Nachruf auf Kofi Annan Moralische Instanz der Weltgemeinschaft

Er galt als "Chefdiplomat Afrikas" und hatte einen klar ausgerichteten moralischen Kompass: Der jetzt verstorbene Kofi Annan prägte die Uno wie kein zweiter.


Wie kein zweiter war Kofi Annan das personifizierte Weltgewissen. Der integre Diplomat aus Ghana hat sein Ansehen als moralische Autorität geschickt eingesetzt, um als Uno-Generalsekretär globale Probleme wie die Aids-Epidemie und Terrorismus anzupacken. Als erster Uno-Generalsekretär hatte er sich in der Verwaltungshierarchie der Weltorganisation hochgearbeitet und war zudem der erste Amtsinhaber aus den Staaten Afrikas südlich der Sahara. Nun ist Annan im Alter von 80 Jahren gestorben.

Annans Vorname ist in Ghana keine Seltenheit, denn Kofi bedeutet in der örtlichen Sprache Akan schlicht "Freitag". Kofi Atta Annan wurde am 8. April 1938 - einem Freitag - in Kumasi geboren, als sein westafrikanisches Heimatland noch die britische Kolonie Goldküste war. Er war der Spross einer prominenten Familie: Seine Großväter und ein Onkel waren Stammesführer der Volksgruppe der Fante, sein Vater ein erfolgreicher Manager. Annan wuchs in den Jahren der ghanaischen Unabhängigkeitsbewegung auf, was ihn sehr prägte. Ab 1958 studierte er in Ghana - ein Privileg, das nur wenigen Einheimischen zugänglich war -, bevor er mit Hilfe eines Stipendiums in die USA und später nach Genf wechselte.

Schon 1962 begann er dort seine Karriere als Beamter bei den Vereinten Nation. Es folgten Stationen unter anderem in Äthiopien, Ägypten und New York, bevor er am Massachusetts Institute of Technology einen Master in Wirtschaftsstudien ablegte. 1974 verließ er die Uno und ging für zwei Jahre zurück nach Ghana - doch es hielt ihn nicht in der Heimat. Annan wechselte zum Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) nach Genf, später folgten Positionen in New York, wo er ab 1986 zur Führung gehörte.

Als Nachfolger des Ägypters Boutros Boutros-Ghali führte Annan als Uno-Chef die Weltgemeinschaft dennoch erfolgreich mit ruhiger Hand durch zehn wechselhafte Jahre. In einer großangelegten Kampagne sagte er dem HI-Virus und der Aids-Epidemie den Kampf an. Für seinen Weltfonds Global Fund, mit dem auch Tuberkulose und Malaria ausgemerzt werden sollen, holte er den Microsoft-Gründer Bill Gates und später auch den U2-Sänger Bono und die damalige französische First Lady Carla Bruni-Sarkozy ins Boot.

Schon in den Jahren zuvor zeichnete sich Annan durch Realismus und moralische Führungsstärke aus. Er nutzte sein Verhandlungsgeschick, um die beteiligten Staaten bei globalen Fragen wie der Erderwärmung, Armut, Drogen und Terrorismus aus ihrer nationalen Reserve zu locken.

Als er und die Vereinten Nationen 2001 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, bezeichnete ihn das "Time"-Magazin als womöglich "beliebtesten politischen Power-Player weltweit". Nach Worten des Nobelpreis-Komitees war er zu dieser Zeit der "führende Diplomat Afrikas". Bemerkenswert war Annans offene Kritik an den USA für deren Invasion des Iraks im Jahr 2003.

In den höchsten Etagen der Vereinten Nationen hinterließ Annan ab 1987 als stellvertretender Generalsekretär seine Handschrift, bald auch als Chef der Abteilung für Friedenserhaltende Einsätze (DPKO). Mit dem Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 ereilte ihn dort eines der dunkelsten Kapitel seiner Karriere. Spannungen zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi führten zum Tod von bis zu einer Million Menschen und Annan brauchte zehn Jahre, um in einem BBC-Interview und später in seinen Memoiren zumindest einen Teil der Verantwortung für den Fehlschlag der Friedensbemühungen zu übernehmen.

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Kofi Annan: Moralische Instanz der Vereinten Nationen

Denn der Alarmruf aus dem bitterarmen Staat in Ostafrika hätte lauter nicht sein können: Der kanadische General Romeo Dallaire, damals Oberkommandierender der Blauhelme in Ruanda, hatte vor der Vernichtung der Tutsi-Minderheit gewarnt. Aber Annan stoppte einen von Dallaire geplanten Angriff auf ein Waffenlager, das für den Massenmord genutzt werden sollte, und unternahm auch nichts, um den Uno-Sicherheitsrat einzuschalten.

Auch das Massaker an 8000 Muslimen in der bosnischen Stadt Srebrenica im Jahr 1995 - das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg - lastete mit auf Annans Schultern. Dass niederländische Blauhelme das Gemetzel wohl hätten verhindern können, ließ das "Peacekeeping" auf einen neuen Tiefstand fallen. Beide Tragödien verfolgten Annan auch nach seinem Antritt als Uno-Generalsekretär im Jahr 1997. Die von ihm angeordneten Untersuchungsberichte fanden deutliche Kritik am Vorgehen der Uno in beiden Fällen.

