Nahost-Konflikt in Hebron Die sprachlose Stadt

Eine kleine Minderheit hat Hebron fest im Griff: Weil im Westjordanland radikale Israelis siedeln, müssen Palästinenser weichen. Die Stadt ist Sinnbild des verfahrenen Nahost-Konflikts, den auch die laufenden Friedensgespräche kaum lösen dürften.

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Aus Hebron berichtet Ulrike Putz


Geblieben sind nur ein paar Fotos: Auf ihnen ist zum Beispiel der Obstmarkt Hebrons zu sehen. Dutzende Passanten drängen sich um die mit Früchten überladenen Stände, ein alter Mann mit Palästinensertuch auf dem Kopf trägt eine Tüte mit Einkäufen durchs Bild. Ein anderer Schnappschuss zeigt einen altertümlichen Bogengang: Souvenirhändler bieten in seinem Schatten Stickereien feil, Kinder eilen zur Schule, ein altes Mütterchen geht in Richtung Kasbah.

Das Hebron, wie es die von israelischen Friedensgruppen zusammengetragenen Fotos aus den neunziger Jahren zeigen, gibt es so nicht mehr. Das Zentrum der zweitgrößten Stadt im Westjordanland liegt heute wie ausgestorben da. Denn mitten im Zentrum Hebrons steht eine jüdische Siedlung. 90 Familien haben sich hier niedergelassen: ideologisch motivierte Rechtsaußen, die Hebron für die Juden "zurückerobern" wollen.

Dafür nehmen sie in Kauf, dass ihre Kinder - bewacht von Hunderten israelischen Soldaten - in einer Geisterstadt aufwachsen. Sie akzeptieren auch, dass für das Wohl der etwa 800 Juden in Hebron alles palästinensische Leben in der Altstadt zum Erliegen gekommen ist - und das ist eine Stadt mit 170.000 Einwohnern.

Ein Besuch in Hebron kann jede Hoffnung zerstören, dass die gerade begonnen Friedensgespräche in Nahost zu einem Ergebnis führen könnten. Hier zeigt die israelische Besatzung des Westjordanlands ihr hässlichstes Gesicht.

Die Innenstadt ist in Sektoren unterteilt: Da sind Straßen, auf denen Juden fahren, Araber nur zu Fuß gehen dürfen. Manche Gassen sind für Siedler passierbar, für Palästinenser aber komplett gesperrt. Entlang der Schuhada-Straße, einst die Hauptschlagader des Hebroner Markts, sind die palästinensischen Läden verrammelt, sie mussten auf Anordnung des israelischen Militärs schließen - wegen Sicherheitsbedenken. Mehr als 1800 arabische Familien haben so ihr Einkommen verloren.

Frieden, gar Versöhnung scheint in Hebron sehr, sehr weit entfernt. In Kiryat Arba, einer Siedlung am Stadtrand, haben die Siedler eine Gedenkstätte für ihren Landsmann Baruch Goldstein gebaut. Der jüdische Arzt stürmte im Februar 1994 in die Hebroner Ibrahimi-Moschee und erschoss 29 betende Muslime.

Warum sich die Siedler ausgerechnet Hebron als Wohnort ausgesucht haben? Das hat religiöse wie politische Gründe: Zum einen liegen die Gräber der Stammväter des Volkes Israel in Hebron, andererseits soll damit ein anno 1929 begangenes palästinensisches Massaker an jüdischen Einwohnern Hebrons gerächt werden. Vor allem aber wollen die etwa 800 Siedler in Hebron den einheimischen Palästinensern eines klarmachen: "Sie werden verstehen müssen, dass sie hier nicht bleiben können", sagt David Wilder, Sprecher der Siedler-Gemeinde.

Die Siedlungen sind die Klippe in den Friedensverhandlungen

Was Wilder meint: dass Palästinenser in Palästina nichts zu suchen haben. Das Westjordanland, von den Siedlern Judäa und Samaria genannt, sei den Juden von Gott als Heimstatt versprochen worden. Und so gehöre es dem Staat Israel, den Juden. Den derzeitigen Friedensverhandlungen zwischen der Regierung in Jerusalem und den Palästinensern, die auf die Gründung eines palästinensischen Staates abzielen, stehen die Siedler dementsprechend feindselig gegenüber.

"Wenn Netanjahu auf die Forderungen der Palästinenser eingeht, ist das eine Kriegserklärung an uns," sagt Wilder.

Tatsächlich ist das Thema Siedlungen das Hauptproblem bei den laufenden Gesprächen. Washington übt massiven Druck auf Israel aus, damit es einen Ende dieses Monats auslaufenden Baustopp für Siedlungen verlängert. Der amtierende Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat angekündigt, andernfalls die Gespräche abzubrechen.

Die Siedler wiederum beharren darauf, ab Oktober wieder zu bauen - genau dort, wo die internationale Gemeinschaft einen Staat Palästina gegründet sehen will. Wilder und seine Gesinnungsgenossen wittern hinter der möglichen Verlängerung des Baustopps einen langfristigen Plan: Eine Regierung, die die Expansionspläne der Siedler durchkreuze, werde auch nicht davor zurückschrecken, das Westjordanland den Palästinensern "zu schenken".

