Nachruf auf Ronald Reagan Der letzte Kalte Krieger

Ronald Reagan war Schauspieler, Gewerkschafter, Rettungsschwimmer und acht Jahre lang Präsident der USA. Als er das Weiße Haus 1989 verließ, hinterließ er eine gigantische Staatsverschuldung und unzählige Obdachlose. Aber dieses Ziel hatte er erreicht: Die Sowjetunion stand vor dem Zusammenbruch. Reagan ist am Samstag im Alter von 93 Jahren gestorben.

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Geburtstagstorte: Ronald Reagan im Febraur 2003 an seinem 92. Geburtstag mit seiner Frau Nancy
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Geburtstagstorte: Ronald Reagan im Febraur 2003 an seinem 92. Geburtstag mit seiner Frau Nancy

Er konnte schon lange nicht mehr gehen, sprechen, denken. Ronald Reagan hatte alles vergessen. Auch, dass er einmal der mächtigste Mann der Vereinigten Staaten war. Die Alzheimer Krankheit löschte seit Anfang der neunziger Jahre Stück für Stück sein Bewusstsein aus. Seine Frau Nancy kümmerte sich in ihrem Haus in Los Angeles um ihn. Außer den Kindern hatte seit Jahren kein Besucher mehr Zutritt zu dem schwerst Pflegebedürftigen.

Mit einem bewegenden Brief hatten die Reagans 1994 den Amerikanern mitgeteilt, dass der frühere Präsident an der grausamen Krankheit litt. "Dadurch, dass wir unsere Herzen öffnen, hoffen wir, die öffentliche Aufmerksamkeit für diese Krankheit zu verstärken", begründeten sie ihren Schritt. Am Schluss des Schreibens verabschiedete er sich in diesem unvergleichlichem Reagan-Pathos, das die Amerikaner so an ihrem Präsidenten geliebt hatten: "Ich beginne jetzt die Reise, die mich in den Sonnenuntergang meines Lebens führen wird. Ich weiß, dass es für Amerika stets einen prachtvollen Sonnenaufgang geben wird."

Reagan: Einer der Mut machte - nach den düsteren Jahren des Vietnamkrieges, Watergate und dem Geiseldrama von Teheran
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Reagan: Einer der Mut machte - nach den düsteren Jahren des Vietnamkrieges, Watergate und dem Geiseldrama von Teheran

Im o-beinigen Cowboy-Schritt hat er Amerika acht Jahre lang angeführt, hat die Welt in Schwarz und Weiß eingeteilt. Die UdSSR nannte er "das Reich des Bösen", die USA waren das Land der Verheißung. Historisches Wissen bezog er aus Kino-Filmen und den Regierungsschalter im Oval Office machte er um Punkt 17 Uhr zu. Er dachte in einfachen Strukturen und handelte auch danach. Das gab vielen Amerikanern das Gefühl, einen verlässlichen Mann im Weißen Haus zu haben, der nicht lange herum dibbert, sondern zupackt. Seinen politischen Weggefährten trieb er dagegen manches Mal den Angstschweiß auf die Stirn. "Auf welchem Planeten lebt der überhaupt", fragte etwa Frankreichs damaliger Präsident Francois Mitterand irritiert als Reagan 1981 in Ottawa erstmals an einem G-7-Gipfel teilnahm.

Mit wenigen Handgriffen wollte er die lahmende Konjunktur in den USA ankurbeln. Sein Rezept: Steuern und Sozialetat runter, Militärausgaben rauf. Die berühmten Reaganomics, andere sprachen von Voodoo-Ökonomie. Der Effekt: ein riesiger Schuldenberg und unzählige Mittellose. Die Kluft zwischen Arm und Reich war immens gewachsen und in seinen Traum von einem Raketenabwehrsystem in der Erdumlaufbahn (SDI), das die USA unangreifbar machen sollte, hatte er Milliarden versenkt.

Wir sind wieder wer

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Doch Reagan schaffte es eben auch, den Amerikanern wieder das Gefühl zu geben: Wir sind die Guten. Eine Botschaft, die nach den langen düsteren Jahren des Vietnam-Kriegs, des Watergate-Skandals und des Teheran-Geiseldramas dankbar angenommen wurde. Und er wusste sie geschickt in den Medien zu transportieren. Als gelernter Schauspieler hatte er keine Angst davor, seine Reden und Auftritte mit einer gehörigen Portion Hollywood-Kitsch zu spicken. Das kam an. Und die völlig überzogene Invasion amerikanischer Truppen 1983 auf der winzigen karibischen Gewürzinsel Grenada, die von Marxisten regiert wurde, gab vielen Amerikanern das Gefühl, wieder Kriege gewinnen zu können.

