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Verschärfung im Nahost-Konflikt: Hamas in höchster Not

Von , Tel Aviv

Gaza: Raketenhagel in Nahost Fotos
AFP

Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas ist Geschichte, in Nahost fliegen wieder Raketen. Israelische Hardliner fordern bereits einen Einmarsch. Doch ein offener Krieg wäre eine Katastrophe für das darbende Volk im Gaza-Streifen - und für die Hamas selbst.

Der Nahost-Konflikt und seine Eskalation lassen sich mittlerweile fast in Echtzeit betrachten. Der israelische Sender Channel 10 sendet in Dauerschleife die Bilder einer Drohne über dem Gaza-Streifen. Aus der Vogelperspektive sieht man Männer, die kindsgroße silber-weiße Zylinder in den Erdboden stecken, dann laufen sie davon, um Schutz hinter Büschen oder Olivenbäumen zu suchen.

Man sieht den Abschuss, Staub, das Bild wird weggezoomt; als grafische Hilfestellung malt die Technik rote Kreise um die Abschussstellen. Aus dem Off tönt die Bassstimme des Premierministers: "Wenn es keine Ruhe für den Süden Israels gibt, wird es auch für den Gaza-Streifen keine Ruhe geben."

Die Internetseiten der israelischen Zeitungen zählen die Geschosse, die man im Fernsehen fliegen sieht. Seit Mittwochnachmittag geht der Konflikt in Nahost in eine neue Runde.

Als Antwort auf eine sogenannte "gezielte Tötung" dreier seiner Kämpfer durch die israelische Armee - eine Operation auf palästinensischem Gebiet, also im Gaza-Streifen - beschoss der Islamische Dschihad, eine militante Splittergruppe, den israelischen Süden mit Dutzenden Raketen. Die israelische Luftwaffe griff daraufhin in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag mehr als 30 "infrastrukturelle Ziele", so nennt die Armee das, im Gaza-Streifen an.

Damit ist der Waffenstillstand, der nach der letzten Eskalation im November 2012 zwischen Hamas und Israel vereinbart wurde, endgültig aufgekündigt.

Und genau hier liegt das Problem. Denn obwohl sie die israelische Armee dafür haftbar macht, zeichnet die Hamas nicht verantwortlich für den jüngsten Raketenhagel auf Israel. Ein Krieg mit Israel ist in etwa das Letzte, was die geschwächten Islamisten im Augenblick gebrauchen können, denn ihre De-facto-Regierung im Gaza-Streifen kämpft ums politische Überleben.

Die Hamas ist isoliert wie nie zuvor. Ihren alten Bündnispartner Iran hat sie verprellt, indem sie sich im Syrien-Krieg demonstrativ auf die Seite der Rebellen stellte. Mit ihrer Unterstützung von Mohammed Mursi und seiner ägyptischen Muslimbruderschaft hatte sie offenkundig aufs falsche Pferd gesetzt.

"Den Stall endlich gründlich ausmisten"

In bittere Ironie verkehrt hat sich mittlerweile der Vorsatz, mit dem sie nach ihrem Wahlsieg 2006 angetreten war: Die Hamas wollte den Alltag der Palästinenser lebenswerter machen.

Seit Juli haben sich die Lebensbedingungen der 1,7 Millionen Einwohner des Küstenstreifens rapide verschlechtert. Nur noch zwei Stunden Strom täglich hat ein Durchschnittshaushalt in Gaza. Die Wasserversorgung ist mangelhaft, die Klärwerke funktionieren wegen der Stromknappheit nicht mehr. Manche Straßen werden mit Abwässern regelrecht geflutet.

Seit die ägyptische Armee nahezu alle Schmuggeltunnel zwischen der Sinai-Halbinsel und dem Gaza-Streifen zerstört hat, fehlt es an allem. Denn entgegen der landläufigen Meinung wurden über diese Tunnel nicht nur Waffen oder Sprengstoff geschmuggelt, sondern vor allem günstige Grundnahrungsmittel, Medikamente, Baumaterial und billiger Treibstoff aus Ägypten.

Die Preise für Lebensmittel sind in den vergangenen Monaten derart gestiegen, dass der Generalkommissar des Uno-Flüchtlingshilfswerks bereits im November vor einer humanitären Krise warnte. Gaza, sagte er, sei auf direktem Wege, unbewohnbar zu werden. Vor zwei Tagen machte auch die EU in einem Bericht auf die "gefährliche humanitäre und wirtschaftliche Situation" im Gaza-Streifen aufmerksam.

