Gesperrte Lieferwege Bundeswehr-Nachschub verrottet in Pakistan

Seit einem halben Jahr sperrt Pakistan die Nato-Transporte nach Afghanistan. Fast hundert Bundeswehr-Container mit Lebensmitteln im Wert von drei Millionen Euro stecken fest. Ein Großteil der Ware hat das Verfallsdatum überschritten - die Versorgung der Deutschen dürfte künftig teurer werden.

REUTERS

Von , Islamabad


Die Container stapeln sich im Hafen von Karatschi. Mehrere tausend stehen dort, weitere hundert in Peschawar, ein paar auch auf Lastwagen auf der Strecke zwischen diesen beiden Städten. Die meisten sind für die US-Truppen in Afghanistan bestimmt. Nichts geht mehr, seitdem Pakistan vor einem halben Jahr den Nachschubweg zu den zwei Grenzübergängen nach Afghanistan, in Chaman und Torkham, gesperrt hat.

Der Grund dafür ist die Verärgerung in Islamabad über einen US-Luftangriff auf einen Grenzposten am 26. November 2011, bei dem 24 pakistanische Soldaten ums Leben kamen. Seither ist die Versorgung der Nato in Afghanistan über Pakistan eingestellt.

Bei 94 Containern ist die Bundeswehr der Empfänger: 88 Stück in Karatschi und sechs in Peschawar. Inhalt: Lebensmittel wie Fleisch, abgepackte Gerichte, Schokolade, Weingummi, Kartoffelchips und Getränke aller Art, aber auch Zahnbürsten und Zahnpasta, Schuhcreme und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Die Hälfte der Ware ist bereits abgelaufen. Sollte Pakistan die Wege nicht bald wieder öffnen, sind bis Juli alle Lebensmittel vergammelt. Allein der Warenwert beträgt mehr als drei Millionen Euro. Gefährliche Güter wie Munition und Waffen sind nicht dabei, die werden grundsätzlich nur auf dem Luftweg nach Afghanistan gebracht.

Die Nachschubwege der Bundeswehr (KLICKEN SIE ZUM VERGRÖSSERN AUF DAS BILD)
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Die Nachschubwege der Bundeswehr (KLICKEN SIE ZUM VERGRÖSSERN AUF DAS BILD)

"Es ist zum Verzweifeln", sagt Raja Ejaz Akhtar. Er ist Partner der Mannheimer Imex-Spedition, die Marketender-Waren - so nennt die Bundeswehr Supermarktprodukte - sowie einen Großteil der Lebensmittel für die Bundeswehrkantinen in Afghanistan transportiert. "Die Hähnchen in den Containern dürften inzwischen gegrillt sein", sagt er mit Verweis auf die Temperaturen von mehr als 40 Grad im ganzen Land.

"Mister Raja", wie ihn die Nato-Leute nennen, ist der Logistikpartner der Deutschen seit Beginn des Einsatzes in Afghanistan im Dezember 2001. Er verantwortet den Transport ab Pakistan, Usbekistan und Tadschikistan bis zu den deutschen Standorten in Afghanistan in Kabul, Masar-i-Scharif, Kunduz und Faizabad. Rund 10.000 Container haben seine Mitarbeiter in mehr als zehn Jahren transportiert. "Kein einziger ging verloren, wurde gestohlen oder von Extremisten zerstört", sagt er stolz. Die Isaf-Truppen haben ihm per Dankesbrief "außerordentliche Leistungen selbst unter widrigsten Bedingungen" bescheinigt.

Doch jetzt droht dem hochgewachsenen Mann mit der tiefen Stimme womöglich die Pleite: Es ist unklar, wer die Kosten für die Lagerung der vergangenen sechs Monate trägt. "Ich kann die ja nicht der Bundeswehr in Rechnung stellen", sagt er. "Ob eine Versicherung den Schaden trägt, ist auch unklar. Die Container sind gegen Wasserschaden und Feuer versichert, gegen Diebstahl und Zerstörung durch Extremisten. Aber es hat doch niemand damit gerechnet, dass sie ein halbes Jahr und länger in Pakistan feststecken." Rund eine Million Euro Verlust habe er schon erlitten.

800 Dollar Schmiergeld an Beamte und Extremisten

Für die pakistanische Verärgerung über den US-Luftangriff auf den Grenzposten hat er dennoch Verständnis: "Eine Entschuldigung der USA ist doch nicht zu viel verlangt, oder?" Andererseits kritisiert er die Sperrung des Nachschubs für alle Nato-Truppen. "Was hat die Bundeswehr mit dem Vorfall zu tun?" Die pakistanische Regierung schade sich selbst, da von den Nato-Transporten durch das Land rund eine halbe Million Arbeitsplätze abhingen.