Die Siedler als selbsternannte Hüter der Heimstatt des Volkes Israel wollen das verhindern - zur Not auch mit Gewalt. "Wenn es zur Gründung eines palästinensischen Staates kommt und wir hier zu Hunderttausenden vertrieben werden sollen, kann ich für nichts garantieren", sagt Wilder.

Er lebt seit zwölf Jahren hier. Seine Pistole Marke Glock legt er auch zu Hause nie ab.

Die Siedler fürchten, dass selbst eine rechte Regierung wie Netanjahus die Siedlungen als Opfer sehen könnte, die auf dem Altar des Friedens geopfert werden müssen. Dass die Likud-Partei zu schmerzlichen Zugeständnissen in der Lage ist, hat sie bereits zweimal bewiesen: 1979 gab Likud-Gründer Menachem Begin den Sinai an Ägypten zurück, die jüdischen Siedler dort mussten weichen. 2005 wiederholte Likud-Falke Ariel Scharon die Aktion im Gaza-Streifen. Auch dort wurden die Siedler gegen ihren Willen evakuiert.

Der Wohnraum in den Siedlungen ist billig

Im Westjordanland trainieren inzwischen jüdische Milizen, um palästinensische Angriffe abzuwehren. Doch einige der jungen Männer machen keinen Hehl daraus, dass sie auch gegen die eigene Armee kämpfen würden, käme diese mit einem Räumungsbefehl. Doch bevor es so weit kommt, setzen die Siedler auf politische Mittel, um ihre Forderungen durchzusetzen.

Etwa 500.000 jüdische Israelis leben inzwischen auf besetztem palästinensischen Gebiet. Viele sind bloß gekommen, weil Wohnraum in den Siedlungen billig ist. Doch die Angst, das gute Leben auf fremdem Land könne bald ein Ende haben, lässt auch viele unpolitische Siedlungsbewohner Parteien am rechten Rand wählen - und die halten die Regierung von Benjamin Netanjahu im Schwitzkasten. Seine Koalition ist auf die Stimmen der Siedler angewiesen, was Männer wie Wilder so selbstsicher macht. "Wenn Netanjahu vor den Palästinensern kuscht, lassen wir seine Koalition scheitern", sagt der 56-jährige Vater von sieben Kindern, die ihm eine reiche Schar von Enkeln und Urenkeln beschert haben.

Die Mehrheit der Israelis ist zwar der Ansicht, dass der Großteil des Westjordanlands - allen voran kleine Hardliner-Siedlungen wie die in Hebron - aufgegeben werden müssen, um den Nahost-Konflikt zu entschärfen. Die Siedler vertreten die Minderheitenmeinung. Und trotzdem beeinflussen sie die Politik Netanjahus massiv.

Schuld daran sind ironischerweise die gemäßigten Kräfte im israelischen Parlament. Zipi Livni, die sich für die Zwei-Staaten-Lösung ausspricht, führte nach den Wahlen im Februar 2009 mit ihrer Kadima-Partei die größte Fraktion in der Knesset. Doch war es Netanjahu, der mit Hilfe kleiner, teils extremer Parteien eine Koalition schmiedete. Die Weigerung Livnis, sich einer Großen Koalition unter Netanjahu anzuschließen, hat den Siedlervertretern im Parlament enorme Macht beschert. Die Friedenswilligen im Parlament scheinen sich selbst in die Bedeutungslosigkeit manövriert zu haben.

In Hebron hat sich derweil der Frust breitgemacht. "Vor allem die Jugendlichen unter uns wollen endlich wieder bauen", sagt Wilder. In den Gemeinden in und um Hebron warteten die Menschen ungeduldig auf das Monatsende. "Dann werden wir weitermachen, unsere Zukunft hier in Stein meißeln," sagt der gelernte Historiker. Was passieren könnte, sollte sich Jerusalem doch noch auf eine Verlängerung des Moratoriums einlassen, möchte er lieber nicht voraussagen.

