Nahost Israel lehnt Feuerpause trotz Kana-Tragödie ab

Israels Angriff auf das libanesische Dorf Kana, bei dem 37 Kinder starben, hat weltweit Kritik und Entsetzen ausgelöst. Die EU verurteilt den Angriff, US-Außenministerin Rice ruft nach einer Waffenpause. Premierminister Ehud Olmert drückt Bedauern aus, will die Offensive aber fortsetzen.


Beirut/Tel Aviv - "Wir werden im Angesicht der Hisbollah nicht nachgeben und werden die Offensive trotz der schwierigen Umstände nicht stoppen", erklärte der israelische Regierungschef am Sonntag der Internetseite Ynet zufolge. "Es ist die richtige Handlung", so Olmert, "Hisbollah bedroht die westliche Zivilisation." Als man sich zum Eingreifen entschied, habe man gewusst, dass es "schwierige Situationen" geben werde. "Die werden wir durchstehen und wir werden gewinnen." Zugleich drückte Olmert einem israelischen Radiobericht zufolge "tiefe Sorge" über den Angriff aus. Einer Reuters-Meldung zufolge will der Premier humanitäre Hilfe für Kana ermöglichen.

Bei dem israelischen Luftangriff auf das südlibanesische Dorf waren am Morgen nach Polizei- und Augenzeugenangaben 54 Menschen getötet worden. Nach letzten Agenturmeldungen sollen darunter auch 37 Kinder gewesen sein. In dem Haus hätten über 60 Menschen - davon der größte Teil Flüchtlinge - im Keller Schutz gesucht, hieß es. Das Gebäude stürzte völlig ein. Fotos von Nachrichtenagenturen zeigten Helfer, die Kinderleichen aus den Trümmern trugen.

Mehrere westliche Regierungen hatten Olmerts Regierung nach der Tragödie von Kana aufgefordert, die Angriffe zumindest vorübergehend einzustellen. US-Außenministerin Condoleezza Rice sagte, es sei "Zeit für einen Waffenstillstand". Sie sei zutiefst betrübt wegen der Bombardierung Kanas. Der EU-Chefdiplomat Javier Solana sagte, nichts könne die Angriffe von Kana rechtfertigen. Die Europäische Union werde ihre Bemühungen um eine sofortige Waffenruhe verstärken.

Die britische Außenministerin Margaret Beckett sagte: "Es ist absolut fürchterlich, es ist wirklich entsetzlich. Wir haben Israel wiederholt aufgefordert, verhältnismäßig zu agieren." Der Angriff Attacke sei aber "unverhältnismäßig". Frankreichs Präsident Jacques Chirac teilte mit: "Frankreich verurteilt diese ungerechtfertigte Handlung, die mehr als zuvor die Notwendigkeit eines sofortigen Waffenstillstands zeigt." Der jordanische König Abdullah II sprach von einem "hässlichen Verbrechen." Papst Benedikt XVI. appellierte an die Kriegsparteien, sofort die Waffen niederzulegen. Besondere Betonung legte er dabei auf das Wort sofort, so der Papst vor Pilgern.

"Hätten wir gewusst, dass dort drinnen viele Zivilisten waren, besonders Frauen und Kinder, hätten wir sicher nicht angegriffen", sagte der israelischer Offizier der Nachrichtenagentur Reuters. Die Luftwaffe habe eine so genannte Präzisionsbombe auf das Haus geworfen. Ein Sprecher der Regierung sagte aber, die Hisbollah missbrauche die Zivilbevölkerung oft als "menschliche Schutzschilde" für ihre Stützpunkte. Laut Olmert sind alle Bewohner von Kana gewarnt und zur Flucht aufgefordert worden. Aus dem Dorf seien Hunderte Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert worden, so Olmert.

Die Tragödie bedroht den Fortgang der Vermittlungsmission, zu der Rice derzeit im Nahen Osten unterwegs ist. Ihr für den Sonntag geplanter Besuch in Beirut wurde kurzfristig abgesagt. "Sie wird nicht in Beirut erwartet", sagte ein libanesischer Regierungsbeamter. Rice sagte, sie bleibe aber in der Region. Der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora hatte zuvor mitgeteilt, es werde keine Verhandlungen mehr geben, solange Israel nicht zu einer "sofortigen und bedingungslosen Waffenruhe" bereit sei. Er bezeichnete den Angriff von Kana als "Kriegsverbrechen".

In Beirut drang nach dem Angriff eine aufgebrachte Menschenmenge in das Hauptquartier der Vereinten Nationen ein. Die Hisbollah drohte Rache für den israelischen Luftangriff an. "Unsere Vergeltung dieses schrecklichen Massakers wird hart sein", erklärte ein Funktionär der Organisation in Beirut.

itz/dpa/Reuters/AFP



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