Zum Tod von Ariel Scharon Ein Leben wie ein Krieg

Gehorsam war nicht seine Sache, der gerade Weg auch nicht. Als Soldat fiel Ariel Scharon mit waghalsigen Aktionen auf, als Politiker schreckte er auch vor brutaler Provokation nicht zurück. Jetzt ist der ehemalige israelische Ministerpräsident im Alter von 85 Jahren gestorben.

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Kaum jemand hat seit David Ben-Gurion, dem legendären Gründervater des jüdischen Staats, Israels geografische Grenzen und dessen politische Landschaft so geformt wie Ariel Scharon - als Machtmensch und Meister der Taktik. Nicht umsonst wurde er wahlweise als "Bulldozer" oder als "israelischer Cäsar" betitelt.

Als Soldat und Politiker prägte er die Geschicke Israels und seiner Nachbarn jahrzehntelang. Doch seit Januar 2006 lag Ariel Scharon im Koma - nach mehreren Schlaganfällen, Gehirnblutungen und Notoperationen ist der frühere Ministerpräsident Israels jetzt im Alter von 85 Jahren in Jerusalem gestorben.

Der Sohn osteuropäischer Einwanderer wurde 1928 in der Siedlung Kfar Malal nordöstlich von Tel Aviv im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina geboren. Schon als Kind hatte Scharon den Ruf des Einzelgängers. Diesen Charakterzug legte er nie wirklich ab. Entscheidungen fällte er gerne im Alleingang.

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Ariel Scharon: Der Mann für alle Fronten
Und doch war es das Militär mit seiner Kultur von Befehl und Gehorsam, das Scharons Aufstieg besiegelte. Als Teenager schützte er sein Dorf vor arabischen Angreifern. Im Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 diente Scharon bei der Infanterie und wurde schwer verwundet. In den fünfziger Jahren führte er rücksichtslose Vergeltungsschläge gegen Araber an. Im Sechstagekrieg gewann er an der Spitze seiner Panzerdivision eine der spektakulärsten Schlachten auf der Sinai-Halbinsel.

Befehl hin oder her - immer wieder machte Scharon mit eigenwilligen, umstrittenen und waghalsigen Entscheidungen von sich reden. Gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Kommandanten überschritt er im Jom-Kippur-Krieg den Suezkanal. Später waren sich Fachleute einig: Sein Vorgehen hat wesentlich zum Sieg Israels beigetragen.

Das Libanon-Desaster

Voll und ganz konnte auch das Militär den selbstbewussten Egozentriker also nicht bändigen. Eine klare Route, einen festgelegten Weg - das war nicht Scharons Sache. Wenn es die Situation erforderte, war er bereit, den Plan zu ändern. Nicht nur als Soldat, sondern auch als Politiker.

1973 begann seine politische Laufbahn - zunächst als Abgeordneter in der Knesset, dann in der Likud-Regierung von Menachem Begin als Landwirtschaftsminister und später als Verteidigungsminister. 1982 wollte er in diesem Amt mit Hilfe der militärischen Überlegenheit auch die politische Hegemonie Israels im Mittleren Osten etablieren. Er log das Kabinett an: Er würde sich auf einen Operationsradius von 40 Kilometer beschränken, um im Libanon die militärische Infrastruktur der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat zu zerstören. Doch dabei blieb es nicht. Bald umzingelten seine Truppen die Hauptstadt Beirut.

Scharon ließ es zu, dass unter den Augen des israelischen Militärs und mit seiner Erlaubnis maronitische Falangisten - eine mit Israel verbündete libanesisch-christliche Miliz - in die Beiruter Flüchtlingslager Sabra und Schatila eindrangen, wo sie deren Bewohner systematisch abschlachteten.

Mit harter Hand schlug gegen die Palästinenser

Das war der Wendepunkt in seinem Verhältnis zu Medien und Öffentlichkeit, schreiben seine Biografen Gadi Blum und Nir Hefez. In Israel kam es zu Massendemonstrationen gegen den Helden aus dem Jom-Kippur-Krieg. Eine hochrangige Untersuchungskommission machte ihn indirekt für das Massaker verantwortlich. Scharon wurde zum Rücktritt als Verteidigungsminister gezwungen.

Ein Rückschlag, der Scharon ausbremste. Ins Abseits drängen ließ er sich nicht. Er blieb in der Politik. Und er arbeitete an seinem Comeback. Als Wohnbau- und Infrastrukturminister trieb er in den neunziger Jahren die Errichtung von Siedlungen in den besetzten Gebieten voran und festigte Israels Zugriff auf die palästinensischen Territorien.

