Nahost Der Türsteher der Hölle

"Wir lieben den Tod, ihr liebt das Leben!" - je eher die Europäer begreifen, wie ernst der Satz gemeint ist, umso besser. Auch Scheich Jassin liebte den Tod mehr als das Leben. Sein mutmaßlicher Nachfolger Rantisi ist ein grundehrlicher Mann, der meint, was er sagt: Er will Israel vernichten.

Von Henryk M. Broder


Terror-Drahtzieher Abdel Aziz Rantisi: "Den zionistischen Staat zerstören"
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Terror-Drahtzieher Abdel Aziz Rantisi: "Den zionistischen Staat zerstören"

Man freut sich ja immer, wenn alte Bekannte es zu etwas bringen. Ich traf Abdel Asis Rantisi, der als einer der Nachfolger des von den Israelis liquidierten Scheich Jassin gilt, vor einigen Jahren in seinem Haus im Gaza-Streifen. Einen Interview-Termin bei ihm zu bekommen, war viel einfacher, als ich es angenommen hatte. Ein Anruf von einem palästinensischen Kollegen, der gegen Honorar Interviews vermittelte und bei Bedarf auch übersetzte, genügte, und schon saßen wir uns in seinem geräumigen Wohnzimmer, das mit schweren Sofas möbliert war, gegenüber.

Rantisi beantwortete jede Frage sehr offen und sehr routiniert, denn es wurden ihm immer dieselben Fragen gestellt, und er gab immer dieselben Antworten. Was mir an ihm gefiel, was ich schätzte, war, dass er im Gegensatz zu den Sprechern der PLO grundehrlich war und nicht einmal den Versuch unternahm, nett, kompromissbereit und pragmatisch zu erscheinen Während die PLO-Leute einem was von der "Two-States-Solution" erzählten und augenzwinkernd hinzufügten, irgendwann werde es natürlich einen Staat in "all of Palestine" geben, während sie bei der Frage nach der Zulässigkeit terroristischer Mittel rumlavierten - kein Terror gegen Zivilisten, nur gegen militärische Ziele, was aber militärische Ziele wären, müsse man von Fall zu Fall entscheiden - war Rantisi vollkommen klar und eindeutig.

"Besetzte Gebiete" waren für ihn nicht nur der Gaza-Streifen und die Westbank, sondern der ganze zionistische Staat, einschließlich Haifa, Tel Aviv und Ramat Gan. Das Wort "Israel" nahm er nicht einmal in den Mund. Frieden im Nahen Osten werde es erst geben, wenn der zionistische Staat aufgehört habe zu existieren, wenn die Juden dahin zurückgegangen wären, woher sie gekommen waren: Polen, Russland, Deutschland, Amerika, Marokko und so weiter.

Auf meine Frage, wie lange er denn für dieses Ziel kämpfen wolle, ob es nicht besser wäre, sich auf einen "territorialen Kompromiss" zu verständigen, schaute er mich an, als hätte ich ihm vorgeschlagen, nach Moskau statt nach Mekka zu beten, und antwortete, die Palästinenser hätten sehr viel Zeit und seien zu sehr vielen Opfern bereit. Die Zeit arbeite gegen die Zionisten, auch die Kreuzfahrer seien erst nach 2oo Jahren aus Palästina vertrieben worden.

Ich war beeindruckt, fand seine Position vollkommen irre, aber in sich kohärent. Nur als Nachbarn mochte ich ihn mir nicht vorstellen. Und ich fragte mich: Was machte Rantisi, wenn er nicht im Namen der Hamas Interviews gab? Wovon lebte er? Dies war die einzige Frage, die Rantisi nicht beantworten wollte. Er hob einfach die Hände nach oben und schaute zur Zimmerdecke, als käme alles, was er brauchen würde, vom Himmel.

Dabei unterhielt er einen großen Hofstaat, ständig kamen junge Männer rein, überbrachten ihm Nachrichten, reichten ihm das Telefon oder flüsterten ihm irgendwas ins Ohr. Frauen waren nicht zu sehen. Sogar der Tee und der Kaffee wurden von Männern serviert.

Eine knappe Stunde später saß ich in einem Tel Aviver Cafe und kam mir vor, als wäre ich eben in einem Kino gewesen und hätte einen B-Movie gesehen, der auf der Erd abgewandten Seite des Mondes spielte. Das kann nicht wahr gewesen sein! Es konnte nur eine logische Erklärung für Rantisis Auftreten aufgeben: Er war ein israelischer Agent.

