Nahost Hamas treibt die Eskalation voran

Die Hamas feuert Kassam-Raketen auf Israel, die Regierung Olmert antwortet mit Flugzeugangriffen, dutzende Menschen sterben. Die radikal-islamischen Palästinenser wollen Israel zermürben - und von internen Problemen im Gaza-Streifen ablenken.


Tel Aviv - Eskalation im Nahen Osten: Der Süden Israels ist unter Dauerbeschuss. Premier Ehud Olmert droht den radikalen Palästinensern im Gaza-Streifen mit Vergeltung, wenn sie die Raketenangriffe nicht einstellen: "Wir werden die Terroristen einen hohen Preis zahlen lassen." Zwar müsse Israel schmerzhafte Schläge einstecken, es werde jedoch noch viel schmerzhaftere austeilen, warnt Olmert. Dabei ist die Blutspur jetzt schon unübersehbar: Dutzende von Toten gab es bereits bei den Palästinensern in Gaza. Die Hamas-Führung hat sich vor israelischen Fliegerangriffen in den Untergrund geflüchtet.

Doch die Hamas lässt sich durch Olmert’s martialische Rhetorik nicht beeindrucken. Allein am Mittwoch gingen mehr als vier Dutzend Raketen auf israelischem Gebiet nieder. Dabei wurde ein Israeli getötet. Dass es nicht mehr Opfer gab, können Israelis nur mit "Glück gehabt" erklären: Eine Rakete schlug auf dem Parkplatz vor einem Spital ein.

Niemand vermag die Gewaltspirale zu stoppen. Verhandlungsbereitschaft? Nicht doch. Ich nicht, er auch – an diese Kindergartenlogik erinnert derzeit, was sich zwischen der radikal-islamischen Hamas und Israel abspielt. Beide beschuldigen sich, für die Eskalation verantwortlich zu sein, und beide behaupten, sich keiner Schuld bewusst zu sein.

Israel gehe mit gezielten Tötungen gegen Hamas-Aktivisten vor, reklamiert die Hamas - und rächt sich mit Raketen auf die Städte Sderot oder Aschkelon. Zum Beispiel gestern Morgen: Da wurde eine Gruppe militanter Hamas-Aktivisten getötet, die dabei waren, eine "größere Tat" auszuführen – das zumindest vermutete der israelische Geheimdienst und nahm die Terroristen ins Visier.

Israel droht mit Bodentruppen

Die Antwort der Hamas ließ nicht lange auf sich warten: Ein Raketenhagel auf den Süden Israels. Worauf Israel mit neuen Militäraktionen versucht, gegen die Urheber der Raketen vorzugehen. Das Hickhack ist blutig: In den vergangenen 36 Stunden kamen mindestens 21 Palästinenser ums Leben. Die Eskalation war die israelische Antwort auf den Tod eines israelischen Zivilisten, der gestern durch eine Kassam-Raketen tödlich getroffen worden war.

Bisher hat Israel vor allem die Luftwaffe eingesetzt, um gegen die Kassam-Terroristen vorzugehen. Doch jetzt sei auch eine großangelegte Operation mit Bodentruppen eine "reale und greifbare” Antwort auf die Eskalation im Süden Israels, droht Verteidigungsminister Ehud Barak. Eine solche Operation, hofft er, würde den Beschuss der Städte Aschkelon und Sderot mit Kassam-Raketen ausschalten.

Während die Armee an Invasionsplänen arbeitet, bereitet Barak das diplomatische Terrain vor: Er wirbt um Verständnis für Israels Situation. So sprach er heute mit Tony Blair, dem Delegierten des Nahost-Quartetts, und dem einflussreichen ägyptischen Geheimdienstchef Omar Suliman. Israel könne die Lage im Süden des Landes nicht mehr länger hinnehmen, sagte er ihnen. "Kein Staat kann es zulassen, dass seine Bürger pausenlos mit Raketen beschossen werden", bringt ein Diplomat die Botschaft auf den Punkt: "Wir müssen handeln." Und Außenministerin Zipi Liwni erwartet von der Welt Verständnis, was auch immer geschehe: Die internationale Gemeinschaft solle alle Maßnahmen respektieren, die Jerusalem zum Schutz seiner Bürger beschließe, selbst wenn dabei aus Versehen palästinensische Zivilisten zu Tode kommen sollten.

Die Hamas hat ein Interesse an der Eskalation

Auch wenn die Hamas behauptet, von Israel provoziert zu werden: Sie hat ein handfestes Interesse an einer Eskalation der Krise. Denn im Gaza-Streifen kehrt sich die Stimmung gegen die Radikal-Islamisten. Nur noch eingefleischte Islamisten halten ihnen die Stange. Alle anderen werfen ihr vor, die Versorgungs-Misere mit ihrem sturen Anti-Israel-Kurs verursacht zu haben. Im Gaza-Streifen gibt es keinen Strom, kein Benzin, kaum noch Nahrungsmittel – und dafür macht eine Mehrheit nicht mehr allein Israel, sondern auch die Hamas verantwortlich.

Während sich im Gaza-Streifen öffentlicher Druck gegen die Hamas aufbaut, versucht die Hamas, von der sozialen Not der Bürger abzulenken. Nichts eignet sich da besser als eine Konfrontation mit dem Erzfeind Israel.

Zudem hoffen die Hamas-Politiker auf die Intervention einer dritten Macht. Die soll sich für die Palästinenser im Küstenstreifen verwenden: Zum Beispiel dafür sorgen, dass Israel die Grenzen nach Gaza öffnet. Offen ist nur, wer diese Rolle übernehmen soll, nachdem der ägyptische Geheimdienstchef seinen Besuch in Jerusalem abgesagt hat.

Deshalb setzt die Hamas auch auf die öffentliche Meinung in Israel. Die Radikal-Islamisten hören ganz genau hin, wenn im "zionistischen Gebilde" Meinungsumfragen publiziert werden. Gestern zum Beispiel hieß es: 64 Prozent der Israelis unterstützen Gespräche mit der Hamas-Regierung. Besonders gut hat den Frommen von Gaza die Erkenntnis der Umfrage gefallen, wonach die Mehrheit genug von den Kassam-Raketen habe, die seit sieben Jahren vom Gaza-Streifen aus auf die südisraelische Sderot abgefeuert werden.

Auch viele Politiker und sogar hohe Offiziere vertreten neuerdings die Ansicht, wonach ein Dialog mit der Hamas einer brutalen Konfrontation vorzuziehen sei. So warnt zum Beispiel Polizeiminister Avi Dichter vor einem Einmarsch in den Gaza-Streifen. Die Umsetzung dieser "populistischen Forderung" (Dichter) würde den Kassam-Attacken kein Ende setzen. Er musste gestern den Schrecken der Kassam-Raketen in Sderot am eigenen Leib erfahren. Während er zu Journalisten sprach, gab es Kassam-Alarm, und Leibwächter schoben Dichter vor laufenden Kameras aus der Gefahrenzone.

Mit Verve schürt die Hamas die Krise, um die Israelis zu zermürben, auf dass sie in einen Dialog einlenken. Doch ihre Eskalationstaktik könnte sich als kontraproduktiv erweisen. Unter Raketenhagel wird sich Olmert kaum zu einem Waffenstillstand bereit erklären. Das würde jedes Abschreckungspotential wertlos machen.

Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"



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