Krim-Krise im Überblick Russlands Drohgebärden, Ukraines Kampfbereitschaft

Auf der Krim herrscht gespenstische Ruhe, Russland schiebt seine Truppen hin und her. International bemühen sich Diplomaten um eine politische Lösung - doch die Konfliktparteien bleiben hart. Die Ereignisse der vergangenen Stunden im Überblick.

DPA

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  • Die Lage auf der Krim:

Am Montag bleibt es auf der Krim bisher bei militärischen Drohgebärden. Russland erhöht den Druck, hat die Halbinsel praktisch unter Kontrolle. Ständig gibt es neue Gerüchte und Meldungen über Truppenbewegungen. Allein seit Sonntagmittag sollen zehn Kampfhubschrauber und acht Transportflugzeuge auf der Halbinsel gelandet sein.

An der russischen Küste in Sichtweite der Krim stehen gepanzerte Fahrzeuge, vor allem Radpanzer. Sie bezogen Stellung bei einem Fährhafen auf der russischen Seite einer nur wenige Kilometer breiten Meerenge, der die Krim von Russland trennt. Übergriffe gab es jedoch bisher nicht.

Vor Sewastopol, dem Heimathafen der Schwarzmeerflotte, kreuzten zahlreiche russische Kriegsschiffe, offiziell für ein Manöver. In der Nacht waren russische Jets im Luftraum über der Krim von ukrainischen Abfangjägern gestoppt worden. Die prorussische Provinzregierung berichtet von mehr als 6000 abtrünnigen Soldaten der ukrainischen Armee.

Moskau verfolgt mit der Aktion vor allem strategische Ziele. Die Krim soll nach Vorstellung der neuen prorussischen Führung künftig als eigener Staat existieren - mit engsten Bindungen zu Moskau. Mit der aktuellen Waffenschau will die russische Regierung nach eigenen Angaben ihre Landsleute in der Region schützen.

Berichte über ein Ultimatum an die ukrainischen Streitkräfte auf der Krim wies Russland hingegen zurück. "Das ist völliger Blödsinn", sagte ein Stabsvertreter der russischen Schwarzmeerflotte. Ukrainische Medien hatten unter Verweis auf einen Sprecher des Kiewer Verteidigungsministeriums berichtet, die Schwarzmeerflotte habe die Besatzung von zwei ukrainischen Kriegsschiffen vor der Stadt Sewastopol zur Aufgabe aufgefordert. In anderen Meldungen war von der angedrohten Erstürmung ukrainischer Stellungen auf der gesamten Krim die Rede gewesen.

  • Die Reaktion der Ukraine:

Beide Seiten blieben in dem Konflikt hart. Der vorläufige ukrainische Premier Arsenij Jazenjuk machte am Montag noch einmal unmissverständlich klar: "Wir werden die Krim niemals aufgeben." Trotzdem gerät das Land militärisch und wirtschaftlich immer weiter unter Druck.

Als Reaktion auf die russischen Provokationen versetzte die Ukraine ihre Streitkräfte in volle Kampfbereitschaft, am Sonntag berief sie ihre Reservisten ein. Auch abseits der Krim gibt es Spannungen. Bei prorussischen Protesten in der ostukrainischen Stadt Donezk besetzten Hunderte Demonstranten Teile der Regionalverwaltung.

  • Die politischen Reaktionen:

Klare Worte fand der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier: "Europa befindet sich ganz ohne Zweifel in der schärfsten Krise seit dem Mauerfall", so der SPD-Mann. "25 Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation ist die Gefahr einer erneuten Spaltung Europas real."

In vielen Ländern wird das russische Vorgehen mit entsprechender Sorge beobachtet. Die Staats- und Regierungschefs der EU sprechen voraussichtlich am Donnerstag bei einem Sondergipfel in Brüssel über die Lage. Sanktionen gegen Russland sind möglich.

Auch die USA bereiten Sanktionen gegen Russland vor. Es sei wahrscheinlich, dass sie erlassen würden, wenn sich die Lage in der Ukraine weiter entwickle wie bisher, sagte die Sprecherin des Außenministeriums in Washington. US-Außenminister John Kerry wird am Dienstag in der Ukraine erwartet. Er wolle in der Hauptstadt Kiew mit Vertretern der neuen Regierung und Parlamentariern zusammentreffen.

