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Nahost-Dialog: Oase der bitteren Wahrheiten

Von Franziska Gerhardt

Zwei-Staaten-Lösung: Der Palästinenser Ghassan Khatib und der Israeli Yossi Alpher sind selten einer Meinung - aber sie wollen wenigstens miteinander diskutieren können. Weil die Sperranlagen zwischen ihren Völkern ein Treffen schwer machen, zogen sie mit ihrem Diskussionsforum ins Internet.

Bilder, Farbe, schickes Layout? Fehlanzeige. Die Website www.bitterlemons.org sieht auf den ersten Blick sehr schlicht aus, um nicht zu sagen öde. Doch hinter dem reduzierten Design verbirgt sich eine der spannendsten Kooperationen des Nahen Ostens.

Yossi Alpher (l.), Ghassan Khatib: Respekt vor der Meinung des anderen

Yossi Alpher (l.), Ghassan Khatib: Respekt vor der Meinung des anderen

"Wir möchten es kurz und einfach halten: ein Thema, dazu vier Meinungen - zwei von israelischer, zwei von palästinensischer Seite", erklärt Yossi Alpher das Konzept. Die Streitfrage der Woche wählen der Israeli Alpher und der Palästinenser Khatib zusammen aus. Dabei wird keine Kontroverse ausgespart, im Gegenteil: Israels umstrittener Außenminister Lieberman, die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge, die gezielten Tötungen führender Hamas-Mitglieder durch die israelische Armee.

Beide Seiten haben genau den gleichen Platz für ihre Meinungen - unerlässlich für die Glaubwürdigkeit. Auch die Autoren wählen die Herausgeber unabhängig voneinander aus. "Wir waren selbst überrascht, dass das nie ein Problem war", so Alpher. "Selbst extreme Gruppen wie jüdische Siedler oder Hamas-Mitglieder äußern sich. Das beweist doch: Palästinenser und Israelis aller Couleur wollen sich austauschen."

Getrennte Gesellschaften

"Die beiden Zivilgesellschaften sind heute vollkommen getrennt", erklärt Ghassan Khatib. "Israel lässt kaum Palästinenser einreisen - das ist bekannt. Dass die allermeisten Israelis ebenfalls nicht nach Palästina können, wissen dagegen nur wenige. Für Yossi und mich bleibt als einzige Möglichkeit eine offizielle Einladung in ein drittes Land. Also sehen wir uns nur etwa einmal im Jahr."

Dass die zwei sich überhaupt über den Weg gelaufen sind, liegt an ihren Biografien. Der Israeli Alpher arbeitet zwölf Jahre beim Auslandsgeheimdienst Mossad. Dann geht er an die Universität Tel Aviv. Sein Forschungsthema: Lösungsansätze für den Nahost-Konflikt. Auf einer Konferenz in Boston trifft er Ghassan Khatib, in England promovierter Gründer des Jerusalem Media and Communication Centre. Das JMCC ist eine der wenigen unabhängigen Informationsquellen in den palästinensischen Gebieten.

Die Männer fangen an zu diskutieren. Einig sind sie sich fast nie. Nur in zwei Punkten stimmen sie überein: In Zukunft muss es zwei Staaten geben, einen israelischen und einen palästinensischen. Und: Diese Lösung wird es nur dann geben, wenn man miteinander redet. Doch ein Dialog findet kaum statt. Also streiten sie weiter. Auch ihre politischen Karrieren setzen sich fort: Alpher berät Israels Ex-Ministerpräsidenten Ehud Barak, Khatib wird Arbeitsminister in mehreren palästinensischen Kabinetten.

Zusammen brüten sie die Idee für "Bitterlemons" aus. Geplant ist zunächst eine Druckausgabe. Doch dafür sind die Umstände denkbar ungünstig: Regelmäßig schließt Israel die Grenzübergänge, oft für Wochen. Für Khatib wird es immer schwieriger, in sein Jerusalemer Büro zu kommen. Ein Weg aber bleibt frei - der durch ein Internet-Kabel.

Der Name der Zeitschrift ist von Lawrence Durrells Buch "Bitter Lemons" inspiriert, das von der politischen Situation auf Zypern in den fünfziger Jahren handelt. Beiden Herausgebern gefällt der Titel, da er an die harte Realität in einem umkämpften Territorium erinnert und gleichzeitig leicht und eingängig ist. Auch einen praktischen Grund gibt es für die Wahl: Der Domain-Name war noch frei.

