Naher Osten Israel bereitet sich auf Arafats Tod vor

Die israelische Regierung erlaubt Jassir Arafat die medizinische Behandlung im Ausland. Zugleich trifft sie laut Medienberichten Vorbereitungen für den Tod des Palästinenser-Präsidenten. Arafats Gesundheitszustand ist nach palästinensischen Angaben äußerst kritisch.




Erkrankter Arafat: "Wir bereiten uns auf alles vor"
DPA

Erkrankter Arafat: "Wir bereiten uns auf alles vor"

Ramallah - Ein Ärzteteam kämpfe in Arafats Hauptquartier in Ramallah um das Überleben des 75-jährigen Palästinenser-Präsidenten, berichten israelische Medien. Aus Regierungskreisen in Ramallah verlautete in der Nacht, der palästinensische Präsident sei gestern Abend zusammengebrochen und habe für etwa zehn Minuten das Bewusstsein verloren. Er befinde sich in einer "sehr kritischen Situation". Kommunikationsminister Assam Ahmed sagte dem Fernsehsender al-Dschasira: "Wir bereiten uns auf alles vor."

Arafat schwebt nach Angaben seines Sicherheitschefs Dschibril Radschub nicht mehr in Lebensgefahr. Radschub sagte dem israelischen Rundfunk, Arafat sei erkrankt, er leide aber weder an Krebs noch an einer Herzerkrankung. Entsprechende Berichte nannte er "böswillig". Auch der palästinensische Kommunalminister Dschamal Schubaki sagte nach einem Besuch bei Arafat, dieser habe sogar am muslimischen Morgengebet teilgenommen. Der Palästinenserführer sei weiterhin schwach, sein Zustand aber "stabil". "Es gibt keinen Anlass zur Besorgnis", sagte Schubaki.

Die israelische Regierung beschloss am Vormittag, Arafat zur medizinischen Behandlung ins Ausland reisen zu lassen. Ministerpräsident Ariel Scharon habe die Entscheidung nach einem Gespräch mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmed Kurei getroffen, teilte ein Regierungsbeamter heute in Jerusalem mit.

Unklar blieb aber, ob Israel Arafat auch die Erlaubnis gibt, im Anschluss an eine Behandlung wieder nach Ramallah zurückzugehen. In der Vergangenheit hat die Regierung erklärt, dass Arafat das Westjordanland zwar verlassen, aber möglicherweise nicht zurückkehren dürfe. Arafat hat Ramallah seit mehr als zwei Jahren nicht mehr verlassen.

Nach israelischen Medienberichten bereitet sich Israels Armee auf den möglichen Tod Arafats vor. Die Operation "Neues Kapitel" konzentriere sich vor allem darauf, unmittelbar nach dem Ableben des Palästinenserführers schwere Unruhen im Westjordanland und Gazastreifen zu verhindern. Die Armee befürchte, Israel könne wegen der jahrelangen Blockade des Hauptquartiers in Ramallah sowie mehreren Liquidationsdrohungen für den Tod Arafats verantwortlich gemacht werden.

Spekulationen um Arafats Zustand

Gestern Abend wurden nach palästinensischer Darstellung Ministerpräsident Ahmed Kurei und dessen Vorgänger Mahmud Abbas zu Arafat gerufen. Ein Leibwächter berichtete später, Arafat habe während der Unterredung eine Suppe gegessen und sich dann übergeben müssen. Er sei daraufhin auf die Krankenstation seines Amtssitzes gebracht worden, wo er in Ohnmacht gefallen sei.

In israelischen Regierungskreisen wurde spekuliert, ob Arafat möglicherweise einen Schlaganfall erlitten haben könnte. Arafats Sprecher Nabil Abu Rdeneh erklärte jedoch später, der Zustand des 75-Jährigen habe sich wieder stabilisiert, doch brauche er Ruhe und ständige ärztliche Aufsicht.

Rdeneh dementierte zugleich Angaben anderer ranghoher Palästinenser, wonach Arafat ein dreiköpfiges Notstandskomitee eingesetzt hat, das bis auf weiteres die Regierungsgeschäfte führen soll. Den Berichten zufolge besteht das Team aus Kurei und Abbas sowie Salim Saanun, dem Vorsitzenden des Palästinensischen Nationalrats, des 512-köpfigen Parlaments der Palästinenser. Wie es weiter hieß, soll dieses Komitee sowohl der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) als auch der Palästinensischen Autonomiebehörde vorstehen, bis sich Arafats Zustand wieder verbessert. Rdeneh erklärte jedoch, der palästinensische Präsident habe ein solches Gremium nicht eingesetzt.

Ehefrau Suha reist nach Ramallah

Arafat und seine Frau Suha (Archiv): Der palästinensische Präsident soll ernsthaft erkrankt sein
AP

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Am Amtssitz Arafats versammelten sich Dutzende palästinensische Spitzenpolitiker und Beamte, um für alle Fälle in Reichweite zu sein. Zugleich verlautete aus israelischen Regierungskreisen, Arafats Ehefrau Suha werde heute aus Paris nach Ramallah kommen, um an der Seite ihres Mannes zu sein.

Der Gesundheitszustand von Arafat hat seit Tagen Anlass zu neuen Spekulationen gegeben. Erstmals seit Beginn des Ramadans unterbrach der palästinensische Präsident vorgestern auf Anraten seiner Ärzte das Fasten. Berichte über eine Krebserkrankung wurden allerdings von einem Mitglied des Ärzteteams unter Verweis auf eine Blutuntersuchung zurückgewiesen. Zuvor hatte ein Krankenhausmitarbeiter erklärt, ein großer Gallenstein sei das Problem, dies sei aber leicht zu behandeln. Die Ärzte hätten Arafat geraten, den Gallenstein entfernen zu lassen.

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