Nahost-Konflikt Israel greift Uni und Innenministerium in Gaza an

Israels Luftwaffe hat in der Nacht wichtige Einrichtungen der islamistischen Hamas bombardiert, darunter die Universität und das Innenministerium. Bei den mittlerweile drei Tage andauernden Angriffen im Gaza-Streifen starben mehr als 300 Menschen, mehr als 1000 wurden verletzt.


Hamburg - Israel hat seine Luftangriffe auf Ziele der islamistischen Hamas im Gaza-Streifen am Montag fortgesetzt. Ein Sprecher der israelischen Armee sagte, die Operation "Gegossenes Blei" gehe weiter. Der israelische Rundfunk meldete, in der Nacht habe die Luftwaffe etwa 40 Angriffe auf Ziele der Hamas geflogen.

Seit Beginn des Großeinsatzes am Samstag sind nach palästinensischen Angaben mehr als 300 Menschen getötet und mehr als 1000 verletzt worden. Israel will mit der Operation den ständigen Raketenbeschuss seiner Grenzorte aus dem Gaza-Streifen unterbinden. Ministerpräsident Ehud Olmert stimmte die Bevölkerung auf eine längere Auseinandersetzung ein. Erstmals seit dem Libanon-Krieg vom Sommer 2006 wurden rund 6500 Reservisten einberufen. Israel droht im Falle einer Fortsetzung des Raketenbeschusses mit einer Bodenoffensive. Ziel sind dann zuerst Raketenabschussrampen im nördlichen Gaza-Streifen.

Der Rundfunk meldete, in der Nacht seien unter anderem Waffenlager getroffen worden. Augenzeugen sprachen von vier riesigen Explosionen. Die Armee hatte das Innenministerium der Hamas und ein Gebäude der Islamischen Universität angegriffen. Die als Hochburg der islamistischen Hamas geltende Universität liegt im Zentrum von Gaza-Stadt. Ein israelischer Armeesprecher begründete die Attacke damit, dass das Universitätsgelände zur Entwicklung von Raketen, Sprengstoff und elektronischem Gerät für militante Kämpfer benutzt worden sei. Es sei ein Treffpunkt für Hamas-Aktivisten und diene zudem als Waffenversteck.

Zudem wurde nach israelischen Medienberichten ein Gebäude in der Nähe des Hauses von Ex-Ministerpräsident Ismail Hanija getroffen. Hanija war nicht zu Hause, wie andere Hamas-Führer hält er sich versteckt.

Die meisten Todesopfer waren nach Uno-Angaben Polizisten, zudem wurden bislang mindestens 20 Kinder, 9 Frauen und weitere 60 Zivilisten getötet. Der Großteil von ihnen starb in den ersten Minuten der Angriffe. Damit war der Samstag der Tag mit der höchsten Opferzahl in den Palästinensergebieten seit 1967. Erwartet wird laut Uno, dass die Zahlen noch steigen, die Suche nach Verschütteten dauere an.

Seit den Angriffen am Samstag schlugen über 100 Raketen und Mörser auf israelischem Gebiet ein. Dabei wurde ein Israeli getötet und zehn verletzt. Die Grenzübergänge wurden kurzzeitig für Transporte mit Lebensmitteln und Medikamenten von Hilfsorganisationen geöffnet. Aus Gaza-Stadt sowie Gebieten im Norden und in der Mitte des Gaza-Streifens wurden Stromausfälle von bis zu 16 Stunden gemeldet.

Israelische Medien berichteten unter Berufung auf palästinensische Kreise, bei den Angriffen sei auch der vor zweieinhalb Jahren verschleppte israelische Soldat Gilad Schalit verletzt worden. Aus israelischen Sicherheitskreisen hieß es, man halte dies nicht für glaubwürdig. Schalit sei eine "Trumpfkarte" für Hamas und die Organisation werde alles tun, um ihn am Leben zu erhalten. Schalit war am 25. Juni 2006 von einem Kommando unter Hamas-Leitung in den Gaza-Streifen entführt worden. Verhandlungen über seine Freilassung waren bislang erfolglos.

Kurz vor Mitternacht wurden in Beit Lahia im nördlichen Gaza-Streifen zwei palästinensische Zivilisten bei einem Luftangriff getötet, vier wurden verletzt.

Am Montag sollen auf Anweisung des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak hundert Lastwagen gelassen werden. Außerdem solle Treibstoff und Gas zum Kochen und Heizen über eine Pipeline in das Gebiet transportiert werden, berichteten israelische Medien.

Olmert erläuterte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Telefon die israelischen Beweggründe für die Offensive. Laut israelischen Medienangaben betonte er, Ziel seien die Hamas und andere palästinensische Terrorgruppen und nicht die Zivilbevölkerung.

Hunderte Palästinenser versuchten, über den Grenzzaun nach Ägypten zu gelangen. Dabei wurden sie jedoch von ägyptischen Grenzpolizisten zurückgedrängt. Bei Rafah kam es zu Zusammenstößen. Nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira wurden mindestens ein ägyptischer Grenzwächter und ein palästinensischer Jugendlicher getötet.

Zur Vorbereitung eines möglichen Bodeneinsatzes rollten am Sonntag zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge in Richtung Gaza-Streifen. Israel will mit seiner Offensive die ständigen Raketenangriffe militanter Palästinenser auf das israelische Grenzgebiet unterbinden.

Der Uno-Sicherheitsrat forderte nach einer Dringlichkeitssitzung in New York einen sofortigen Stopp aller Militäraktionen im Gaza-Streifen. Das Gremium war auf Antrag Libyens zusammengetreten.

Auf eine explizite Verurteilung der israelischen Luftangriffe auf den Gaza-Streifen konnte sich der Rat jedoch nicht einigen. Zuvor hatte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon den "unverhältnismäßigen" Einsatz von Gewalt kritisiert. Wie ein Sprecher am Samstag in New York mitteilte, verurteilte Ban zudem die anhaltenden Raketenangriffe militanter Palästinenser auf Israel. Die USA mahnten Israel zur Zurückhaltung. US-Außenministerin Condoleezza Rice machte aber die Hamas für die Eskalation der Gewalt verantwortlich, da sie die Waffenruhe beendet habe.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nannte die Hamas für die schweren israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen zumindest mitverantwortlich. "Wir haben ihnen eindringlich nahegelegt, die Waffenruhe mit Israel nicht zu beenden", sagte Abbas auf einer Pressekonferenz in Kairo.

Der Chef des Hamas-Politbüros, Chalid Maschaal, kündigte Vergeltung an und rief die Palästinenser zu einem Volksaufstand gegen Israel auf. Die EU verurteilte sowohl die israelischen Bombenangriffe als auch den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen auf israelisches Gebiet. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier befürchtet, dass der Gaza-Streifen "erneut in einer Spirale der Gewalt" versinken könnte.

cte/Reuters/AFP/AP/dpa

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