Naher Osten Israelis töten auch neuen Hamas-Chef Rantissi

Wenige Wochen nach der Liquidierung des Hamas-Gründers Scheich Ahmed Jassin hat Israel auch seinen Nachfolger getötet: Abdel Asis Rantissi kam bei einem gezielten Angriff in Gaza-Stadt ums Leben. Die Hamas schwor umgehend blutige Rache.


Gaza: Rantissis Auto nach dem Angriff
AFP

Gaza: Rantissis Auto nach dem Angriff

Gaza - Rantissi sei nach einer Explosion in seinem Auto in Gaza-Stadt auf dem Operationstisch gestorben, berichteten Mitarbeiter des Schiffa-Krankenhauses. Auch drei seiner Begleiter kamen ums Leben, darunter sein Sohn Mohammed, 27.

Israelische Sicherheitskreise bestätigten, die Armee stehe hinter der Tötung des Hamas-Führers, der im Gaza-Streifen an der Spitze der radikal-islamischen Organisation stand. Rantissi sei persönlich für Dutzende von Anschlägen auf Israelis verantwortlich gewesen, begründete ein Armeesprecher die Aktion.

"Israel hat heute einen Drahtzieher des Terrorismus getroffen, der Blut an den Händen hatte", sagte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums. "So lange die Palästinenser-Regierung keinen Finger zur Bekämpfung des Terrorismus hebt, muss Israel dies selbst tun."

Die Online-Ausgabe der israelischen Zeitung "Jediot Achronot" meldete, es seien aus der Luft zwei Raketen auf das Fahrzeug Rantissis abgefeuert worden. Der Angriffsort auf Rantissi ist nur knapp 100 Meter von dem Grab Jassins entfernt, der vor knapp vier Wochen bei einem israelischen Raketenagriff getötet wurde.

Israel hatte bereits am 10. Juni einen Anschlag auf Rantissi unternommen und mehrere Raketen auf sein Auto abgefeuert, das völlig ausbrannte. Der Hamas-Führer entkam verletzt; über die weiteren israelischen Drohungen sagte er: "Wir müssen alle irgendwann sterben. Ob durch einen Apache-Hubschrauber oder einen Herzstillstand - ich würde den Apache vorziehen."

London verurteilt Liquidierung Rantissis

Wütende Palästinenser liefen nach der Tötung Rantissis auf die Straße und forderten Rache an Israel. Der palästinensische Kabinettsminister Sajeb Erakat warf Israel Staatsterrorismus vor. "Wir verurteilen in den schärfsten möglichen Worten die Ermordung von Dr. Rantissi", sagte Erakat. "Das ist Staatsterrorismus, und die israelische Regierung ist voll für die Folgen aus dieser Tat verantwortlich." In Damaskus sagte Moussa Abu Marzuk, ein hohes Hamas-Mitglied, die Organisation habe das Recht, den Tod Rantissis zu rächen.

Getötet: Hamas-Führer Rantissi
AP

Getötet: Hamas-Führer Rantissi

Der israelische Oppositionspolitiker Jossi Beilin beschuldigte die Regierung, den Gaza-Streifen "im Blut zu ertränken". Die Liquidierungspolitik zerfresse die israelische Demokratie. "Israel muss um unserer selbst Willen mit dieser Politik aufhören, die vor allem uns schadet, ungeachtet der verachtenswürdigen Taten Rantisis", sagte Beilin. Israel wecke auf der palästinensischen Seite einen "Rachedurst, der die Abtrennung des Gaza-Streifens in einen Albtraum verwandeln" werde.

Großbritannien verurteilte die Tötung Rantissis als illegal und kontraproduktiv. "Die britische Regierung hat wiederholt deutlich gemacht, dass so genannte 'gezielte Attentate' dieser Art ungesetzlich, ungerechtfertigt und kontraproduktiv sind", hieß es in einer Erklärung von Außenminister Jack Straw.

Selbstmordanschlag am Kontrollpunkt

Erst vor knapp vier Wochen hatte Israels Regierungschef Ariel Scharon den Hamas-Gründer Jassin mit einem Raketenangriff töten lassen. Israel erklärte damals, auch alle anderen Führer der Hamas könnten zum Ziel von Angriffen werden. Rantissi, der zu den Hardlinern der Organisation gehört und jede Einigung mit Israel ablehnte, stand als Nachfolger Jassins im Gaza-Streifen ganz oben auf der Todesliste.

Die Tötung Rantissis erfolgte Stunden nach einem palästinensischen Selbstmordanschlag auf den Eres-Kontrollpunkt zwischen dem Gaza-Streifen und Israel, bei dem am Samstag ein israelischer Soldat getötet und mehrere Israelis verletzt worden waren. Die radikale Fatah-Splittergruppe Al-Aksa-Brigaden und der bewaffnete Flügel der Hamas-Organisation hatten sich gemeinsam zu der Tat bekannt. Der Attentäter hatte sich der Industriezone bei Eres genähert und dann den Sprengsatz in der Nähe israelischer Wachleute gezündet. Es ist war dritte Selbstmordanschlag am Eres-Übergang in diesem Jahr.

Nach der Wende des US-Präsidenten George W. Bush in der Nahost-Politik hatte Palästinenserpräsident Jassir Arafat gesagt, niemand sei dazu befugt, "Land oder Rechte der Palästinenser aufzugeben". Bush hatte nach einem Treffen mit Scharon in Washington mitgeteilt, eine vollständige Räumung des Westjordanlands sowie eine Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge nach Israel seien unrealistisch.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.