Die sieben führenden Industrienationen haben bereits reagiert: Sie haben ihre Teilnahme an den Vorbereitungen des G-8-Gipfels im Juni im russischen Sotschi ausgesetzt.

Auch der britische Außenminister William Hague zeigte sich beunruhigt. Er bezeichnete die Lage auf der Krim als "bislang größte Krise in Europa im 21. Jahrhundert". Russland müsse seine Streitkräfte unbedingt zurückbeordern. Allerdings befürchtet seine Regierung viel mehr, dass Putin seine Kräfte noch weiter in die Ukraine hineinschicken könnte.

Aus Russland kamen neue Provokationen. Dieses Mal meldete sich Ministerpräsident Dmitrij Medwedew zu Wort. Er erklärte, der entmachtete Wiktor Janukowitsch sei laut Verfassung auch weiter ukrainischer Staatschef. Zuvor hatte Lawrow sich der Unterstützung seines chinesischen Amtskollegen Wang Yi versichert. Die beiden Uno-Vetomächte seien sich "in weiten Teilen einig", teilte Moskau mit.

Der neue prorussische Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow verteidigte die Machtübernahme. In Kiew auf dem Maidan hätten Politiker zuletzt das ukrainische Volk aufgerufen, die Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Was für die Hauptstadt gelte, müsse auch für die Autonome Republik Krim gelten, sagte Aksjonow der Zeitung "Rossijskaja Gaseta".

Kanzlerin Angela Merkel erklärte, für eine politische Lösung der Krim-Krise sei es noch nicht zu spät. Am Sonntag hatte sie Präsident Putin in einem Telefonat noch eine "unakzeptable russische Intervention" vorgeworfen. Trotz der Krise reist Vizekanzler Sigmar Gabriel Ende der Woche zu einer planmäßigen Visite nach Moskau.

  • So reagieren die Märkte:

Russisches Erdgas wird trotz der Krim-Krise nach Angaben der Ukraine durch ihre Pipelines wie üblich nach Europa weitergeleitet. Das berichtet die zuständige Firma Ukrtransgas.

Die Ölpreise stiegen wegen der Sorge vor einer weiteren Verschärfung der Lage aber kräftig. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im April kostete im frühen Handel 110,67 US-Dollar, 1,60 Dollar mehr als am Freitag. Dagegen riss die sich zuspitzende Situation in der Ukraine den russischen Aktienmarkt tief ins Minus.

Eskalation in der Ukraine - Chronologie der Krise
Donnerstag, 20. Februar
REUTERS

Sicherheitskräfte eröffnen in Kiew das Feuer auf Demonstranten. Fast 80 Menschen werden getötet. Damit eskalieren die wochenlangen Proteste in Kiew, die sich auch daran entzündeten, dass Präsident Wiktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Die Europäische Union beschließt individuelle Sanktionen gegen Verantwortliche für die Gewalt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Kollegen aus Frankreich und Polen beginnen eine Vermittlungsmission.

Freitag, 21. Februar
AFP

Auf Vermittlung der drei europäischen Außenminister und eines russischen Abgesandten unterzeichnen die Oppositionsführer und Präsident Wiktor Janukowitsch eine Vereinbarung, die eine Präsidentschaftswahl bis Ende des Jahres vorsieht. Das Parlament beschließt die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 2004 mit weniger Rechten für den Staatschef.

Samstag, 22. Februar
Getty Images

Das Parlament enthebt Janukowitsch des Amtes und setzt für den 25. Mai eine vorgezogene Wahl an. Janukowitsch reist von Kiew in den Osten der Ukraine und taucht unter. Das Parlament wählt Alexander Turtschinow zu seinem Vorsitzenden. Zudem verfügen die Abgeordneten die sofortige Freilassung Julija Timoschenkos. Sie reist nach Kiew und ruft die Demonstranten auf dem Maidan zur Fortsetzung des Protests auf.