Bislang verweigern die USA eine offizielle Entschuldigung, räumen jedoch ein "Versehen" ein. Die US-Piloten schossen internen pakistanischen Berichten zufolge "mit unverhältnismäßiger Härte", obwohl sie hätten wissen müssen, dass es sich um pakistanische Soldaten und nicht um Extremisten handelte. Zudem hätten sie ihren Fehler, als sie ihn bemerkten, nicht sofort an die Pakistaner gemeldet, heißt es in einem militärischen Untersuchungsbericht.

Also bleiben die Transportwege gesperrt. Die Einladung Pakistans zum Nato-Gipfel in Chicago vorvergangene Woche brachte keine Lösung. Bislang, heißt es, habe man sich noch nicht auf einen Preis einigen können. Pakistan will sich die Nutzung des Landweges künftig ordentlich bezahlen lassen, bis zu 5000 Dollar pro Container sind inzwischen im Gespräch.

"Ich denke, alles bis zu 1500 Dollar wäre in Ordnung", sagt Raja. "Dann allerdings müsste sichergestellt werden, dass wir keine Bestechungsgelder mehr zahlen müssen." Bislang kostete der Transport ab Karatschi bis zum Ziel in Afghanistan rund 800 Dollar: Dazu zählen die 25 Dollar "Hafenausfuhrgebühr" sowie Bestechungsgelder für Zollbeamte, Polizisten, Grenzer und Aufständische. "Unsere Fahrer hatten immer einen Geldkoffer dabei. In Afghanistan muss man zum Beispiel eine Steuer zahlen, für die man keine Quittung bekommt", erzählt Raja. "Wenn ein Fahrer sich weigert zu zahlen, wird er verprügelt."

Nur noch eine Route über Tadschikistan

Billig wird es für die Bundeswehr so oder so nicht. Denn zu den Schwierigkeiten mit Pakistan kommt hinzu, dass jetzt auch Usbekistan Probleme macht. Seit Anfang April dürfen Lastwagen mit Marketender-Waren die Grenze nicht mehr passieren. Der Grund: Die Usbeken behaupten, angeblich seien Verträge ausgelaufen. Vor der Unterzeichnung eines neuen Transitvertrags wollen sie noch einmal Muskeln zeigen.

Die Bundeswehr hatte seit der Schließung der pakistanischen Wege die Route über Usbekistan genutzt. "Wir transportieren jetzt alles über Tadschikistan", sagt Raja. Das ist ein langer, teurer Landweg, von Europa über das Baltikum und Russland, durch Kasachstan und Kirgisien bis nach Tadschikistan, von dort nach Afghanistan. Die Tadschiken lassen sich ihre neue Monopolstellung teuer bezahlen. Insgesamt laufen jetzt pro Container von Europa bis Afghanistan Kosten von bis zu 18.000 Dollar auf.

In einer Lageeinschätzung der Bundeswehr wird die Versorgung deshalb erstmals als "problematisch" eingestuft - zumal auch der Weg über Tadschikistan nicht unbegrenzt nutzbar ist. "Wenn im Pamir-Gebirge Schnee fällt, ist der Weg dicht", sagt ein Bundeswehrlogistiker. Eine "dramatische Versorgungslücke" für die rund 4900 in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten sei zwar nicht zu befürchten, aber man müsse doch über Alternativen nachdenken, heißt es in dem Papier.

Laut Bundeswehr und Transportunternehmer Raja sind die schon in Sicht. Sollte Pakistan den Weg nicht bis Mitte Juni öffnen, werde man auf Lufttransporte über die Vereinigten Arabischen Emirate umsteigen. Die Güter sollen dann per Schiff von Europa bis ins Emirat Schardscha gefahren und von dort nach Kabul geflogen werden. Es gebe bereits Verhandlungen mit einem arabischen Luftfrachtunternehmen.

Damit, sagt der Bundeswehroffizier, hätte man das Problem "einigermaßen gelöst". Ein ganz anderes Problem sei aber, ab Ende des Jahres unter diesen erschwerten Bedingungen den Rücktransport der Bundeswehr zu organisieren.

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insgesamt 56 Beiträge
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Sackaboner 29.05.2012
1.
Lebensmittel den Leuten da unten überlassen und sofortiger Abmarsch! Entweder, eine Armee kämpft für das eigene Land oder einen Bündnispartner, aber niemals für jemanden, der diese "Hilfe" gar nicht will und die bewaffneten Helfer für seine Feinde hält!
Centurio X 29.05.2012
2. Die Einstelllung der Entwicklungshilfe an Pakistan...
...ist dringend geboten.
marthog 29.05.2012
3.
Eine riesige Menge Geld die wir von unseren Steuern für eine Sache bezahlen müssen, die wir gar nicht wollen. Gut gemacht, Politiker.
grommeck 29.05.2012
4. Nächste Steuergeldverschwendung...
...wo ist unser Außenminister??
Nonvaio01 29.05.2012
5. den spruch
Ohne Mampf kein Kampf, sollte sich mal unsere Politiker Kaste zu ohren kommen lassen. Es ist aber wichtig das die Demokratie weiterhin am Hindukusch oder wie man es im Volke so schoen sagt.. Am Arsch der Welt...verteidigt wird.
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