Propaganda-Kampf um ukrainische Pilotin "Tötungsmaschine mit Rock"

Moskau führt einen Schauprozess gegen eine ukrainische Pilotin. Nadja Sawtschenko, 33, soll zwei russische Journalisten im Kampfgebiet "vorsätzlich" getötet haben - die Beweislage ist dünn.

REUTERS

Von , Moskau


Als die Angeklagte in den Moskauer Gerichtssaal geführt wird, erschallen Rufe, die sonst selten sind in Russland: "Ruhm sei der Ukraine, Ruhm den Helden!" Es ist der Schlachtruf der Maidan-Revolution. Eine Handvoll pro-ukrainischer Aktivisten skandiert ihn. Die Menschen sind zum Basmannij-Gericht gekommen, um eine Ukrainerin zu unterstützten, der hier der Prozess gemacht wird.

Ihr Name ist Nadja Sawtschenko. Sie ist 33 Jahre alt, war Pilotin der ukrainischen Armee und hat in der Ostukraine gekämpft - in den Reihen eines Kiew-treuen Freiwilligenbataillons.

Sawtschenko ist zum Gegenstand einer beispiellosen Propaganda-Schlacht zwischen Moskau und Kiew geworden. In der Ukraine wird sie als Kriegsheldin verehrt, die von Wladimir Putins Häschern verschleppt wurde - eine Art Märtyrerfigur.

Julija Tymoschenkos Vaterlands-Partei hat sie sogar im Wahlkampf benutzt und sie vor den Parlamentswahlen im Oktober auf Platz eins der Kandidatenliste gesetzt. Es gibt Sawtschenko-Demos in Kiew und auf Twitter den Hashtag #FreeSavchenko.

Russland wirft der Ukrainerin vor, für den Tod zweier Journalisten des russischen Staatsfernsehens verantwortlich zu sein. Die Reporter waren im Juni bei einem Mörserangriff nahe der ostukrainischen Stadt Luhansk ums Leben gekommen. Moskaus Ermittlungskomitee hat ein Verfahren eingeleitet. Die Staatsanwälte vertreten die Auffassung, Sawtschenko habe die Journalisten bewusst als Ziel ausgeguckt und das Feuer auf sie gelenkt.

Die Behörden verwickeln sich in Widersprüche

Sawtschenko sitzt bereits seit sieben Monaten in russischer Haft. Die Kreml-treue Presse tituliert sie als "Tötungsmaschine mit Rock". Der Fall dient Moskau als Beleg für die These, Kiew führe in der Ostukraine einen barbarischen Krieg und mache gezielt Jagd auf Russen.

Die Justiz gibt der Propaganda dabei Flankenschutz: Das von einem Studienfreund von Präsident Putin geführte Ermittlungskomitee hat sogar eine eigene Abteilung eingerichtet. Sie soll sich mit der "Untersuchung von Verbrechen in Verbindung mit der Anwendung verbotener Mittel und Methoden der Kriegsführung in der Ukraine" befassen.

Anders gesagt: Es geht um Kriegsverbrechen der Ukrainer, die Moskaus Unterstützung der Separatisten rechtfertigen könnten. Das Ermittlungskomitee hat aus demselben Grund auch Verfahren wegen eines angeblich gezielten "Genozids" an der Donbass-Bevölkerung eingeleitet.

Im Fall der Gefangenen Sawtschenko verwickeln sich die Behörden in Widersprüche. Sie habe sich als "Flüchtling" ausgegeben und nach Russland abgesetzt, verkündete die Staatsanwaltschaft Anfang Juli 2014 - und bezichtigte die Frau damit en passant, eine Deserteurin zu sein.

Tatsächlich war Sawtschenko bereits am 17. Juni gefangen genommen worden, im Kampfgebiet der Ostukraine. Die prorussischen Rebellen kontaktierten Sawtschenkos Familie. Sie führten die Gefangene sogar Kreml-treuen Medien vor. Am 24. Juni veröffentlichte das Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda" ein Interview mit Sawtschenko. Ein Foto zeigt die Ukrainerin in Handschellen und Tarnkleidung. Aus dem Gespräch ergibt sich, dass es auf ukrainischem Territorium geführt wurde.

Die Beweislage ist dünn

Die ukrainische Regierung wirft Moskau vor, die Pilotin verschleppt zu haben. Bei den Friedensverhandlungen in Minsk soll es auch um ihre Freilassung gehen. Der Europarat setzt sich ebenfalls für Sawtschenko ein.

Ihre Kameraden aus den Reihen des ukrainischen Freiwilligen-Bataillons "Aidar" haben eine eigene Theorie, wie die Gefangene auf russischen Boden gelangte: Demnach nahmen die Separatisten sie gefangen und planten, Sawtschenko gegen einen ihrer Kommandeure austauschen, der in den Händen der Ukrainer war. Aus dem Austausch sei jedoch nichts geworden. Deshalb hätten die Rebellen sie dann dem russischen Geheimdienst übergeben.

Die Anklage stützt sich auf Verbindungsdaten von Sawtschenkos Mobiltelefon an dem betreffenden Tag. Außerdem habe man bei ihr eine Karte des Gebiets gefunden - darauf seien Quadrate eingezeichnet gewesen, wie bei Artillerie-Einheiten üblich. Die Beweislage für einen gezielten Mordanschlag auf die russischen Journalisten ist aber dünn.

Laut russischen Medien soll die TV-Crew Flüchtlinge im Kriegsgebiet gefilmt haben, als sie beschossen wurde. Kamera-Aufnahmen des Vorfalls zeigen aber, dass der Beschuss einem Checkpoint der Separatisten nahe dem Dorf Metallist galt. Das Fernsehteam hatte in der Gegend bereits zuvor eine Rebellen-Einheit begleitet. So war es wohl auch am verhängnisvollen 17. Juni 2014. Der Fahrer der Journalisten gab zu Protokoll, sie hätten Separatisten filmen wollen.

Sawtschenko ist während ihrer Haft in Hungerstreik getreten, vor nun schon 60 Tagen. Vor Gericht kündigte sie an, ihn fortzusetzen, "bis ich zurück in die Ukraine gebracht werde oder in Russland sterbe".

Frontverlauf in der Ostukraine: Geländegewinne der Separatisten
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Frontverlauf in der Ostukraine: Geländegewinne der Separatisten

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