Nahost Hisbollah attackiert israelisches Kriegsschiff

Die radikal-islamistische Hisbollah hat ein israelisches Kriegsschiff angegriffen und schwer beschädigt. Hisbollah-Chef Nasrallah hatte zuvor die Attacke angekündigt und Israel den Krieg erklärt. Israels Regierungschef Olmert kündigte die Fortsetzung der Offensive im Libanon an.


Beirut/Jerusalem/New York - Der Zeitpunkt war ganz bewusst gewählt, er sollte die Unverwundbarkeit der Hisbollah beweisen: Mit massiven Luftangriffen hatte die israelische Armee am Abend das Hauptquartier der libanesischen Schiiten-Miliz und den Wohnsitz von Hisbollah-Chef Scheich Sajjed Hassan Nasrallah zerstört. Umgehend erklärte die Hisbollah, Nasrallah, seine Familie und seine Leibwächter seien bei dem Angriff unverletzt geblieben. Und wie zum Beweis: Weniger als eine Stunde nach den Bombardierungen meldete sich Scheich Nasrallah zu Wort. "Ihr wolltet einen offenen Krieg und wir sind bereit für einen offenen Krieg", verkündete Nasrallah, der nur im Standbild zu sehen war, im Hisbollah-eigenen TV-Sender Al Manar.

Nasrallah drohte Israel in der nur wenige Minuten dauernden Ansprache mit Angriffen tief in das Nachbarland hinein, auch "weit über Haifa hinaus" - dort, in der etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernten Hafenstadt, waren gestern Abend zwei Raketen eingeschlagen. "Unsere Häuser werden nicht die einzigen sein, die zerstört werden, unsere Kinder werden nicht die einzigen sein, die sterben", erklärte Nasrallah weiter - Israels Heereschef Dan Haluz hatte heute die militärische Potenz der libanesischen Miliz bestätigt: Er warnte heute im israelischen Fernsehen, die Hisbollah verfüge über Raketen mit einer Reichweite von mindestens 70 Kilometern.

In einem dramatischen Moment am Ende seiner Rede sprach Nasrallah ein israelisches Kriegsschiff vor der Küste Beiruts an, das nach einem Raketenangriff in Flammen stehe und mit zahlreichen israelischen Soldaten an Bord sinken werde. "Die Überraschungen, die ich Euch versprochen habe, beginnen jetzt", tönte Nasrallah. "Das ist erst der Anfang." Angaben der Nachrichtenagentur AP zufolge feierten Anhänger der Hisbollah die Ansprache Nasrallahs mit Freudenschüssen, die vor den Toren Beiruts zu hören waren.

Nur kurze Zeit später bestätigte die israelische Armee, ein Kriegsschiff sei von einer Rakete getroffen. Ob der Hinweis auf den Beschuss des Kriegsschiffes als Indiz auf eine Live-Übertragung der Rede Nasrallahs gewertet werden konnte, war unklar. Israel machte zunächst keine Angaben zum Zeitpunkt des Beschusses des Kriegsschiffes.

Der arabische Fernsehsender al-Dschasira berichtete, vier Soldaten von der Besatzung würden vermisst. Einige Stunden nach dem Angriff räumte die israelische Armee ein, das Schiff sei schwerer getroffen, als zunächst angenommen. Es sei von einem unbemannten und mit Sprengstoff ausgerüsteten Flugzeug getroffen worden und habe noch stundenlang gebrannt. Es wäre das erste Mal, dass die schiitische Miliz eine solche Waffe einsetzt. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, das Kriegsschiff sei auf dem Weg zurück nach Israel.

Olmert billigt neue Angriffsziele

Ungeachtet internationaler Appelle zur Mäßigung beschloss Israel heute die Fortsetzung seiner Offensive gegen den Libanon. Ministerpräsident Ehud Olmert gab am Abend nach Beratungen mit dem Generalstab grünes Licht für weitere Luftangriffe. Olmert habe eine Liste mit neuen Angriffszielen gebilligt, berichtete der öffentlich-rechtliche israelische Rundfunk. Genauere Angaben wurden nicht gemacht. Etwa zeitgleich fielen die Bomben auf den Sitz des Hisbollah-Chefs. Laut libanesischer Polizei wurden auch zwei Brücken im Süden Beiruts getroffen, eine davon in der Nähe der Botschaft des Iran. Auch der internationale Flughafen der Stadt war Ziel neuer Angriffe.

Die Hisbollah ihrerseits setzte die Raketenangriffe auf Israel fort. Sanitäter erklärten am Abend, bei einem neuen Raketen-Angriff aus dem Libanon auf den Norden Israels seien zwei Menschen getötet worden, darunter auch ein Kind.

Während einer Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrates verteidigte Israel sein militärisches Vorgehen im Libanon. Israels Uno-Botschafter Dan Gillerman sagte in der offenen Debatte, Israel habe "keine andere Wahl, als zu reagieren". Die Offensive sei eine "direkte Antwort auf einen Kriegsakt", antwortete Gillerman seinem libanesischen Kollegen Nouhad Mahmoud.

Mahmoud hatte in seiner Erklärung die israelischen Angriffe als "barbarische Aggression Israels" und "unverhohlene Verletzung aller Resolutionen, Gesetze, Konventionen und internationalen Sitten" bezeichnet. Mahmoud forderte den Sicherheitsrat und die Weltgemeinschaft auf, Israel zu einem Stopp seiner Angriffe zu bewegen. US-Präsident George W. Bush sagte Libanons Regierungschef Fuad Siniora laut Angaben aus dessen Umgebung zu, mäßigend auf Israel einzuwirken. Zu einem Stopp der Angriffe wolle Bush Israel jedoch nicht drängen, teilte sein Sprecher Tony Snow mit.

Israel stellt Bedingungen für Ende der Gewalt

Israel will seine Angriffe auf den Libanon erst nach der Entwaffnung der pro-iranischen Schiiten-Miliz Hisbollah einstellen. Ministerpräsident Olmert stelle drei Bedingungen für ein Ende der Offensive, sagte Regierungssprecherin Miri Eisin. Er verlange, dass die Hisbollah die beiden im Südlibanon entführten israelischen Soldaten freilasse, dass sie ihre Raketenangriffe einstelle und dass sie die Uno-Resolution 1559 erfülle.

Die Resolution sieht die Entwaffnung und Auflösung aller libanesischen und nicht-libanesischen Milizen vor. Wenn diese Bedingungen erfüllt seien, sei Israel zur Kooperation mit der Uno-Delegation von Generalsekretär Kofi Annan bereit, sagte Eisin weiter. Finnland kündigte im Namen der EU-Ratspräsidentschaft an, dass der EU-Chefdiplomat Javier Solana morgen zu Krisengesprächen in den Nahen Osten aufbrechen werde.

phw/AP/AFP/Reuters/dpa

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