Die erste Ausgabe erscheint im November 2001. Seitdem kommen jede Woche neue Artikel. "Wir haben nie eine Ausgabe verpasst, nicht mal, als Ramallah unter Beschuss stand", erzählt Alpher.

Bei der Autorensuche hilft, dass die Herausgeber hervorragend in der politischen Landschaft vernetzt sind. Hier ist ihr Forum einzigartig: Wo sonst gibt es Interviews mit Hamas-Mitbegründer Abd al-Asis al-Rantisi und Israels Staatspräsidenten Schimon Peres zu lesen?

"Kein verständlich dargelegter Standpunkt ist tabu"

Zensiert wird nicht. So erklärte Rantisi im April 2004 seine Hoffnung, den "Sieg der Palästinenser" noch zu erleben. Die "zionistische Einheit" könne durchaus auf der Höhe ihrer Macht kollabieren - ebenso sei es schließlich Deutschland und der Sowjetunion ergangen. Einen Tag nach dem Interview tötete die israelische Armee Rantisi durch einen gezielten Raketenangriff.

Peres drückte Ende 2002 seinen anhaltenden Optimismus für Frieden im Nahen Osten aus. Seine Sicht der jüngsten Geschichte ist aufschlussreich: "Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Kommunismus das zentrale Problem. Heute ist es der Terrorismus. Und diese Unterscheidung schmeichelt dem Kommunismus noch - denn der war nie so aggressiv wie der Terrorismus."

Auffallend ist die unterschiedliche Rhetorik. Viele Ausdrücke sind deutliche Hinweise auf die politische Position des Autors. Nicht nur Rantisi weigerte sich, den Begriff "Israel" überhaupt in den Mund zu nehmen - das käme einer Anerkennung des Staates gleich. Die Herausgeber bemühen sich um Ausgewogenheit und wählen möglichst neutrale Begriffe, um keinen Leser zu verprellen.

Tatsächlich geht das Konzept auf. Inzwischen hat die Seite nach eigenen Angaben über zwei Millionen Besucher jährlich, und jede Ausgabe wird per E-Mail an 14.000 Abonnenten verschickt. Größter Geldgeber: die Europäische Union. Yossi Alpher hofft nach drei bewilligten Anträgen auf einen vierten. Davon werden die Autoren und ein fest angestellter Redakteur bezahlt. Die Artikel sind umsonst, Werbung gibt es nicht. Klassischer Vorteil des kostenlosen Content: Jeder mit einem Internet-Anschluss kann die Texte lesen, kopieren, übersetzen und weitergeben.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte
"Unsere Artikel stehen auf syrischen und iranischen Websites, in der libanesischen und israelischen Presse. Sie werden in acht oder neun Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche", erzählt Alpher. Er arbeitet inzwischen hauptberuflich für das Forum. Khatib dagegen ist einer der Vizepräsidenten der palästinensischen Birzeit-Universität.

Die weltweiten Zusammenhänge werden seit Juli 2003 in einer internationalen Ausgabe verhandelt. Hier streitet man über die USA und Iran. Eine Kommentar- oder Chatfunktion haben die Betreiber auch hier nicht eingerichtet. Die Gefahr eskalierender Online-Diskussionen sei zu groß.

Dem Vorwurf, mit ihren englischen Texten nur eine Minderheit zu erreichen, begegnen die Herausgeber gelassen. "Wir sind ein Projekt für Eliten", sagt Alpher. "Diese Eliten wollen Englisch lesen - auch die arabischen. Wir haben es ausprobiert und eine Zeit lang auch auf Arabisch und Hebräisch veröffentlicht. Selbst von den saudi-arabischen Nutzern haben weniger als zwei Prozent die arabische Version angeklickt." Den anderen Vorteil englischer Texte erklärt Khatib so: "Bitterlemons bekommt im Westen viel Aufmerksamkeit, weil bei uns israelische Autoren schreiben. Das ist traurig, aber wahr. Viele Amerikaner und Europäer sind immer noch blind für die palästinensische Sache."

Die Zukunft sehen beide Männer eher pessimistisch. "Eine Zwei-Staaten-Lösung wird es mit Premierminister Netanjahu und Verteidigungsminister Barak nicht geben", meint Alpher. "Weder die israelische Regierung noch die intern zerstrittene palästinensische Führung verhalten sich hilfreich", sagt auch Khatib. Allein die Wahl von US-Präsident Barack Obama sei eine positive Entwicklung.

Hoffnung auf Frieden gibt es trotzdem immer. Alpher und Khatib sind stur geblieben, gegen alle Widerstände. Es hat sich gelohnt: Ihre Website ist immer noch da.

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