Nahost-Konflikt im Netz Israelische Aktivisten wollen Wikipedia umschreiben

Der Nahost-Konflikt wird auch im Internet ausgetragen - von beiden Seiten. Doch jetzt starten rechtsgerichtete israelische Gruppen die Initiative "Zionistisches Schreiben". Das Ziel: Wikipedia-Einträge in ihrem Sinne umschreiben.

Hebräische Wikipedia: Im Eintrag über das palästinensische Westjordanland heißt das Gebiet "Juda ve Shomron", gemäß der biblischen Überlieferung der alttestamentarischen Königreiche "Juda" und "Samaria"

Hebräische Wikipedia: Im Eintrag über das palästinensische Westjordanland heißt das Gebiet "Juda ve Shomron", gemäß der biblischen Überlieferung der alttestamentarischen Königreiche "Juda" und "Samaria"

Von Dominik Peters


Berlin - Ist Jerusalem die Hauptstadt Israels? Sind das Westjordanland und die Golanhöhen Teil des jüdischen Staates? Und was geschah eigentlich wirklich bei der Erstürmung der Gaza-Hilfsflotille "Mavi Marmara"? Auf diese und weitere Fragen wollen zwei rechtsgerichtete israelische Organisationen nun ihre Antworten geben - auf Wikipedia, der Internet-Enzyklopädie.

Die Siedlerorganisation "Jescha Council" (Akronym für Judäa, Samaria und Gaza) und die ultrakonservative Gruppe "Israel scheli" (zu deutsch: "Mein Israel") haben diese Woche in Jerusalem die Initiative "Zionistisches Schreiben" ins Leben gerufen. Den Teilnehmern des Workshops soll erklärt werden, wie man Eintragungen auf Wikipedia effektiv umschreibt.

"Wir wollen Wikipedia nicht verändern oder in eine Propagandawaffe umwandeln", sagte Naftali Bennet, Direktor des "Jescha Councils", der britischen Tageszeitung "Guardian". Man wolle lediglich die andere Seite zeigen. "Die Menschen denken, Israelis sind niederträchtige und böse Menschen, die den ganzen Tag nur Araber verletzen wollen."

Kritik an der Regierung und Kampfansage an die Gegner

Für ihr Vorhaben scheint die virtuelle Mitmach-Enzyklopädie das richtige Instrument zu sein: jeder Einzelne kann die Millionen von Wiki-Einträgen ergänzen, verändern und umschreiben - in rund 260 Sprachen. Außerdem gilt das Online-Lexikon weltweit unter Usern als eine erste, schnelle Informationsquelle.

Bisher hätten Pro-Palästina-Aktivisten den Kampf um die digitale Meinungshoheit meist gewonnen, seien schneller und effektiver gewesen, meinen die Macher der Initiative "Zionistisches Schreiben". Das liege auch an der eigenen Regierung: In Jerusalem hätte man bisher "keinen guten Job gemacht", wenn es darum ging, der Welt Israel und sein Handeln medienwirksam zu erklären.

Zwar gibt es auf dem Videoportal YouTube einen eigenen Kanal der israelischen Armee. Auf ihm werden die User in hebräischer, arabischer und englischer Sprache über Aktionen und Einsätze informiert. Dazu wird die Sichtweise Israels auf den Nahost-Konflikt gleich mitgeliefert. Naftali Bennet aber scheint davon nicht sehr überzeugt. Er sagte der israelischen Tageszeitung "Haaretz", die Darstellung Israels im Internet im Allgemeinen und auf Wikipedia im Besonderen sei "erschreckend".

Als es beispielsweise am 31. Mai auf hoher See zum blutigen Konflikt um die Gaza-Hilfsflotille kam, sei die israelische Sichtweise anfangs nirgends zu finden gewesen, moniert er. "In den ersten Stunden haben Millionen von Menschen die Wörter 'Gaza-Hilfsflotille' auf Wikipedia eingegeben" und nachgelesen, was israelkritische Autoren geschrieben hätten. Auch die Tatsache, dass Jerusalem nicht als Hauptstadt Israels anerkannt wird und die Landkarte ohne das besetzte Westjordanland und die annektierten Golan-Höhen auf Wikipedia zu sehen ist, stellt für Bennet einen nicht hinnehmbaren Zustand dar. Dies soll sich künftig ändern.

Virtuelle Eingreiftruppe mit langfristigem Ziel

Ajelet Schaked von der Organisation "Israel Scheli" sieht das genauso. "Wir wollen diese Arena nicht der anderen Seite überlassen", sagte sie dem "Guardian". Trotzdem soll die virtuelle Eingreiftruppe aber keine Überfallkommandos durchführen. Im Workshop "Zionistisches Schreiben" soll den Teilnehmern vermittelt werden, wie man langfristig die Meinungshoheit in der digitalen Wikipedia-Welt gewinnt und sich auch in Videoplattformen, Chatrooms und sozialen Netzwerken wie Facebook durchsetzt.

Man habe erkannt, dass das massenhafte und zu offensichtliche Verändern von Texten nicht von Erfolg gekrönt sei. Die Wikipedia-Administratoren seien sehr skeptisch. Im Jahr 2008 wurde einer rechtsgerichteten Pro-Israel-Gruppe, die Einträge auf der Wikipedia-Seite umschreiben wollte, von den Administratoren ein Schreibverbot erteilt.

Das will man nun verhindern, trotzdem aber offensiv agieren. Um die Wikipedia-Workshop-Teilnehmer noch mehr für ihre Aufgabe zu begeistern, haben die Organisatoren deshalb einen Preis ausgerufen. Derjenige, der in den kommenden vier Jahren die meisten Artikel verändert, wird zum "besten zionistischen Autoren" gekürt - und bekommt eine Rundfahrt mit dem Heißluftballon über Israel.

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.