Vielleicht trug auch Reagans Werdegang zu seiner Beliebtheit bei: Vom Sohn eines häufig arbeitslosen Trinkers aus einem Kaff in Illinois auf den Präsidentensessel. Der gelebte amerikanische Traum.

1911 in Tampico geboren, verdient Reagan in jungen Jahren sein Geld als Rettungsschwimmer und Radiomoderator. 1937 schließlich zieht es ihn nach Hollywood. Groß, breitschultrig und mit einer sanften, vollen Stimme ausgestattet gibt man ihm bei Warner Brothers eine Chance. Jahrelang spielt er den besten Freund des Helden, in B-Movies auch mal die Hauptrolle. Er ist ein Star in den Vierzigern, aber die ganz große Rolle bekommt er nie.

Er entdeckt ein anderes Parkett für sich: die Politik. Zunächst ist er noch für die Demokraten. Doch als die McCarthy-Ära beginnt und mit ihr die Kommunisten-Hatz, driftet er nach rechts. Mindestens sechs Hollywood-Kollegen soll er ans FBI verraten haben. Seiner damaligen Frau Jane Wyman geht er mit dem Polit-Gefasel zunehmend auf die Nerven. Scheidung.

50 Jahre mit Nancy

Die zweite Ehe, mit Nancy, hält mehr als 50 Jahre. Sie bewundert ihn, blickt zu ihm auf, gibt die Schauspielerei für ihn auf und - wie Beobachter sagen - lenkt ihn geschickt. Auch Reagan zieht sich peu à peu aus Hollywood zurück, die Rollen werden immer schlechter, er macht nun Fernsehwerbung.

Hollywood 1952: Ronald Reagan und Doris Day in "The Winning Team"
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In den Sechzigern wechselt Reagan endgültig in die Politik. Die Republikaner haben sein Redetalent entdeckt. Im Wahlkampf wird er unter anderem von John Wayne und Walt Disney unterstützt und 1966 schließlich zum Gouverneur gewählt - ausgerechnet im Flower-Power-Staat Kalifornien. "Man hat schon in zwei Colleges Ronald-Reagan-Puppen aufgeknüpft", schreibt er damals einer Brieffreundin. "Das dürfte ein bewegtes Leben werden."

Acht Jahre bleibt er im Amt. Dann treibt es ihn nach Washington. 1976 scheidet er im Vorwahlkampf gegen Gerald Ford aus, der bei der Wahl dem Demokraten Jimmy Carter unterliegt. Doch vier Jahre später ist es soweit: Ronald Reagan wird Präsident der Vereinigten Staaten. Am Ende seiner Amtszeit steht die Sowjetunion vor dem Zusammenbruch, die DDR vor ihrem Ende. Viele Konservative glauben, dass er mit seinem Wettrüsten und seinem unbeirrbaren Hass auf den Kommunismus den Zusammenbruch des Ostblocks zumindest mit herbeigeführt hat. Und je länger seine Amtszeit zurückliegt, desto verklärter wird der Blick.

So etwa bei der Erinnerung an Reagens Besuch in Berlin 1987. In einer Rede am Brandenburger Tor appellierte er an den damaligen sowjetischen Staatschef: "Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" Was damals als freundliche, vielleicht etwas naive Geste dem Gastgeber Deutschland gegenüber gewertet wurde, gilt heute als visionär.

Im November 2003 wollte der TV-Sender CBS eine kritische Dokumentation über den Ex-Präsidenten bringen - und scheiterte. Der Protest im Land war schon im voraus so immens, dass der Film schließlich aus dem Programm genommen wurde und lediglich im Pay-TV-Sender lief. So hoch wurde schon zu Lebzeiten sein Andenken gehalten.

Reagan salutiert bei einer Feier am Veterans Day 1988: Verehrt und verhasst
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Reagan salutiert bei einer Feier am Veterans Day 1988: Verehrt und verhasst

Ende der neunziger Jahre gründete sich das "Ronald Reagan Legacy Project". Ein Verein von Reagan-Anhängern, der das Land mit Denkmälern für "Amerikas größten Präsidenten" überziehen will. Mit beachtlichem Erfolg: Der Flughafen in Washington trägt seinen Namen, ein Flugzeugträger, eine Schule und vieles mehr. Am liebsten möchten die Reagan-Jünger sein Konterfei neben George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt am Mount Rushmore in Stein gemeißelt sehen.



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