Knapp zwanzig Jahre nach dem Massaker von Sabra und Schatila schlug Ariel Scharons Stunde erneut. Im aufgeflammten palästinensischen Aufstand der Zweiten Intifada rief das israelische Volk den alten Haudegen zurück. 62 Prozent der Stimmbürger gaben dem Mann, der nach dem Libanonkrieg geächtet war, 2001 ihre Stimme, weil sie ihm zutrauten, das Land vor dem Terror der Selbstmordattentäter zu schützen. Scharon wurde Premierminister.

Er enttäuschte seine Wähler nicht. Mit harter Hand schlug er den Aufstand nieder. Paradoxes und zynisches Kalkül war Teil seines Lebens: Den Aufstand hatte er als Oppositionspolitiker mit seinem 45-minütigen Besuch auf dem Haram al-Scharif, dem Tempelberg, selbst ausgelöst. Scharon war es gelungen, alle israelisch-palästinensischen Friedensbemühungen zu torpedieren.

Rückzug aus dem Gazastreifen

Und auch als Regierungschef zeigte Scharon wieder seine Eigenschaften als Taktiker, der seine Pläne gegen alle Widerstände durchsetzt. 2005 begann er für viele überraschend mit dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen. Der Mann, der einst geschworen hatte, nie eine einzige Siedlung aufzugeben, ließ plötzlich alle Stützpunkte im Gaza-Streifen räumen. Scharon zwang 8000 Bürger zur Rückkehr, die Gaza als ihre Heimat betrachtet hatten, und zerstörte deren Häuser.

Stur, dickköpfig und zielstrebig, wie er war, boxte Scharon das Vorhaben gegen den erbitterten Widerstand seiner eigenen Likud-Partei durch. Weil diese ihm später die Gefolgschaft verweigerte, gründete er eine neue Partei, die "Kadima".

Allerdings ist Scharon bei der Räumung ganz der General geblieben, der er stets war. Den Verzicht auf Gaza betrachtete er als zumutbares Opfer, um das viel größere Siedlungsprojekt im Westjordanland zu retten. Er war zur Erkenntnis gelangt, dass der Gaza-Streifen eine Front sei, die sich nicht mehr verteidigen lasse. Mit den Palästinensern über den Rückzug zu verhandeln und Gegenleistungen zu verlangen, kam für ihn nicht in Frage, denn er betrachtete die Palästinenser nicht als Partner. Von seiner Grundüberzeugung, dass den Arabern nicht zu trauen sei, ist er nie abgerückt.

Ariel Scharon war Provokateur und Staatsmann zugleich, entschlossen, als historische Person in die Geschichtsbücher einzugehen, die den Vergleich mit Ben Gurion nicht zu scheuen braucht. Das dürfte ihm gelungen sein - wenngleich manche Schatten auf seinen Taten liegen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
ziegenzuechter 11.01.2014
1. ein mensch
der mit seinem wahltaktischen provokationsauftitt auf dem tempelberg den friedensprozess um jahrzehnte zurueckgeworfen hat. unversoenlich, unerbittlich, hass schuerend, den frieden verachtend.
syracusa 11.01.2014
2.
Zitat von sysopREUTERSGehorsam war nicht seine Sache, der gerade Weg auch nicht. Als Soldat fiel Ariel Scharon mit waghalsigen Aktionen auf, als Politiker schreckte er auch vor brutaler Provokation nicht zurück. Jetzt ist der ehemalige israelische Ministerpräsident im Alter von 85 Jahren gestorben. Nachruf Ariel Scharon - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/nachruf-ariel-scharon-a-942996.html)
Um meine Gefühle in einem den Umständen angepassten Ton zu formulieren: die Welt wird durch seinen Tod nicht ärmer.
plumplori1975 11.01.2014
3.
Der Löwe ist tot. Du warst besser als dein Ruf. Dein Land hat einen seiner wahrlich großen verloren.Machs gut Arik.
Ylex 11.01.2014
4. Möge auch er seinen Frieden finden
Zitat: "Knapp zwanzig Jahre nach dem Massaker von Sabra und Schatila schlug Ariel Scharons Stunde erneut." Meine Anerkennung, wenigstens SPON bringt auch in dieser Stunde Mut auf und lässt das Massaker nicht unter den Tisch fallen, bei dem 2.000 Menschen ermordet wurden. Nun ist Ariel Sharon gestorben - für einen Christen muss jeder Tote seinen Frieden finden, also auch Sharon. Aber Trauer für diesen Mann bringe ich nicht auf.
verbalix 11.01.2014
5. Ich bin mit Sicherheit...
...kein Antisemit.Aber manchmal ist er entschieden zu weit gegangen.Mann muss sich den Artikel nur vor Augen halten.Trotzdem:RIP.
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