Nahost Anschlag auf Rabbinerschule in Jerusalem - mehrere Tote

Die Attentäter kamen verkleidet als orthodoxe Juden, dann schossen sie um sich: Bei dem Anschlag auf ein Rabbinerseminar in Jerusalem hat es mindestens sieben Tote gegeben. Mehrere Dutzend Menschen wurden verletzt. In Gaza feierten Palästinenser die Tat.


Jerusalem - Zwei Attentäter waren laut dem israelischen TV-Sender Channel 10 in die Religionsschule Merkas Harav in Jerusalem eingedrungen. Im Speisesaal, wo rund 80 Menschen versammelt waren, schossen sie um sich. Die Angreifer sollen sich nach Angaben der Polizei als orthodoxe Juden verkleidet haben. Ein dritter Mann ist möglicherweise geflüchtet.

Den Rettungskräften zufolge sind unter den sieben Toten fünf Schüler und zwei Angreifer. Von den rund 35 Verletzten sollen 15 schwer verwundet worden sein. Ein Arzt sagte im israelischen Fernsehen, die Szenerie sei furchtbar. "Tote und Verletzte überall, es ist schrecklich."

Der Jerusalemer Polizeichef Schmuel Ben Rubi erklärte, ein Attentäter habe einen Gurt getragen, den Beamte zunächst für einen Sprengstoffgürtel gehalten hätten - später habe sich jedoch herausgestellt, dass es sich um einen Munitionsgürtel gehandelt habe.

Die Rabbinerschule, die sich im Jerusalemer Viertel Kirjat Mosche befindet, wurde evakuiert. Einsatzkräfte durchkämmten jeden Raum. Hunderte Polizisten sperrten das Areal ab. Mindestens 30 Krankenwagenwaren im Einsatz.

Die Talmud-Schule ist ein bekanntes Studienzentrum. Ihm werden enge Verbindungen zur Führung der jüdischen Siedler im Westjordanland nachgesagt. Die meisten Schüler sind im Oberstufen-Alter. Wer hinter der Tat steckt, ist noch unklar.

Im vergangen Jahr gab es in Jerusalem keine Anschläge militanter Palästinenser. Die israelischen Sicherheitskräfte haben erklärt, viele Attentate vereitelt zu haben. Zwischen 2001 und 2004, dem Höhepunkt der israelisch-palästinensischen Kämpfe, war Jerusalem häufig der Schauplatz palästinensischer Anschläge, darunter zahlreiche Selbstmordattentate auf Busse.

Der Jerusalemer Bürgermeister Uri Lupolianski sprach im Fernsehen von einem "sehr traurigen Abend" für die Stadt: "Viele Menschen wurden im Herzen Jerusalems getötet."

Zu der Tat bekannte sich nach Angaben eines Senders der libanesischen Hisbollah-Miliz die bislang unbekannte Gruppe Kataeb Ahrar el Dschalil ("Brigaden der freien Männer von Galiläa"). Es handele sich um die Gruppe des im Februar getöteten Hisbollah-Anführers Imad Mugnieh und der "Märtyrer" des Gazstreifens, hieß es in dem Bericht.

Ein Sprecher der radikalislamischen Hamas bezeichnete den Anschlag als "normale Antwort auf die Verbrechen der Besatzungsmacht" Israel. Ein Bekenntnis zur Täterschaft seiner Gruppierung gab er aber nicht ab. Die israelische Regierung kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Hintermänner an. "Wir werden die Terroristen weiter bekämpfen", sagte Regierungssprecher Arie Mekel. "Die Terroristen versuchen, die Chancen auf Frieden zu töten."

US-Präsident George W. Bush hat die Tat in aller Schärfe verurteilt. "Dieser barbarische und teuflische Anschlag muss von jeder Nation verdammt werden", sagte Bush laut einer Mitteilung des Weißen Hauses in einem Telefongespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert. Ähnlich reagierte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): "Der heutige Anschlag in Jerusalem erfüllt mich mit Entsetzen. Ich verurteile diesen verbrecherischen Akt auf das Schärfste. Unser Mitgefühl gilt in dieser schweren Stunde den Familien und Angehörigen der Opfer," sagte er in Berlin.

Nach Bekanntwerden der Bluttat strömten in Gaza Palästinenser auf die Straße und feuerten Freudenschüsse in die Luft. "Dies ist die Rache Gottes", war aus Lautsprechern zu hören. Erst vor kurzem hatte dort das israelische Militär eine Offensive gegen Extremisten beendet, bei der mehr als 120 Menschen ums Leben gekommen waren.

ler/AP/dpa/Reuters/AFP



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