Sonntag, 23. Februar
AFP

Das Parlament wählt Turtschinow zum Übergangspräsidenten. Die USA und der Internationale Währungsfonds stellen Finanzhilfen in Aussicht.

Montag, 24. Februar
AFP

Die Übergangsregierung beziffert den Finanzbedarf der Ukraine auf 35 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Euro).

Dienstag, 25. Februar
AFP

In der Ukraine wird der nach Russland geflohene Janukowitsch wegen "Massenmords" gesucht. Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

Mittwoch, 26. Februar
REUTERS

Der proeuropäische Politiker Arseni Jazenjuk wird vom Maidan-Rat als Chef der Übergangsregierung nominiert. Kiew beantragt einen internationalen Haftbefehl gegen Janukowitsch. Putin ordnet eine gewaltige Militärübung an der Grenze zur Ukraine an. Auf der Krim kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kiew.

Donnerstag, 27. Februar
REUTERS

Prorussische Milizionäre besetzen den Regierungssitz und das Parlament in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Jazenjuk wird als Regierungschef vom Parlament bestätigt.

Freitag, 28. Februar
Getty Images

Bewaffnete in Uniformen ohne nationale Erkennungszeichen übernehmen die Kontrolle über zwei Flughäfen auf der Krim. Nach Angaben Kiews landen 2000 russische Soldaten auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der Halbinsel. US-Präsident Barack Obama droht Moskau mit ernsten Konsequenzen, sollte die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzt werden.

Samstag, 1. März
Getty Images

Das Oberhaus des russischen Parlaments stimmt Putins Antrag zur Entsendung von Truppen in die Ukraine zu. Kiew beschuldigt Russland, inzwischen 6000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge auf die Halbinsel verlegt zu haben. Ein Referendum über den künftigen Status der autonomen Teilrepublik wird auf den 30. März vorverlegt. Die ukrainische Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt.

Sonntag, 2. März
AP

Die Ukraine mobilisiert alle Reservisten, Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk wirft Moskau eine "Kriegserklärung" vor. Prorussische Milizen setzen ukrainische Soldaten auf der Krim in ihren Kasernen fest. Der gerade ernannte ukrainische Marinechef läuft in das Lager der prorussischen Regionalregierung der Krim über.

Die G-7-Staaten legen die Vorbereitungen für den für Juni geplanten G-8-Gipfel in Sotschi auf Eis. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft Putin am Telefonat einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Putin akzeptiert Merkels Vorschlag zu einem Dialog mit einer "Kontaktgruppe".

Montag, 3. März
DPA

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes setzt Russland die Verlegung von Truppen auf die Krim ungebremst fort. Die USA verlangen die sofortige Entsendung von OSZE-Beobachtern. Russlands Börsen und der Rubel brechen ein. Die EU-Außenminister ringen in Brüssel um eine gemeinsame Position zu der Krise.

Dienstag, 4. März
AP/ RIA Novosti

Erstmals meldet sich Russlands Präsident zu Wort: Wladimir Putin sagt auf einer Pressekonferenz, momentan gebe es keine Notwendigkeit für einen militärischen Einsatz. Generell ausschließen will er eine Intervention aber nicht. Das Pentagon beendet die militärischen Kooperationen mit Moskau. Am Abend testet Russland eine Interkontinental-Rakete – die USA waren vorab informiert. Auf der Krim fallen bei einer Konfrontation am Luftwaffenstützpunkt Belbek die ersten Warnschüsse des Konflikts.