Wenn nun zu den sowieso schon schweren Lebensbedingungen noch ein militärischer Konflikt mit Israel kommt, könnte die Verzweiflung der Bevölkerung in Rebellion gegen die Hamas-Regierung umschlagen; etwas, was der Islamische Dschihad - von Iran unterstützt - bei seiner Provokation durchaus bedacht haben mag.

Hardliner fordern Einmarsch in Gaza

Für die Israelis in der Position des Stärkeren sieht die Sache anders aus. Einerseits kann Israel bei der wachsenden Kritik an seiner Besatzungspolitik kein Interesse haben, zum x-ten Mal Bilder des zerbombten Gaza-Streifens um die Welt gehen zu sehen. Andererseits gibt es in Militär- und Geheimdienstkreisen Überlegungen, die Gunst der Stunde und damit die Isolation der Islamisten für sich zu nutzen. Jetzt, wo Hamas selbst auf der Terrorliste der ägyptischen Nachbarn steht.

Laut ausgesprochen hat diese Überlegungen der israelische Außenminister Avigdor Lieberman, der selten ein Blatt vor den Mund nimmt: Es gebe gar keine andere Wahl als den Einmarsch in den Gaza-Streifen, sagte Lieberman am Mittwoch.

Die Begründung: "Das ermöglicht uns, den Stall endlich gründlich auszumisten." Soll heißen: Die Waffendepots, die man jetzt zerstören könnte, würden so schnell nicht mehr aufgefüllt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. optional
richardheinen 13.03.2014
Irgendeinen Verrückten - sei es auf israelischer, sei es auf palästinensischer Seite - gibt es immer wieder. Und schon spricht der gerade Getroffene von Rache und Vergeltung, bei deren Ausführung natürlich auch die andere Seite nicht zögert, Rache und Vergeltung zu üben. In diesem Konflikt wird keine Seite schlauer. Ausbaden müssen diese Dauerspirale die Zivilisten.
2. Israel weiss genau um das Pulverfass
ralphitschik 13.03.2014
Zitat von sysopAFPDer Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas ist Geschichte, in Nahost fliegen wieder Raketen. Israelische Hardliner fordern bereits einen Einmarsch. Doch ein offener Krieg wäre eine Katastrophe für das darbende Volk im Gaza-Streifen - und für die Hamas selbst. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nahost-hamas-muss-konflikt-mit-israel-fuerchten-a-958461.html
Die Orthodoxen werden bald Armeedienst leisten müssen; da blebt zu hoffen, dass die geläutert werden und jeglichem Hass abschwören. Denn diese Scharfmacher, Hardliner und Zündler verstehen ES unwiderbringlich, ihr Land zu riskieren. Wenn nicht sie dann der Untergang. Unter den ICD-F Krankheiten ein bekanntes Syndrom. Weil, die Arabellion ist nicht der Iran!
3.
Ty Coon, 13.03.2014
Die Hamas sollte sich, der Welt und vor allem der palästinensischen Jugend einen Gefallen tun und sich endlich auflösen. Die Jugend hat ein Recht auf ein Leben in Frieden! Dem steht die Hamas nur im Weg.
4. Der Waffenstillstand zwischen
Luna-lucia 13.03.2014
wer gegen wen? Es wäre soo einfach - gäbe es keine Religionen! Oder wer ist letztendlich Schuld, an all diesen verrückten Kriegshandlungen? Wer denkt an die Kinder, in diesem Land? An arme Mädchen besonders. weil die immer noch nach den Jungen kommen - lol, auch religionsbedingt! Wenn es einen "lieben Gott" ~ Allah ... wie auch immer gibt, es wird bald mit ein paar riesen Kometen, nach uns werfen! Für welche Seite soll es sich denn entscheiden, wenn jede Religion meint, nur ihre Ansichten sind die einzig wahren ...
5. Die Vergangenheit zeigt auf
lackehe 13.03.2014
dass es möglich war, ein Volk zu vertreiben, welches nun zurückgekommen ist. Es muss also auch weiterhin möglich sein, dass ein vertriebenes Volk eines Tages zurück kommt. Wenn es dann in friedlicher Absicht kommt, sich ansiedelt und nicht mit Geschossen beworfen wird, könnte man sogar gemeinsam in Frieden leben. Es leben Menschen in Palästina, Israelis oder Hamastinenser, aber keine Palästinenser (diese Bezeichnung allein zeigt aus Sicht einer Welt auf, dass sie die Menschenrechte missachtet und einer Vertreibung das Wort redet). Vor dem norddeutschen Bund sah es in Deutschland/Europa nicht anders aus.
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