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Nahost-Konflikt: Ägyptens Israel-Politik entzweit arabische Welt

Von Volkhard Windfuhr, Kairo

Ägyptens Weigerung, die Grenze zu Gaza zu öffnen, ruft Empörung hervor: Syrien und Iran beschuldigen Kairo der "Komplizenschaft" mit Israel. Militante Islamisten stacheln die ägyptische Bevölkerung gegen die eigene Regierung auf - und verschärfen den Druck auf Präsident Mubarak.

Kairo - Die Demonstranten vor der Kairoer Al Azhar-Universität, der prominentesten Bildungsstätte des sunnitischen Islam, rufen mit wutverzerrten Gesichtern: "Öffnet die Grenze bei Gaza, brecht die Beziehungen zu Israel ab!" Mindestens 500 vermummte Jugendliche, hier und da auch ein paar Erwachsene und Greise mit Rübezahlbart, wie ihn fromme Gläubige zu tragen pflegen, schimpfen auf die mit Schlagstöcken und Plastikschilden bewehrten Mitglieder der Bereitschaftspolizei.

Protest in Kairo: Hunderte demonstrieren gegen die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen
DPA

Protest in Kairo: Hunderte demonstrieren gegen die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen

"Lasst uns in die Moschee", schreien die aufgebrachten Protestler mit der grün-schwarz-weiß-roten Palästinenserfahne, die Ulemas müssten jetzt den heiligen Krieg gegen das "zionistische Gebilde" ausrufen, wie islamistische und nationalistische Hardliner den Staat Israel bezeichnen.

Zu den Protesten hatten die radikale Hisbollah-Miliz im Libanon und die ägyptische Opposition aufgerufen. Wenn die ägyptische Führung nicht den Grenzübergang Rafah öffne und dem palästinensischen Volk helfe, könne sie als Komplize des "Massakers und der Blockade" betrachtet werden, sagte der Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah im libanesischen Fernsehen.

Hetze gegen Ägypten

Im Umgang mit der im Gazastreifen herrschenden Hamas ist die arabische Welt in zwei Lager gespalten. Während Ägypten und Saudi-Arabien die moderate Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas unterstützen, stehen vor allem Syrien und Iran auf der Seite der Hamas - vor allem von ihnen wird Ägypten der "Komplizenschaft" mit Israel beschuldigt. In palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon wurde Präsident Husni Mubarak am Montag als "Verräter" beschimpft.

Die Wut wird von arabischen und iranischen Medien angeheizt. Einige hatten berichtet, Mubarak hätte von Israels Außenministerin Zipi Livni persönlich die Information vom bevorstehenden Angriff auf Gaza erhalten und diese den Palästinensern vorenthalten.

Dieser Vorwurf ist freilich haltlos. Vielmehr wurde seitens Ägyptens auf einer Pressekonferenz vor einem schrecklichen israelischen Feldzug gewarnt, falls die Hamas die "sinnlosen Raketenangriffe ihrer Kampfeinheiten" nicht sofort einstelle und die einseitige Beendigung der Waffenruhe mit Israel wieder zurücknehme: "Gebt Israel keinen Vorwand, einen Angriff zu starten".

"Die Herzen der Ägypter glühen", analysiert Adil Hammuda, Chefredakteur der besonders aufmüpfigen Oppositionszeitung "Al-Fadschr" ("Das Morgengrauen"). "Natürlich haben wir alle zutiefst empfundenes Mitleid mit den eingeschlossenen und den israelischen Granaten ausgelieferten Frauen und Kindern im Gazastreifen."

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte
Hammuda findet es auch richtig, dass die Regierung, aber auch der Rote Halbmond und Privatpersonen Samariterdienste zu leisten versuchen. Doch den Abbruch der Beziehungen zu Israel und das Risiko eines neuen Waffengangs mit der hochgerüsteten Armee des Nachbarlandes hält er für töricht: "Extremisten dürfen wir doch nicht in die Hände spielen". Israels "unmenschliche Vernichtungskampagne" müsse die Welt "zum Einschreiten bewegen" - aber bitte ohne einen neuen Krieg zu schüren.

"Erklärt Israel den Krieg"

Ad-Dastur, "Die Verfassung", wortgewaltige Wochenpostille im Kairoer Blätterwald, erwartet jedoch mehr. Der bekannte linkslastige Leitartikler Ibrahim Issa verlangt gar, Präsident Mubarak möge die Grenzen zum Gaza-Streifen öffnen und allen Palästinensern erlauben, unbesehen nach Ägypten zu flüchten.

Ähnlich deutlich klingt auch die Forderung der radikalislamischen Moslem-Bruderschaft, die den afghanischen Taliban und den blutrünstigen algerischen Nationalisten nahesteht. "Öffnet den Palästinensern die Grenzen und erklärt Israel den Krieg" ereiferte sich ein Sprecher der Bewegung, die mit 88 Gefolgsleuten im ägyptischen Parlament vertreten ist.

SPIEGEL ONLINE

Die religiös orientierte Zeitung "Al Ahrar" kam mit der Hauptüberschrift "Revolution des Zorns in Ägypten" heraus und untertitelte ein Foto des auf Verhandlungen und Ausgleich bedachten ägyptischen Außenministers Ahmad Abu Al Ghait zusammen mit seiner israelischen Amtskollegin Livni mit "Treffen der Bösewichter" .

Doch das Wochenblatt brachte auch die Meldung, dass die Hamas-Regierung in Gaza es palästinensischen Verwundeten und Kranken verboten habe, die Grenze bei Rafah zu überqueren, um sich in ägyptischen Krankenhäusern gratis behandeln zu lassen. Der ägyptische Gesundheitsminister, der selbst an der Spitze einer voll ausgerüsteten Ärzte-Abordnung an die Grenze gereist war, hatte dies angeboten.

Ismail Haniya, der von der islamistischen Hamas eingesetzte Regierungschef in Gaza, bekräftigte sein Verbot im Fernsehen: "Ägypten sollte alle Palästinenser ohne wenn und aber einreisen lassen", sagte er, "nur Kranke und Verletzte – das lasse ich nicht zu."

"Oh ihr Ungläubigen, wir warnen euch"

Der Zorn wird indes weiter geschürt. Der von einem saudiarabischen Milliardär finanzierte Fernsehsender "Al-Huda" ("Der rechte Weg") strahlte am dritten Tag der Luftangriffe eine Talkshow aus, die der Gaza-Tragödie gewidmet war. Ein aus London zugeschalteter Islamisten-Einpeitscher rief alle Moslems dazu auf, "den Nichtmoslems, vor allem in Europa" klarzumachen, dass sie sich nicht länger auf die Seite Israels stellen dürfen.

"Wir Moslems hatten einst die Welt beherrscht", predigte der Redner, "und wir warnen das Abendland, das Israel in all seinen Verbrechen unterstützt, dass wir eines Tages das islamische Kalifat wiedererrichten werden. Oh ihr Ungläubigen, stellt euch darauf ein".

Auf den Einwand, dass der Palästinakonflikt doch nur über Friedensverhandlungen gelöst werden könne, antwortete der Islam-Stratege unverblümt offen: "Die Hamas greift endlich zu den Waffen. Notfalls setzen wir die ganze Welt in Brand."

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