Denn alles, was er sagte, war Wasser auf die Mühlen der israelischen Propaganda: "Es hat keinen Sinn mit den Palästinensern zu reden, sie wollen uns nur vernichten, jeder Quadratmeter Boden, den wir aufgeben, bringt uns dem Untergang näher. Es geht nicht um friedliche Ko-Existenz, sondern ums Überleben. Entweder die oder wir!"

Und kaum war Scheich Jassin tot und begraben, präsentierte sich Rantisi als dessen Erbe und Nachfolger und drohte, die Israelis hätten mit dem Anschlag auf den Hamas-Führer "das Tor zur Hölle" aufgemacht. Das freilich sagt er schon seit Jahren, immer dann, wenn Israel seine Soldaten, Panzer und Raketen losschickt.

Wie soll es hinter dem Tor zur Hölle aussehen? Werden die Israelis demnächst täglich mit Anschlägen in Cafes, Supermärkten, Bussen und Fußgängerzonen rechnen müssen? Wird kein Israeli mehr seines Lebens sicher sein, wenn er morgens das Haus verlässt, um zur Arbeit oder zur Schule zu fahren? Was erwartet die Israelis, das sie nicht längst kennen?

Rantisis Logik ist sehr einfach. Da der "zionistische Staat" illegitim und illegal ist, ist alles, was die Zionisten machen, ebenfalls illegitim und illegal. Ein Recht auf Selbstverteidigung haben sie nicht. Dagegen ist alles, was die Palästinenser unternehmen, legal und legitim, denn sie sind politisch und moralisch im Recht. Sogar dann, wenn sie eigene Kinder mit Sprengstoff beladen und in den Märtyrertod schicken. Nach israelischen Angaben sind in den vergangenen dreieinhalb Jahren 29 Selbstmordanschläge von Palästinensern begangen worden, die jünger als 18 Jahre waren.

Erstaunlicherweise löst diese Tatsache weniger Empörung aus (genau genommen: gar keine) als die Tötung eines Frömmlers, der "kein unschuldiges Opfer" war, der "Blut an beiden Händen" hatte, wie es Claus Kleber beinah zärtlich am Tag von Jassins Ableben formulierte. Wer ein paar Tage später den 14-jährigen palästinensischen Jungen gesehen hat, der einen Sprengstoffgürtel unter seiner Jacke trug und mit Hilfe eines Roboters "entwaffnet" wurde, der kann kein Mitleid mit denjenigen empfinden, die ihn opfern wollten.

Die Palästinenser haben eine Form des Menschenopfers entwickelt, die in der jüngeren Geschichte einmalig ist - auch unter Völkern, die gegen eine Besatzungsmacht kämpfen. In einer SPIEGEL-TV-Dokumentation war vor kurzem eine palästinensische Mutter mit ihrem etwa zweijährigen Sohn auf dem Arm zu sehen, die sich jetzt schon darauf freute, dass der Kleine mal ein Märtyrer werden würde. Dagegen war die "stolze Trauer", mit der Eltern im Dritten Reich den Heldentod ihrer Söhne bekannt gaben, geradezu eine humane Geste.

Die Palästinenser nutzen den Kampf gegen die Besatzung auch, um soziale Problemfälle zu entsorgen. Der 14-jährige Junge war vermutlich geistig behindert, eine junge Frau, die sich in Israel in die Luft sprengte, soll Ehebruch begangen und Schande über ihre Familie gebracht haben. Der vermeintliche Selbstmord diente der Wiederherstellung der Familienehre. So kann das Heroische mit dem Praktischen verbunden werden.

Es spricht vieles dafür, dass Abdel Rantisi mit seiner Vorhersage richtig liegt: Die Palästinenser haben endlos viel Zeit und sind zu vielen Opfern bereit. Die israelischen Gutmenschen propagieren dagegen die Losung: "Peace Now!" Und sogar wenn sie sich durchsetzen, die besetzten Gebiete aufgeben und den Staat Israel auf den Strand und die Promenade von Tel Aviv reduzieren würden, wäre der Konflikt nicht vorbei. Denn es geht nicht um Freiheit, Selbstbestimmung und Territorien, es geht um Ehre, Helden- und Märtyrertum.

"Wir lieben den Tod, ihr liebt das Leben", haben die Attentäter von Madrid mit frischem Blut den Europäern ins Gästebuch geschrieben. Je eher die Europäer begreifen, wie ernst dieser Satz gemeint ist, umso besser. Auch Scheich Jassin liebte den Tod mehr als das Leben. Er hat zahllose Menschen, Palästinenser und Israelis, in den Tod geschickt. Am Ende hat er bekommen, wonach er sich gesehnt hat.

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