Nahost Israels Luftwaffe zerschmettert Libanons Infrastruktur

Israels Bomberpiloten haben heute erneut die Infrastruktur des Libanon ins Visier genommen: Wichtige Brücken und Autobahnen wurden zerstört. Die Versorgung der Hauptstadt Beirut steht vor dem Zusammenbruch.


Beirut/Tel Aviv - Brücken, Elektrizitätswerke, Raffinierien: Die israelische Armee zerstört systematisch die infrastrukturellen Lebensadern des Libanon. Allein in der vergangenen Nacht hat die Luftwaffe vier Brücken im Norden von Beirut bombardiert. Eine der zerstörten Brücken entlang der nördlichen Küstenstraße nach Syrien lag in der vorwiegend von Christen bewohnten Hafenstadt Dschunije, in der Nähe des berühmten "Casino du Liban".

Ein anderes Ziel war die Madfoun-Brücke, die den Norden des Libanon mit dem Rest des Landes verbindet und als eine der letzten verbliebenen Verbindungen nach Syrien galt.

Am Mittag starben bei einem Luftschlag in Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze nach Angaben aus Sicherheitskreisen 25 Zivilisten. Kampfbomber hätten einen Parkplatz für Busse und Lastwagen nahe der Stadt Qaa beschossen.

Kurz zuvor waren auch die schiitischen südlichen Vorstädte der libanesischen Hauptstadt angegriffen worden. Dabei wurden mindestens fünf Menschen getötet und 15 weitere verletzt, bestätigte die libanesische Polizei. Die Kampfflugzeuge bombardierten auch ein wichtiges Elektrizitätswerk, das die Bekaa-Ebene mit Strom versorgt.

Bisher hatte die israelische Armee ihre Angriffe in der libanesischen Hauptstadt bis auf wenige Ausnahmen auf die südlichen Schiiten-Vororte beschränkt, in der die Hisbollah viele Anhänger hat.

Bei schweren Gefechten wurden heute auch fünf israelische Soldaten getötet. Der arabische Sender "al-Arabija" berichtete, es sei nahe der Ortschaft Markaba zu heftigen Kämpfen gekommen. Aus libanesischen Sicherheitskreisen hieß es, die Milizen hätten israelische Verbände unter scharfen Beschuss genommen. Dabei seien auch Panzer-Abwehrraketen zum Einsatz gekommen.

Die USA und Frankreich sind weiter intensiv um eine Uno-Resolution bemüht. Die Beratungen auch über die Bedingungen für den Einsatz einer internationalen Schutztruppe sollen heute in New York fortgesetzt werden. Ein Sprecher des US-Außenministeriums sagte, die Regierung von Präsident George W. Bush hoffe, der Uno-Sicherheitsrat könnte schon heute eine entsprechende Resolution beschließen. Der britische Premierminister Tony Blair hatte sich am Donnerstag zuversichtlich gezeigt, dass eine Lösung innerhalb weniger Tage möglich sei.

US-Botschafter John Bolton sagte nach einem dreistündigen Treffen mit seinem französischen Kollegen Jean-Marc de la Sabliere in New York, es gebe zwar noch kein Ergebnis, die Differenzen seien aber abgebaut worden. "Wir hatten einige kreative Gedanken und konnten uns auf etwas verständigen, das wir in die Hauptstädte schicken können, damit sie uns weitere Anweisungen geben", sagte Bolton. Beide ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen arbeiten an einer Resolution, in der ein Waffenstillstand zwischen Israel und der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz gefordert und ein Rahmen für eine dauerhafte politische Lösung vorgeschlagen werden sollen. Mit einer zweiten Entschließung sollen der Einsatz der Schutztruppe sowie die Bedingungen für eine anhaltende Waffenruhe und die Entwaffnung der Hisbollah beschlossen werden.

Die USA und Frankreich, das als Führungsmacht der internationalen Truppe im Gespräch ist, streiten vor allem über den Beginn des Einsatzes. Die Vereinigten Staaten wollen die Soldaten unmittelbar nach einer Feuerpause im Libanon stationieren. Frankreich will den Einsatz dagegen erst beginnen lassen, wenn ein dauerhafter Waffenstillstand in Kraft ist. Strittig ist außerdem die israelische Forderung, auch weiterhin mit Truppen im Libanon präsent zu sein.

Der britische Premierminister Tony Blair hat wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen die Abreise in den Sommerurlaub verschoben. Der Labour-Regierungschef wolle sich persönlich um das Zustandekommen einer Resolution kümmern, teilte eine Regierungssprecherin heute mit. Die nächsten Tage seien dafür vermutlich "entscheidend".

Ursprünglich hatte sich Blair nach der Rückkehr von einer mehrtägigen USA-Reise heute in den Urlaub auf die Karibik-Insel Barbados verabschieden wollen. Stattdessen beriet er nach Angaben der Sprecherin am Vormittag mit Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Uno-Generalsekretär Kofi Annan telefonisch über das weitere Vorgehen.

Blair steht in seiner Heimat in der Kritik, weil er sich in der Nahost-Krise dem Kurs des US-Präsidenten angeschlossen hat.

ler/hen/dpa/Reuters

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