jok/dpa/AFP/Reuters



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mantrid 03.03.2014
1. USA und GB in der Pflicht
Mal sehen, was die Garantieerklärungen von USA und GB unter dem Vertrag wert sind, in dem die Ukraine auf Atomwaffen und Rakten verzichtet hat.
taxiralle59 03.03.2014
2. Eine neue ukrainische
Regierung, welche jemanden, der noch im Jahr 2012 sein Geld im Profiboxsport verdiente, zum Präsidentschaftskandidaten erklärt, kann über die Qualität ihrer Mitglieder keinen Zweifel lassen. Wenn sich ein "Dr. Eisenfaust" auf internationalem Parkett ein Duell mit Master Putin liefern möchte, na gut. In diesem Falle kann der Herr Doktor mit etwas mehr Blessuren rechnen, als er sie jemals in seiner Box-Karriere hat einstecken müssen. Ich würde ihm raten, nicht in diese Falle zu tappen und sich wieder dem zuzuwenden, wovon er was versteht. Boxen!
Ausfriedenau 03.03.2014
3. Wir haben ein Recht...
auf objektive und umfassende Berichterstattung über die Situation in der Ukraine. Dazu gehört, dass auf dem Maidan sich nicht die demokratischen Kräfte durchgesetzt haben, sondern die militanten, bewaffneten, nationalistischen, undemokratischen Teilnehmer. Obwohl diese Gruppe in der Minderheit ist, beherrscht sie zur Zeit die Ukraine und bestimmt das Regierungsgeschehen. Die Vereinbarungen zwischen der Opposition und Janukowitsch auf Betreiben der EU-Vertreter sind vom militanten, faschistoiden Flügel der Demonstranten mit Gewalt verworfen worden. Die Wahrheit ist, dass die Ukraine zur Zeit von militanten Umstürzlern regiert wird, die nicht durch Wahlen legitimiert sind. Die Ukraine wird gesetzlos regiert, die EU negiert den tatsächlichen Zustand und verrät ihre eigenen Werte, während Russland aus Furcht vor Ausweitung bis hin zur Schwarzmeerflotte auf der Krim vorbeugend die Macht auf der Krim übernommen hat.
ein anderer 03.03.2014
4. ...
Ausserhalb der europäisch-angelsächsischen Gesellschaften muss dieses Schauspiel ernüchternd sein. Auch wenn sie die russischen Aktivitäten möglicherweise nicht befürworten muss der Unterschied in der Reaktion zum jetztigen russischen Völkerrechtsbruch und dem der USA beim Irakkrieg den glauben an ene funktionierende UNO noch weiter schmälern.
volkerriegel@aol.com 03.03.2014
5. von Russland bezahlt?
Zitat von Ausfriedenauauf objektive und umfassende Berichterstattung über die Situation in der Ukraine. Dazu gehört, dass auf dem Maidan sich nicht die demokratischen Kräfte durchgesetzt haben, sondern die militanten, bewaffneten, nationalistischen, undemokratischen Teilnehmer. Obwohl diese Gruppe in der Minderheit ist, beherrscht sie zur Zeit die Ukraine und bestimmt das Regierungsgeschehen. Die Vereinbarungen zwischen der Opposition und Janukowitsch auf Betreiben der EU-Vertreter sind vom militanten, faschistoiden Flügel der Demonstranten mit Gewalt verworfen worden. Die Wahrheit ist, dass die Ukraine zur Zeit von militanten Umstürzlern regiert wird, die nicht durch Wahlen legitimiert sind. Die Ukraine wird gesetzlos regiert, die EU negiert den tatsächlichen Zustand und verrät ihre eigenen Werte, während Russland aus Furcht vor Ausweitung bis hin zur Schwarzmeerflotte auf der Krim vorbeugend die Macht auf der Krim übernommen hat.
Wer so dummes Zeug schreibt, der muss sich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, dass er von Russland dafür bezahlt wird solchen Mist zu schreiben. Fakt ist, dass Janukowitsch und seine Gefolgsleute die Ukraine systematisch ausgeplündert haben und man ihm auch im Osten des Landes keine Träne nachweint. Vermutlich auch nicht auf der Krim. Was Russland da macht ist eindeutig ein aggressiver Akt und aus neutraler Sicht gibt es keine Rechtfertigung für den Einmarsch. Selbst der russische Menschenrechtsrat sieht keine Gefahr für die Russen in der Ukraine und spricht sich gegen einen Einmarsch aus. Aus meiner Sicht kann es nur eine Antwort geben: man muss Truppen und Kampfflugzeuge der Nato (USA; GB usw. ) an die EU-Ostgrenze zur Ukraine verlegen um zu signalisieren, dass man im Ernstfall gegen einen Agressor vorgehen will. Russland versteht nur diese Sprache. Und vertraglich sind die USA UND GB Schutzmächte für die Ukraine, ebenso wie Russland übrigens.
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