Nahost Intifada oder Bürgerkrieg?

In Jerusalem herrscht höchste Sicherheitsstufe. Die Gewalt eskaliert und erfasst nicht nur die besetzten Gebiete, sondern auch Israel. Vom Friedensprozess redet niemand mehr, dafür von Bürgerkrieg.

Von Dominik Baur, Jerusalem


Israelische Polizisten patrouillieren an jeder Straßenecke
AFP

Israelische Polizisten patrouillieren an jeder Straßenecke

Jerusalem - Montagvormittag, 11 Uhr. In der Altstadt von Jerusalem herrscht Ruhe. Die meisten arabischen Läden sind geschlossen. Die Palästinenser haben einen Generalstreik ausgerufen; ein weiteres Zeichen des Protests gegen die israelischen "Besatzer". Ein Franziskanermönch fährt eine Gruppe italienischer Reisender herum. Die engen Gassen teilen sich ein paar Touristen und hunderte von schwer bewaffneten israelischen Soldaten und Polizisten. An jeder Straßenecke stehen sie. Nach den Ereignissen der letzten Tage ist höchste Sicherheitsstufe angesagt.

Besonders geballt ist das Militäraufgebot auf dem Platz vor der Klagemauer. Orthodoxe Juden beten hier, während die Soldaten auf dem Platz stehen und sich unterhalten oder im Schatten der Gemäuer liegen. Von jenseits der Mauer hört man den Ruf des Muezzins. Dort auf dem Tempelberg stehen der Felsendom und die Aksa-Moschee - das weltweit drittwichtigste Heiligtum der Moslems. Der Zugang zum Tempelberg ist heute geschlossen. Hier hat vor vier Tagen alles angefangen: Der Führer des rechtsgerichteten Likuds, Ariel Scharon, provozierte die palästinensische Seite, indem er den Tempelberg besuchte - im Schutz eines massiven Militäraufgebotes. Die Palästinenser waren entsetzt.

Barak und Arafat unter Zeitdruck

Steine fliegen: Wütende Stimmung in Ramallah
REUTERS

Steine fliegen: Wütende Stimmung in Ramallah

Danach eskalierte die Gewalt. Mehr als 30 Menschen ließen in vier Tagen ihr Leben. Während der Friedensprozess mal wieder ins Stocken geraten ist. Sowohl der israelische Ministerpräsident Ehud Barak als auch Palästinenserpräsident Jassir Arafat stehen unter enormem Zeitdruck.

Brennende Reifen und fliegende Steine dominieren das Straßenbild im gesamten Gaza-Streifen und dem Westjordanland. Die Bilder erinnern an die Intifada. Doch immer öfter ist jetzt von Bürgerkrieg die Rede. Denn es sind nicht mehr nur Steine werfende Demonstranten, die für Gewalt sorgen. Immer wieder stehen sich israelische Soldaten und palästinensische Soldaten direkt gegenüber und schießen mit scharfer Munition. Allein in Ramallah kamen bei Feuergefechten am Sonntag fünf Palästinenser ums Leben. Dazu erhalten die Kämpfe diesmal eine neue Dimension: Auch israelische Araber gehen auf die Straße.

Umm el-Fachem: Isarelische Soldaten gehen mit Tränengas gegen Palästinenser vor
AFP

Umm el-Fachem: Isarelische Soldaten gehen mit Tränengas gegen Palästinenser vor

Tags zuvor in Umm el-Fachem. Von einer Minute auf die andere wird die an einem Hang gelegene arabische Kleinstadt im Norden Israels zu einem Brennpunkt der Gewalt. Maskiert und palästinensische Flaggen schwenkend rennen junge Männer die Straße herab. Einige rollen Autoreifen vor sich her, bald brennen diese auf der Kreuzung der Hauptstraße in Richtung Nazareth. Dann fliegen die ersten Steine auf ein vollbesetztes Auto. Als sich herausstellt, dass es ausländische Journalisten sind, entschuldigt sich der Kämpfer höflich. Gemeint sind andere: Israelis. Die Armee. Die ist auch bald vor Ort. Die Ausschreitungen dauern bis zum späten Nachmittag. Traurige Bilanz: Auch hier ein Toter.

Scheich Jassin und seine Visionen

Unterdessen sitzt Scheich Ahmed Jassin, Gründer und spiritueller Führer der Hamas, in seinem Häuschen mit Meerblick und doziert über Recht und Unrecht in Palästina. "Palästina ist das ganze Land zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer", so Jassin, der sich als Freund Arafats bezeichnet und doch politisch in fast nichts mit dem Palästinenserpräsidenten übereinstimmt.

Scheich Jassin
Dominik Baur

Scheich Jassin

Niemals werde sich die Hamas mit einem kleineren Staat zufrieden geben. "Was zurzeit stattfindet, ist kein Friedensprozess, sondern das sind Kapitulationsverhandlungen. Ein echter Frieden gibt jedem sein Recht." Und was ist das Recht der Israelis? Für den Scheich ist das keine Frage: Juden, die ihre Wurzeln in Palästina hätten, dürften auch weiterhin hier leben. Die eingewanderten Israelis sollen jedoch wieder in ihre Ursprungsländer zurückgehen. Während der 63-Jährige mit leiser Stimme seine Visionen eines freien Palästinas erklärt, stecken draußen junge Freiheitskämpfer auf den Straßen Autoreifen in Brand. Die meisten von ihnen sind keine zehn Jahre alt.



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