Allerdings hatten auch die Jahre, in denen Annan vom obersten Stockwerk des Uno-Hauptquartiers in New York dirigierte, ihre Schattenseiten. Ein Beispiel ist die Umsetzung des Programms "Oil For Food", das dem Irak den Ölhandel trotz bestehender Sanktionen teilweise erlaubte, um Lebensmittel und andere Güter für die Bevölkerung zu kaufen. Der Diktator Saddam Hussein konnte das Programm laut einer CIA-Studie missbrauchen, um durch Schmiergelder, Zuschläge und Ölschmuggel rund 12,6 Milliarden Dollar zu verdienen. Das Fehlverhalten von Uno-Mitarbeitern fügten dem Programm ebenfalls Schaden zu.

Nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit als Uno-Generalsekretär gab es in Ghana Spekulationen, ob er als Präsidentschaftskandidat antreten würde. Obwohl er keine nennenswerte Parteibasis hatte, rechneten Beobachter ihm Chancen zu, denn die Ghanaer waren stolz auf "ihren Sohn", den Weltenlenker. Annan selbst zog es wohl nicht ernsthaft in Erwägung. Als Wohnsitze behielt er New York und Genf.

In der Schweiz gründete er 2007 auch die Kofi Annan Stiftung, die sich für die Förderung von Demokratie und Vermittlung in Krisenlagen einsetzt. Er machte sich auch für eine Modernisierung der Landwirtschaft in Afrika als Schlüssel zu einer besseren Zukunft stark. Obwohl er als Erwachsener nie für eine längere Zeit nach Ghana zurückgegangen war, schlug sein Herz auch immer für die Heimat.

Besonders deutliche Worte fand er dabei nach dem Ende seiner Amtszeit: Zu viele Politiker in Afrika hätten sich persönlich bereichert "und an ihrem Amt auch lange nach dem Ende ihres Mandates festgehalten". Annan meinte, Afrikas Wachstum könne sich verdoppeln und die Armut könne drastisch reduziert werden, wenn sich endlich die Regierungsführung verbessern würde. "Eine der Folgen der schlechten Führung ist weit verbreitete Korruption", konstatierte er 2015.

Annan hat aus einer 1970 geschiedenen Ehe mit der Nigerianerin Titi Alakija zwei Kinder. Seine zweite Frau, Nane Maria Lagergren, hat eine Tochter aus einer früheren Ehe.

mik/dpa



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wettersbach 19.08.2018
1. Wertschätzung mit Abstrichen
Zitat SPON: " Mit dem Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 ereilte ihn dort eines der dunkelsten Kapitel seiner Karriere. Spannungen zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi führten zum Tod von bis zu einer Million Menschen und Annan brauchte zehn Jahre, um in einem BBC-Interview und später in seinen Memoiren zumindest einen Teil der Verantwortung für den Fehlschlag der Friedensbemühungen zu übernehmen." (Zitatende) Annans "moralischer Kompass" scheint zumindest in zwei Fällen defekt gewesen zu sein: bei den Genoziden in Ruanda und Jugoslawien. Nicht zuletzt wegen der von ihm angeordneten Passivität seiner UNO-Blauhelme beim Gemetzel der Hutus an den Tutsis kam es in zu einem der größten Völkermorde in der neueren Geschichte. Ein beherztes Eingreifen seiner Blauhelm-Soldaten hätte vermutlich die Hutu-Killer gestoppt und vielen Tutsis das Leben gerettet. Zitat SPON: „Auch das Massaker an 8000 Muslimen in der bosnischen Stadt Srebrenica im Jahr 1995 - das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg - lastete mit auf Annans Schultern. Dass niederländische Blauhelme das Gemetzel wohl hätten verhindern können, ließ das "Peacekeeping" auf einen neuen Tiefstand fallen. Beide Tragödien verfolgten Annan auch nach seinem Antritt als Uno-Generalsekretär im Jahr 1997. Die von ihm angeordneten Untersuchungsberichte fanden deutliche Kritik am Vorgehen der Uno in beiden Fällen.“ (Zitatende) Ein ähnliches Versagen muss man Annan auch im Jugoslawienkonflikt vorwerfen, wo seine Truppen in Srebrenica dem Massaker der Serben an den Bosniern tatenlos zuschauten. Es war diese Passivität der UNO-Blauhelme angesichts schlimmster Menschenrechtsverletzungen, die den Ruf der UNO als Mediator in Konflikten nachhaltig beschädigt hat. Hingegen ist m. E. Annans Umsetzung des Programms "Oil For Food", das dem Irak den Ölhandel trotz bestehender Sanktionen teilweise erlaubte, um Lebensmittel und andere Güter für die Bevölkerung zu kaufen, eher positiv zu bewerten, denn gegen Staaten verhängte Boykotte und Embargos treffen immer zuerst die notleidende Bevölkerung, keineswegs die Machthaber. Annan mag Verdienste haben: so hätte sein Plan (Annan-Plan von 2004) die Wiedervereinigung des geteilten Zypern bewerkstelligen und den ewigen Konflikt zwischen den griechischen und türkischen Zyprioten beilegen können. Der Plan war ausgewogen und berücksichtigte die Interessen beider Seiten. Doch der Plan scheiterte am Widerstand der griechischen Zyprioten, die ihn in einer Volksabstimmung ablehnten. Annan war persönlich zweifellos eine integre Person, die auch ihre Verdienste hat. Aber er hat in den geschilderten Fällen die falschen Entscheidungen getroffen. Wertschätzung ist durchaus angebracht, aber posthume Glorifizierung ist fehl am Platze. Es ist gut, dass SPON auch die Schattenseiten dieser bemerkenswerten Persönlichkeit beleuchtet.
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