"Aber Sie wissen ja, wie sich Leute verhalten, die man in die Ecke drängt, denen man keinen Ausweg lässt", sagt Wilder. "Sie explodieren."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Baracke Osama, 22.09.2010
1. --
Zitat von sysopEine kleine Minderheit hat Hebron fest im Griff: Weil im Westjordanland radikale Israelis siedeln, müssen Palästinenser weichen. Die Stadt ist Sinnbild des verfahrenen Nahost-Konflikts, den auch die laufenden Friedensgespräche kaum lösen dürften. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718583,00.html
"Die Siedler als selbsternannte Hüter der Heimstaat des Volkes Israel wollen das verhindern - zur Not auch mit Gewalt. "Wenn es zur Gründung eines palästinensischen Staates kommt und wir hier zu Hunderttausenden vertrieben werden sollen, kann ich für nichts garantieren", sagt Wilder." Die vertriebenen Palästinenser werden dagegen als Terroristen bezeichnet, wenn sie sich selbst als Vertriebene ansehen und auf das Recht bestehen, das alte Territorium zurückzubekommen, und das "notfalls mit Gewalt". Diese Doppelmoral ist absurd. Die Palis sollen den Israelischen Staat anerkennen (bestenfalls mit heutigem Territorium), wenn allerdings ein Pali-Staat ausgerufen wird, haben die Palis kein Recht auf Rückkehr und die Siedler "können dann für nichts garantieren"; sie sollen am besten dort bleiben wo sie jetzt sind. Einfach lächerlich!
Nicola54 22.09.2010
2. Sagt alles
Dieser Artikel sagt alles darüber, wie interessiert Israel wirklich an einem friedlichen Zusammenleben interessiert ist, nämlich gar nicht. Das ist die Fortführung einer Politik, seitdem Juden nach Palästina eingewandert sind. Das Resultat sehen wir heute. Und wundern uns über die palästinensischen "Terroristen" und "Extremisten". Überall sonst auf der Welt würden sie als Freiheitskämpfer gelten, nur gelten ja für Israel andere Gesetze, auf jeden Fall kein Völkerrecht und auch nicht die Menschenrechte.
Mario V., 22.09.2010
3. Siedler
Zitat von Baracke Osama"Die Siedler als selbsternannte Hüter der Heimstaat des Volkes Israel wollen das verhindern - zur Not auch mit Gewalt. "Wenn es zur Gründung eines palästinensischen Staates kommt und wir hier zu Hunderttausenden vertrieben werden sollen, kann ich für nichts garantieren", sagt Wilder." Die vertriebenen Palästinenser werden dagegen als Terroristen bezeichnet, wenn sie sich selbst als Vertriebene ansehen und auf das Recht bestehen, das alte Territorium zurückzubekommen, und das "notfalls mit Gewalt". Diese Doppelmoral ist absurd. Die Palis sollen den Israelischen Staat anerkennen (bestenfalls mit heutigem Territorium), wenn allerdings ein Pali-Staat ausgerufen wird, haben die Palis kein Recht auf Rückkehr und die Siedler "können dann für nichts garantieren"; sie sollen am besten dort bleiben wo sie jetzt sind. Einfach lächerlich!
Dazu kommt noch die Ansicht mancher, die israelische Regierung könne sich nicht gegen die Siedler durchsetzen (siehe Forum zum Artikel gestern) Hier sieht man deutlich dass das Blödsinn ist. Ganz im Gegenteil, Israel unterstützt diese Siedler. Oder warum werden sie von israelischen Soldaten beschützt?
schlechtmensch 22.09.2010
4. Meiner bescheidenen Meinung nach
sollte da lieber heute als morgen eine "enduring peace" Mission unter Leitung der US Armee einmarschieren. Das wäre wirklich mal ein sinnvoller Einsatz. Man kann sich wohl nur vage vorstellen (oder möchte es eigentlich auch gar nicht lebhaft vorstellen) mit welchen Mitteln Israel gegen Palästinenser vorgeht um einen Zustand - wie hier im Artikel beschrieben - in Hebron zu erreichen und aufrechtzuerhalten. 170.000 Menschen können sich nicht wehren und sich ihr Leben zurückholen. Hebron ist ein Beispiel, aber wenn man sich einmal diese Karte von Amercians for Peace ansieht, könnte man vor Wut heulen. http://www.peacenow.org/map.php Bill Clinton hat es gerade noch mal auf den Punkt gebracht. Das Problem sind die Siedler und die russischen Einwanderer. Da fällt mir zu allererst Lieberman ein. Und davon gibt es Tausende. http://thecable.foreignpolicy.com/posts/2010/09/21/bill_clinton_russian_immigrants_and_settlers_obstacles_to_mideast_peace
kogno 22.09.2010
5. Nicht die radikalen Siedler, sondern der israelische Staat steckt dahinter
Zitat von sysopEine kleine Minderheit hat Hebron fest im Griff: Weil im Westjordanland radikale Israelis siedeln, müssen Palästinenser weichen. Die Stadt ist Sinnbild des verfahrenen Nahost-Konflikts, den auch die laufenden Friedensgespräche kaum lösen dürften. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718583,00.html
Die israelischen Siedlungspolitik hängt nur zu einem geringen Teil mit radikalen Siedlern zusammen. Hauptsächlich handelt es sich um staatliche Förderung von Wohneigentum. In den Siedlungen sind die Wohnungen sehr billig. Der israelische Staat nutzt den Umstand, dass ihm das Land in den besetzen Gebieten nichts kostet. Begonnen wurde die Siedlungspolitik 1970 von der linken Regierung Allon mit dem fadenscheinigen Vorwand, den Palästinensern den Fortschritt zu bringen. Das macht eine echte Zweistaatenlösung noch unwahrscheinlicher.
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