Nahost In Ramallah weinen sie schon um Arafat

Hunderte Menschen versammeln sich zur Stunde in der Innenstadt von Ramallah und warten auf Gewissheit über den Zustand ihres todkranken Präsidenten Jassir Arafat. Sie sind hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung: Am Nachmittag hatte der Sender al-Arabia schon den Tod des "Rais" verkündet.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Trauernde Palästinenser in Ramallah: "Der Tag, an dem wir unseren Vater verlieren"
REUTERS

Trauernde Palästinenser in Ramallah: "Der Tag, an dem wir unseren Vater verlieren"

Ramallah - Es ist ein dramatischer und die Nerven aufreibender Abend für die Menschen in Ramallah. Als um 17 Uhr der Satellitensender al-Arabia unter Berufung auf "verlässliche Quellen" den Tod Arafats verkündete, da flossen die ersten Tränen. Hunderte Menschen verließen ihre Wohnungen, um sich auf der Sahat al-Manara, dem zentralen Platz von Ramallah, zu versammeln - in der Erwartung, dass sich bald die palästinensische Bevölkerung zu einem Trauermarsch zur Mukata, dem Amtssitz Arafats, aufmachen würde.

Doch nur eine Stunde später dementierte der palästinensische Außenminister Nabil Schaath von Paris aus, dass Arafat verstorben sei. "Er lebt, sein Herz schlägt noch", erklärte er der dort versammelten Presse. Al-Arabia und der Konkurrent al-Dschasira übertrugen live, und die ersten Palästinenser begaben sich wieder zurück in ihre Wohnungen, um bei Kaffee und Wasserpfeife nervös den weiteren Gang der Dinge abzuwarten. Jedem hier steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Nachbarn finden sich in einer Wohnung zusammen, niemand weiß, was er glauben soll, und Anekdoten und Erinnerungen aus dem Leben Arafats werden ausgetauscht.

Seit heute Morgen um elf Uhr Ortszeit die französischen Ärzte von einer ernsthaften Verschlechterung von Arafats Zustand berichtet hatten, waren die Einwohner von Ramallah darauf vorbereitet gewesen, dass heute der Tag sein würde, "an dem wir alle unseren Vater verlieren", wie es 28-jährige Bäcker Derar beschreibt. Schon am Nachmittag, als er mit seinen Kollegen und dazukommenden Fremden Kichererbsenbrei und Gemüseeintopf teilt, liefen ihm erste Tränen die Wange herab, die er sich verstohlen abwischte.

Wenig später rang dann auch Arafats Sekretär Tayyib Abd al-Rahim in einer eilig anberaumten Pressekonferenz in Ramallah mit den Tränen - und sprach bereits von Vorbereitungen für die Beerdigung. Diese solle nun doch nicht in Gaza oder Jerusalem sondern in der Mukata stattfinden, erklärte er. "Das ist gut", kommentierte Samer, ein 28 Jahre alter Student, "das ist ein angemessenes Symbol für die Durchhaltekraft, mit der Arafat hier während seines dreijährigen Hausarrests ausgehalten hat."

Anders als in den Tagen zuvor waren die meisten Palästinenser heute ernsthaft bereit, sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass Arafat wohl schon bald sterben wird - ein Eindruck, den die traurige Pressekonferenz Abd al-Rahims schon fast zur Gewissheit hatte werden lassen. Zuvor hatte es in den Straßen der heimlichen Hauptstadt der palästinensischen Gebiete stets geheißen: "Er lebt noch, Spekulationen über die Zukunft gehören sich nicht." Jetzt, sagt Derar, müsse man sich auf alles vorbereiten. Sein Land, ist er sich sicher, wird allerdings nach dem Tod Jassir Arafats nicht mehr dasselbe sein: "Palästina wird mit Abu Ammar seine Seele verlieren", glaubt der junge Mann.

Pressekonferenz mit Tränen

Während dann das palästinensische Fernsehen bereits mit Heldenliedern unterlegte Arafat-Filme ausstrahlte, platzte schließlich die Nachricht aus Paris auf die Mattscheiben, dass Arafat noch lebt. Zum Jubeln war allerdings niemandem zu Mute, Hoffnung auf eine Genesung Arafats ist auch nicht weit verbreitet. Alles ist nur noch auf die Frage des Todeszeitpunkts reduziert. "Ich habe mich trotzdem gefreut", sagte Latifa. "Ich habe einfach Angst, dass es irgendwann wirklich so weit ist." Dass die Palästinenser bereits zehn Tage Zeit hatten, sich psychisch auf den Verlust von Abu Ammar vorzubereiten, spielt keine Rolle.

"Wir werden heute Nacht alle aufbleiben", glaubt der Student Samer. "Niemand wird schlafen können." Die palästinensische Führung, so wurde am Abend in Ramallah angekündigt, wird nun "in den frühen Morgenstunden" zusammentreten und eine Erklärung abgeben. Jetzt glauben die meisten Einwohner Ramallahs, dass zu diesem Zeitpunkt offiziell der Tod des im Koma befindlichen Präsidenten bekannt gegeben wird.

Die widersprüchlichen Nachrichten der letzten Tage und insbesondere Stunden haben dafür gesorgt, dass die Palästinenser nur noch in die sehnsüchtig erwarteten Aussagen der Arafat-Gefährten und mutmaßlichen Nachfolger Abu Mazen und Abu Ala alias Mahmud Abbas und Ahmad Kurei Vertrauen legen. "Nur sie können seinen Tod verkünden, ohne dass wir noch weiter daran zweifeln", sagt Bäcker Derar. "Nur sie können uns von diesem schrecklichen Hin und Her erlösen."

Nabil Schath, der palästinensische Außenminister, der sich in Paris ausführlich der Presse stellte, ließ unterdessen wenig Zweifel daran, dass eine vollständige Genesung Arafats so gut wie ausgeschlossen ist: Der "Rais" leide an einer Hirnblutung und sei von Maschinen abhängig, so Schath. Sterbehilfe für den 75-Jährigen schloss er aus. Zudem erklärte er, dass bewiesen sei, dass Arafat nicht vergiftet wurde, wie es viele Einwohner der palästinensischen Gebiete bis zuletzt geglaubt hatten.

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