US-Präsident George W. Bush und sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld stehen unter immensem Druck, der US-amerikanischen Öffentlichkeit zu beweisen, dass der Irak nach der Befreiung durch die USA nicht in Anarchie und Chaos versinkt. Auch die neue irakische Regierung muss demonstrieren, dass sie ihren Regierungssitz unter Kontrolle hat. "Das wird die zweite Befreiung Bagdads", zitiert die "Sunday Times" Pentagon-Berater Gouré.

Larry Wilkerson, ehemaliger Stabschef im Außenministerium unter Colin Powell, erklärte, eine groß angelegte Razzia in Bagdad sei einer der wenigen Wege, mit der eine neue irakische Regierung die heimische Armee an sich binden und ihren Ehrgeiz beweisen könne. "Sie müssen beweisen, dass sie ihre eigene Hauptsstadt befreien können. Bagdad ist der Schlüssel zur Stabilität im Irak", sagte Wilkerson.

phw/"Sunday Times"

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